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Das Nike Vaporfly Dilemma

Das Vaporfly-Dilemma: Haben ASICS, Adidas & Co ein Nike-Problem?

Was ist nur los im Laufsport? Wurde jemals in der Geschichte des Laufens so viel und intensiv über Laufschuh-Technologie diskutiert, wie in den letzten Monaten? Mit dem Vaporfly 4%, samt Nachfolgemodellen, hat NIKE die Laufschuhwelt ordentlich umgekrempelt. Mittlerweile ist der Vorteil des Schuhs objektiv und unabhängig bestätigt. Bestzeiten, vor allem auf den längeren Distanzen, fallen gefühlt im Wochentakt. Ein Vorteil für jeden NIKE-Athleten – ein handfestes Handycap für alle anderen?

Jan Peiniger von Pushing Limits
Jan Der Weg zählt!
03. Februar 2020 AmLimit Equipment

Hintergrund: 4 % schneller? Nein, 4 % bessere Laufeffizienz!

Bevor ich mich dem „Dilemma“ widme, in dem sich die Laufschuhwelt im Moment befindet, will ich kurz erklären, was es mit den 4 Prozent beim Vaporfly tatsächlich auf sich hat. Die 4 Prozent beziehen sich nicht auf die Geschwindigkeit – der Schuh macht also nicht 4 Prozent  schneller. Die Prozentzahl bezieht sich viel mehr auf die Verbesserung der Laufeffizienz um 4 Prozent, welche wiederum in direktem Zusammenhang mit der Menge des verstoffwechselten Sauerstoffs liegt. Das sorgt am Ende, für eine Geschwindigkeits-Steigerung und somit Zeitverbesserung irgendwo zwischen 1 und 2 Prozent. Klingt erst mal nicht sonderlich viel, aber beim Sub-2-Stunden-Marathon-Event spielte der Schuh eine immens große Rolle:

2% Verbesserung machen in der Theroie aus einem 2:02h Marathonläufer, nur durch den Schuhwechsel, einen soliden sub 2 Stunden Läufer (01:59:34)!

Nun ist Eliud Kipchoge bei seinem Rekordlauf in Wien, allerdings nicht im Serienmodell des Vaporfly gelaufen, sondern mit dem sogenannten Alphafly – einem Prototypen mit nicht nur einer, sondern drei Carbonplatten samt dazwischenliegenden Polstern. Dieser Prototyp soll noch ein ganzes Stück effizienter als der Vaporfly 4% sein.  Hier findet man einen detaillierten Breakdown des Prototypen (Englisch).

Wenn du dich außerdem für den Effekt des Schuhs interessierst: Die Jungs von der Triathlon Crew Cologne haben den Schuh außerdem im Lauflabor mit anderen Modellen verglichen.

Mit diesen Informationen sollte man ein ausreichend gutes Bild der aktuellen „Problematik“ haben. Aber wieso überhaupt „Problematik“?

Fairness im Wettkampf in Gefahr? Das „Problem“ mit den Patenten

Grundsätzlich sehe ich es so: Spitzensport und Spitzenequipment gehört für mich zusammen und macht in seiner Kombination, für mich, einen großen Teil des Reizes am Sport aus.

Denn technologischer Fortschritt ist doch etwas Tolles und auch bessere, schnellere Laufschuhe sind eine gute Sache. Ich kann das Verlangen und auch die Faszination am Ausloten und Ausschöpfen des Machbaren total nachvollziehen. Hierfür stehen wir schließlich auch irgendwie mit den Namen „Pushing Limits“. Wir beschreiben es so:

Immer wieder an die Grenze gehen, sie überwinden und sie so neu definieren.

Das macht Spaß, sorgt für Fortschritt und ist, gelinde gesagt, einfach geil. Am Ende werden so doch wichtige neue Erkenntnisse gewonnen, die auch ihren Weg in die Produkte für den Alltagsläufer dingen werden.

Wo ist also überhaupt das Problem? Sind doch nun ASICS, Adidas und Co. gefragt ebenfalls zu zeigen, was sie technologisch auf dem Kasten haben und jeweils einen Schuh zu bauen, der mit dem Vaporfly mithalten kann oder sogar wiederum neue Maßstäbe setzt.

So sähe der Fortschrittsprozess aus, den ich mir wünschen würde. Doch so einfach ist es leider nicht, denn da gibt es diese Dinger, die nennen sich Patente und diese können den Entwicklungsspielraum der anderen Hersteller, enorm einschränken.

Ohne Nike-Patent kein konkurenzfähiger Schuh? Diese Frage können wohl nur die Produktdesigner oder ihre Anwälte beantworten.

Natürlich hat sich Nike, wie es üblich und auch nachvollziehbar ist, seine Ideen und Technologien mittels Patenten schützen lassen. Es bleibt abzuwarten, ob die Patente von Nike so einschränkend und strikt sind, dass andere Hersteller quasi chancenlos sind, einen ähnlich schnellen Laufschuh zu entwickeln, oder ob genug Spielraum für konkurrenzfähige Produkte bleibt. Auf LinkedIn hat ein Patentanwalt die Lage schon vor einer ganzen Weile einmal eingeschätzt. Natürlich besteht immer die Möglichkeit ganz neue Ideen und Technologien zu entwickeln, die dann entsprechend nicht durch Patente unzugänglich sind. Ob es allerdings überhaupt „andere“ wirkungsvolle Methoden gibt, das bleibt abzuwarten.

Neues Schuh-Reglement von World Athletics

Dem Leichathletik-Weltverband World Athletics (ehemals IAAF) geht die eskalierende Laufschuhentwickung allerdings bereits heute schon zu weit. So wurden vor ein paar Tagen neue Regeln für die in World Athletics-Wettkämpfen zugelassenen Schuhe erlassen. Ein kleiner Auszug:

  1. Stack Height (Abstand von Ferse zum Boden) von maximal 40mm
  2. Maximal eine Carbonplatte
  3. Keine Prototypen: Der genutzte Schuh muss bereits für einen Zeitraum von 4 Monaten frei im Handel zu erwerben sein.

Doch wer ist überhaupt von den neuen Schuh-Regeln betroffen?

Bevor jetzt alle Hobbyathleten laut vor Entrüstung aufschreien bitte erst mal durchatmen:

  1. Diese Regeln gelten nur für World Athletics Wettbewerbe (Olympia, WMs, etc.) und treffen NICHT den Amateuersportler. Auch nicht, wenn er an einem Marathon oder sonstigen Lauf teilnimmt. Hier geht es ausschließlich um die „Profi“-Felder
  2. On top fallen der Nike Vaporfly 4% – sowie auch der Vaporfly Next% – NICHT unter die Verbotsregeln, denn beide haben lediglich eine durchgehende Carbonplatte und die Stack Height liegt bei ziemlich genau 40mm.

Nun ist es also so, dass Nike auch nach der Regelanpassung weiterhin den mit Abstand schnellsten Laufschuh im Programm hat und alle Adidas-, ASICS-, Brooks- und Co-Athleten dumm aus der Wäsche schauen. Doch kann man hier wirklich so einfach Nike den schwarzen Peter unterjubeln und Stammtischparolen á la „Nike macht den Laufsport kaputt“ heraushauen?

Ich denke nicht, denn was ist denn mit Adidas und ASICS? Zwei echte Laufschuh-Schwergewichte mit nahezu unerschöpflichen Ressourcen und Jahrzehnten an Erfahrung. Wo bleibt die technologische Antwort auf den Vaporfly? Sie ist mehr als überfällig!

Ich muss sagen: Ich bin sehr enttäuscht, vor allem von Adidas und ASICS, das sie nun schon über Jahre hinweg dem Vaporfly nichts entgegenzusetzen haben. Das ist doch ein Armutszeugnis!

Immerhin von Adidas scheint aktuell etwas in der Mache zu sein. So kursiert aktuell das Fotos dieses Prototypen auf Twitter. Sieht aktuell allerdings eher wie die Laufschuh-Variante eines Buffalo-Schuhs aus den 90ern aus. 😉

Ein Zeichen? Jan Frodeno kehrt ASICS nach über 10 Jahren den Rücken

Jetzt wo klar ist, dass die bisherigen Vaporfly-Modelle weiterhin erlaubt sein werden, führt für die anderen Hersteller kein Weg daran vorbei, selber den Arsch hochzubekommen und echte Alternativen zum Vaporfly zu entwickeln, die mindestens technologisch und funktional gleichziehen.

Fakt scheint nun zu sein: Auch im Laufsport sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Wahl des richtigen Ausrüsters klare Wettbewerbs-Vor- und Nachteile mit sich bringt. In anderen Sportarten längst gang und gäbe, im Laufsport allerdings Neuland.

Extrembeispiel mag der Triathlon sein. Um hier ganz, ganz vorne mitzumischen, brauchst du einen top Neoprenanzug, ein state-of-the-art Zeitfahrrad und eine entsprechende sportwissenschaftliche und biomechanische Betreuung in der Vorbereitung. Im Radsport spielt sowohl das Rad selbst, als auch die professionelle Infrastruktur der entsprechenden Hersteller eine große Rolle.

Nun hat sich Jan Frodeno vor wenigen Tagen von ASICS als Laufschuh-Partner getrennt. Eine Partnerschaft die über 10 Jahre alt war, eine Partnerschaft die man sicher nicht einfach so in die Tonne haut. Über die genauen Gründe der Trennung kann bisher nur spekuliert werden, doch bei mir schwingt sofort ein Gedanke mit:

Hängt es mit der Trägheit von ASICS in Bezug auf die Entwicklung eines Top-Langdistanz-Schuhs zusammen?

Auf Twitter wurde Frodo natürlich schon auf das Thema angesprochen und in dem Zusammenhang auch auf den ASICS Prototypen den er im letzten Jahr bei der Ironman WM auf Hawaii trug:

Da klingt schon irgendwie ein bisschen Ernüchterung durch. Ich will aber auch nicht zu viel in diese Trennung hinein interpretieren. Warten wir mal ab, zu welchem Laufschuhhersteller es Frodo verschlägt.

Fazit: Laufschuhe sind von nun an ein High-Tech-Produkt

Was man mit Sicherheit sagen kann ist: Es ist kompliziert! Ich tue mich auf jeden Fall schwer die Gesamtlage mit einem einzelnen Prädikat zu bewerten. Es steht der zu begrüßende technologische Fortschritt auf der einen und Chancengleichheit und Patentstreitigkeiten auf der anderen Seite. Den Equipment-Worst-Case hat die Sportwelt vor etlichen Jahren im Schwimmsport, in Form von High-Techt-Ganzkörper-Anzügen,  bereits miterlebt. Das Resultat: Verbot samt strenger Regularien für die Equipmentnutzung. Im Laufsport haben wir nun eine Art Light-Version an Regulierung bekommen.

Ob sie die erhoffte Wirkung zeigt? Ich bin zuversichtlich!

Klar ist für mich: Laufschuhe sind von nun an High-Tech-Equipment und als Spitzensportler wird im Laufsport in Zukunft kein Weg mehr an Spitzenequipment vorbeiführen. Allerdings begrüßte ich es, dass die World Athletics dem ganzen einen etwas klareren Reglement-Rahmen gegeben hat, der aus meiner Sicht weiterhin genug Freiraum für innovative Entwicklungen lässt, aber dennoch ein ausuferndes Wettrüsten hoffentlich entsprechend einschränkt.

Du hast eine Meinung zu diesem Thema? Dann lass sie uns doch in Form eines Kommentars wissen.

5 Kommentare

  1. Ich finde es sehr Schade, dass die elitäre Equipmentwahl jetzt auch auf den Laufsport durchschlägt. Nur wer es sich leisten kann oder dem richtigen Team angehört, wird damit besonders schnell laufen können. Auch durchschnittlich begabte „Eliteläufer“ erzielen ja jetzt schon mit dem Schuh wesentlich bessere Ergebnisse. Viel zu oft sehe ich gerade im Triathlon, dass die Auswahl des Equipment wichtiger ist als die Ausbildung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Was für ein Fortschritt soll das sein, wenn nur der Geldbeutel über den Erfolg entscheidet?
    Viele Grüße
    Susanne

  2. Eine gewisses Maß an Faszination für technische Entwicklungen im Sport kann ich mir auch nicht absprechen. Allerdings wirkt das immer größer werdende Wettrüsten beim Equipment auch abschreckend für viele Leute und benachteiligt gewisse Gruppen.
    Ich hoffe wirklich das im Triathlon nachgezogen wird und zumindest die IAAF-Regeln auch da gelten. Insbesondere die Regelung das der Schuh bereits 4 Monate am Markt verfügbar sein muss, finde ich sehr gut.

  3. Grundsätzlich finde ich Technik und Neuentwicklungen toll…..ABER….im Sport soll der beste Athlet gewinnen, nicht der mit dem meisten Geld und bestem Equipment. Ich komme ursprünglich vom Rudern und dort gibt es schon seit ewigen Zeiten sehr strenge Regeln bezüglich dem Material, um ärmere Vereine, Länder, nicht zu benachteiligten und das hat dem Sport in keinster Weise geschadet, ganz im Gegenteil! Ich bevorzuge klare und eindeutige Regeln, die dann auch ohne Rücksicht auf den Bekanntheitsgrad des Sportlers durchgesetzt werden. Die Dehnung der Regeln bei den TT Bikes im Triathlon geht mir schon viel zu weit!

  4. Alle Hersteller haben für dieses Jahr Vaporfly-ähnliche Modelle angekündigt (Asics, Adidas, Saucony, Brooks, New Balance, Hoka, Skechers). Nike wird vermutlich immer noch einen gewissen Vorsprung haben, dieser wird aber gewaltig kleiner werden. Das größte Problem für dieses Jahr wird die 4-Monats-Regel werden, weshalb viele dieser Modelle wahrscheinlich zu spät für die Olympischen Spiele kommen werden. Spätestens ab nächstem Jahr wird die absolute Dominanz von Nike aber vorbei sein.

  5. Diese neuen Regeln finde ich überflüssig, gefährlich und schädlich für Innovationen. Wenn die Schuhe Vorteile bringen, werden die andere Hersteller nachziehen und selber bessere Mittelsohlen entwickeln. Hoka One One hat auch Karbonplattenmodelle und neue sowie günstigere Modelle kommen. Bitte nicht im Triathlon durchsetzen. Innovationen im Rahmenbau kamen ja gerade vom Triathlon, wo die UCI-Regeln nicht gelten. Hydrophobe Swimmsuits werden im Triathlon verwendet nicht im FINA-reglementierten Schwimmen. Solang es jeder bekommen kann, finde ich es fair. Für einen sauberen Sport!

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