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Ausdauer im Sportstudium: Eine etwas andere Betrachtung

04. Januar 2021


Ein Triathlet auf ein einem Rennrad

Im Sports Science-Blog werden euch die Experten für Training und Diagnostik von ProAthletes zukünftig in die Welt der Sportwissenschaften mitnehmen. Einmal monatlich wagen wir einen Exkurs und tauchen ab in die Welt des Ausdauersport-Trainings. Für den Start blicke ich zurück auf meine persönlichen Anfänge an der Deutschen Sporthochschule Köln – und mein besonderes Interesse am Ausdauertraining.

Als junger Sportstudierender, mit großer Motivation für das Studium, dem nötigen Stolz an der Deutschen Sporthochschule in Köln studieren zu dürfen und dem Ziel so viel wie nur eben möglich an dieser berühmten Bildungsstätte zu lernen, war es für mich vor allem von Interesse das Thema Ausdauer und deren Training genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich war ich selbst Langstreckenläufer und angehender Triathlet mit großen Zielen.

So brachte das tägliche Training mehr Fragen auf, als am nächsten Tag in der Hochschule beantwortet werden konnten. Jedes Wahlseminar, jede Wahlvorlesung und die sportpraktischen Kurse wählte ich nach dem Kriterium Ausdauer und ihrer Relevanz in diesen Veranstaltungen.

Ausdauer war gefragt

Nach zwei Semestern kehrte jedoch nach und nach die Einsicht ein, dass ich mich wohl bis zum Hauptstudium gedulden und mich mit den Grundlagenveranstaltungen zufriedengeben musste. Dafür blieb mehr Zeit, um die größte sportwissenschaftliche Bibliothek Europas zu erkunden und in den Standardwerken der Sportwissenschaft zu schmökern. Ich verlor mich in Fachbüchern über die Sportarten Schwimmen, Radsport, Laufen und Triathlon.

Zum Ende des Grundstudiums fühlte ich mich somit gut gerüstet für das anstehende Hauptstudium und die Schwerpunktfächer Schwimmen und Radsport. Als dann aber in den vertiefenden Seminaren über Leistungsphysiologie und Ausdauerdiagnostik wieder nur Inhalte des Grundstudiums wiederholt und meine Fragen nicht beantwortet werden konnten, wuchs die Unzufriedenheit in den Kreisen unserer kleinen Ausdauer-Community, bestehend aus Radsportlern und Triathleten.

War es wirklich so schwierig die Thematik Ausdauer und Ausdauertraining ausführlich, praxisrelevant und verständlich zu behandeln? Oder gab es einfach noch nicht genug Wissen im Hintergrund? In den Schwerpunktfächern und besonders im Schwimmen (Dr. Bieder sei Dank) wurde unsere Motivation und unser Enthusiasmus nicht nur wahrgenommen, sondern befeuert.

Ausdauer-Ansätze

Was wir bis dahin, also im Grundstudium, gelernt hatten, waren Ansätze, um die die Ausdauer über die Zeit-Dimension zu erklären. So sprach man von Kurzzeitausdauer (je nach Autor 2-8 Minuten Belastung), Mittelzeitausdauer (bis 30 Minuten) und mehrere Langzeitausdauer-Kategorien (bis mehrere Stunden). So weit so gut, nur was sagt uns das über die Belastung an sich und vor allem für das Training?

Die Antwort war häufig: „Wer im Wettbewerb lange etwas leisten muss, der muss auch lange trainieren.“ Aus der Praxis wussten wir jedoch, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist. Warum trainierten international erfolgreiche Langstreckenläufer (die damals in Köln durchaus zu finden waren) sonst auch Intervalle auf der Bahn?

Als zweite Dimension wurden die Stoffwechselanteile dargestellt. Also grundsätzlich erst einmal zwischen aerobem und anaerobem Stoffwechsel unterschieden. Wobei man immer deutlich machte, dass zu jeder Zeit beide Formen des Stoffwechsels ablaufen und sich nur die Anteile über die Dauer verschieben. Demnach wurde wiederum dargestellt, dass mit zunehmender Dauer des Wettkampfes auch die Dauer des Trainings angepasst werden musste, da hier der aerobe Stoffwechsel weit über 90 Prozent beträgt. Warum man also Kurzzeitausdauerintervalle trainieren sollte, wurde nicht deutlich. Teilweise wurde von wettkampfspezifischem Training gesprochen, was man in den Wochen vor einem Wettkampf durchführen sollte, um den Körper an die Belastung zu gewöhnen.

Immer weiter!

Die einfachste Definition von Ausdauer (Stoff des 1. Semesters) ist, sie als Ermüdungswiderstandsfähigkeit zu beschreiben. Eben, man beschreibt eine motorische Hauptbeanspruchungsform. Man definiert sie damit aber nicht, zumindest nicht auf einer physiologischen Ebene.

Ein ehemaliger Kommilitone von mir fragte deshalb einen Dozierenden, etwas provokant, ob denn dann nicht militärisches Training im Sinne eines Gewaltmarsches als bestes Ausdauertraining gelten würde? Der Dozierende fasste die Frage sachlich auf und antwortete kurz und knapp, dass man deshalb die Erholungsfähigkeit als wesentliche Komponente der Definition hinzugefügt hätte. Als Beispiel wurde angeführt, dass zwei Sportler eine Belastung durchführen, der eine diese aber nicht nur länger durchhalten könnte, sondern sich davon sogar schneller erholen würde. Als wirklich große Erkenntnis konnten wir dieses Beispiel nicht verbuchen.

Etwas definitorischer wurde es, als man die Grundlagenausdauer (GA) als allgemeine aerobe dynamische Ausdauer definierte. Also eine Belastung, die mehr als 1/6-1/7 der Muskulatur des Körpers dynamisch im aeroben Stoffwechsel belastet. Da uns vermittelt wurde, dass die höchste aerobe Aktivität an der anaeroben Schwelle zu finden sei, konnte man von GA als Training vom extensivem bis zum schwellennahen Training bezeichnen . Dazu kamen noch Unterteilungen wie GA1 und GA2. Meine Bibliotheks-Recherche hatte mir hierzu schon die Erkenntnis gebracht, dass diese Bereiche, je nach Autor, meilenweit voneinander abweichen konnten. Der Begriff Grundlage vermittelte uns allen aber, dass dieser Bereich wichtig sein musste, weil auch immer wieder davon gesprochen wurde, dass man Ausdauer wie ein Haus aufbauen müsste. Da konnte eine Grundlage, oder besser gesagt ein Fundament, sicher nicht falsch sein.

Die Rolle der Schwellenleistung

Der Kreis des Narrativen sollte dann mit der berühmten anaeroben Schwelle geschlossen werden. So wurden in mehreren Seminaren Definitionen und Bestimmungen unterschiedlichster Schwellenkonzepte dargestellt, besprochen und in Frage gestellt. Eines wurde auf jeden Fall deutlich: Eine höchstmögliche Schwellenleistung schien von entscheidender Bedeutung für den sportlichen Erfolg zu sein und diese sollte sich durch Training an der Schwelle steigern lassen.

Als immer noch junger Sportstudierender und leidenschaftlicher Triathlet setzte ich natürlich unmittelbar in der Praxis um. Es folgte die schnelle Erkenntnis, dass dies überhaupt nicht möglich sein konnte. Hier zahlten sich die zig Stunden in der Uni-Bibliothek aus: Ich erinnerte mich an ein bemerkenswertes Buch. Es beinhaltete Darstellungen davon, wie die besten Langstreckenläufer der 80er/90er Jahren trainierten. In meinen gedanklichen Notizen wurde hier vor allem von großen Umfängen bei niedriger Intensität und für mich beeindruckenden Intervallserien berichtet. Schwellentraining dagegen kam kaum vor.

Das musste überprüft werden! So suchte ich das Buch in der Bib und mein Eindruck wurde bestätigt. Auffällig war aber auch, dass in dem Buch von quasi keinem Deutschen Läufer berichtet wurde. Die einzige Ausnahme war Dieter Baumann.

HIT und LIT kommen ins Spiel

Zur gleichen Zeit machte eine Arbeitsgruppe rundum Prof. Mester großes Getöse um das Thema High-Intensity-Training (HIT). Niemand verstand so wirklich, was es damit genau auf sich hatte und warum das nun neu sei, schließlich habe man schon immer auch intensiv trainiert. „Alter Wein in neuen Schläuchen“ also – zumindest nach Meinung einiger Professoren und Doktoranden der Hochschule.

Interessant wurde es jedoch, als der Parameter VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme) und ihre Bedeutung für den Ausdauersport in den Vordergrund rückte. Im Studium noch als gefühlte Randnotiz wahrgenommen, wurde die Wichtigkeit und vor allem die Physiologie dahinter immer deutlicher: Ohne würde es nicht gehen und vor allem HIT habe sich als starker Trigger für diesen Parameter herausgestellt. Zudem müsste man auch das niedrig intensive Training (LIT) weiterhin beherzigen und beide Trainingsformen in ein optimales Verhältnis setzen. Eine Message, die allerdings erst spät, fast schon zu spät, kommuniziert wurde. So hatten viele Studierende und auch Trainer das Gefühl entwickelt, man wäre der Meinung, dass nur noch HIT trainiert werden müsste. Dies wiederum führte zu regelrechter Ablehnung gegenüber dem Thema – in Teilen auch bei mir persönlich.

Am Ende des Studiums standen wir also da. Neun Semester Sportwissenschaften auf Diplom studiert. Viele interessante und lehrreiche Veranstaltungen besucht, verdammt viel gelernt (nicht nur für Prüfungen), bereit den nächsten Schritt in der Ausbildung (Promotion) oder auf dem Arbeitsmarkt zu gehen.

Was ist denn jetzt mit der Ausdauer?

Nur in einer Sache waren wir uns einig: Über Ausdauer wussten wir gefühlt weniger als vor dem Studium. Der berühmte Dunning-Kruger-Effekt war eingetreten. Wir steckten also im Tal der Verzweiflung, nachdem wir in den ersten Semestern zum Teil sicher schon den Mount Stupid erklommen hatten. Was wir aber hatten, war unsere grundsolide wissenschaftliche Ausbildung und diese nutzten wir in den nächsten Jahren, um unser Wissen rund um das Ausdauertraining und zunächst der Ausdauerdiagnostik (für uns die Grundlage für alle weiteren Schritte) zu erweitern.

Brückenschlag zur Triathlon Crew

Wer sich also heute Videos der Triathlon Crew anschaut, der kann einen kleinen Eindruck davon erhaschen welchen Weg wir gegangen sind, um all diese Informationen kompakt (auch wenn es im Two-Minutes-Tuesday nie mit zwei Minuten getan war), verständlich und vor allem wissenschaftlich fundiert darzustellen. Dazu kommt natürlich ab und zu die Möglichkeit, eine Abkürzung gezeigt zu bekommen, um das Verständnis, worum es im Ausdauersport aus leistungsphysiologischer eigentlich geht, zu entwickeln. Außerdem wollen wir zeigen, wie man an weitere Informationen kommt und welche Fragestellungen zurzeit wissenschaftlich erforscht werden.

Das Ganze versuchen wir nahezu immer mit Bezug zur Praxis – mittlerweile sogar über den Tellerrand des Triathlonsports hinaus – aufzuarbeiten. Was aber dennoch jeder Interessierte machen sollte, ist, sich mit der Thematik angemessen und mit der nötigen Geduld sowie Zeit, in der Tiefe und Breite zu beschäftigen.

Gleichzeitig möchte ich Studienanfängern, -interessierten oder auch Absolventen die Nachricht mit auf den Weg geben sich nicht demotivieren zu lassen, sondern das zu sehen was man durch ein Studium erhalten hat: Als Sportwissenschaftler ist man zum Wissenschaftler ausgebildet worden. Man hat das Rüstzeug und die Fähigkeit an die Hand bekommen, das lebenslange Lernen auszufüllen. Dies ist in der heutigen Zeit sicher wichtiger als je zuvor, weil man vor allem im Stande dazu ist qualitativ hochwertige Informationen von subjektiven Meinungen oder Verkaufsargumenten zu unterscheiden.

 

4 Kommentare

  1. Schöner Text interessant geschrieben und er gibt gut den Kampf wieder den man als Student (und auch später noch) hat. Jede Studie wirft mehr Fragen auf als sie beantworten kann und schwarz und weiß gibt es nicht wirklich nur grau und dunkelgrau/hellgrau.

  2. „Gleichzeitig möchte ich Studienanfängern, -interessierten oder auch Absolventen die Nachricht mit auf den Weg geben sich nicht demotivieren zu lassen, sondern das zu sehen was man durch ein Studium erhalten hat:
    […] Man hat das Rüstzeug und die Fähigkeit an die Hand bekommen, das lebenslange Lernen auszufüllen.“

    Danke für diesen Satz Dr. Zeller. Motiviert ungemein und lässt sich quasi auf jeden Berufszweig umsetzen.

  3. Vielen Dank für diese ehrlichen Worte und die schöne Geschichte!
    Toll auch welches umfassendes Wissen ihr vermittelt.

    Mich persönlich würden einige Buchempfehlungen von deiner Seite sehr interessieren.
    LG & nochmals vielen Dank – Daniel

  4. Interessant wie es anscheinend allen für ihr Fach brennenden Studierenden ähnlich zu gehen scheint:D Habe bei meinem Studium (nicht Spowi) auch manchmal das Gefühl, dass Dozierende gerne wieder die Grundlagen zum x-ten mal durchkauen, anstatt mal so richtig in die Tiefe zu gehen. Glücklicherweise gibt es ja dann aber doch immer wieder dein ein oder anderen der sich richtig Mühe gibt 🙂