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Mein erster Ironman! – Woche 32 von 32

Was für ein Gefühl! Auf der letzten Laufrunde biegt man vom Mainufer ab, rechts hoch Richtung Römer. Von da aus läuft man nur noch auf rot-schwarzem Teppich, durch ein Spalier von Menschen. Ein, zwei letzte Kurven und man hat freien Blick auf den Zielbogen. Links und rechts die Tribünen voller Menschen. Die Erschöpfung und die Leiden verschwindet einfach mal komplett. Dafür gibt es gehörige Gänsehaut und ein Grinsen machen sich im Gesicht breit. Ab durch’s Ziel! Nach 10 Stunden und 52 Minuten ist es so weit. Ich bin ein Ironman! Ein unbeschreibliches Gefühl… das kann mir jetzt keiner mehr nehmen!

Jan Peiniger von Pushing Limits
Jan Peiniger Der Weg zählt!
07. Juli 2015

3:15 Uhr Morgens: Aufstehen

Frankfurt, 5. Juli 2015. 38 Grad im Schatten, 27 Grad Wassertemperatur. Der erste Blick nachdem der Wecker klingelte galt, wie an jedem der letzten Morgende, der Wetter-App und der Webseite des Langener Waldsees. Traumhaft… genau der richtige Tag für meinen ersten Ironman. Aber was soll man machen, die Bedingungen kann man sich nicht aussuchen. Schon seit der Wettkampfbesprechung am Freitag war klar: Geschwommen wird ohne Neopren-Anzug und heiß würde es sowieso werden.

Also raus aus dem Bett. Ich hab zwar nicht sonderlich viel aber dafür gut geschlafen. Draußen ist es noch stockduster. Als Erstes wird die Kaffeemaschine angeschmissen, Zeit für 2-10 Kaffee um in die Gänge zu kommen. Direkt danach geht’s an die Energieaufnahme… man könnte sagen: Breakfast of the champions. Matschiges Weizentoastbrot mit Marmelade. So wurde noch das letzte bisschen an freien Energiespeichern gefüllt.

4:30 Uhr Morgens: Mit dem Shuttlebus zum See

Meine Sachen hatte ich schon am Vorabend gepackt. Nur noch die akkubetriebenen Geräte vom jeweiligen Ladegerät in die Tasche packen, ein letztes Mal auf Toilette gehen und los Richtung Shuttlebus. Um diese Uhrzeit hatte es draußen ausnahmsweise mal unter 30 Grad… sehr ungewohnt… aber durchaus angenehm. Den Pulli hab ich trotzdem im Hotel gelassen 😉

Am Mainkai standen direkt mehrere Busse bereit zur Abfahrt Richtung Langener Waldsee. Man blickte in viele konzentrierte, teils noch müde Gesichter. Pünktlich ging es los. Am See angekommen, ab in die Wechselzone. Erste Amtshandlungen: Reifen am Rad auf Wettkampfdruck aufpumpen, Getränke auffüllen und letzte Sachen in den Wechselbeutel packen. Schlussendlich noch den „Streetwear“-Beutel abgeben und raus aus der Wechselzone hinüber in den Startbereich.

7:00 Uhr: Über 2000 Verrückte stürzen sich ins Wasser… zeitgleich

Bewaffnet mit Badekappe, Schwimmbrille und Schwimmanzug hab ich die restliche Zeit genutzt um mich ein wenig im angenehm kühlen Wasser den Sees einzuschwimmen. Gedanken an einen schönen entspannten Badetag am See gingen mir durch den Kopf. Noch war die Chance da, sich einfach in den Sand zu legen und den Tag entspannt zu genießen. Nein, nein… schnell weg mit diesen Gedanken.

Nach dem Einschwimmen sah ich dann meinen Vater am See wild winken. Meine Familie samt Freundin war gekommen um sich sogar schon den Schwimmstart anzugucken. Dabei hatte ich ihnen versichert, dass ich es ihnen nicht übel nehme, wenn sie lieber ausschlafen und erst später in die Stadt kommen. Sie wollten sich das Schwimmspektakel der über 2000 Verrückten aber nicht entgehen lassen. Nochmal kurz alle gedrückt und dann ab in den Startblock.

Vor dem Schwimmstart beim Ironman Frankfurt

Teil 1: Erfrischendes Schwimmen zum Start in den Tag

RUMMS! Ein lauter Kanonendonner und los ging’s! Sprint ins Wasser, drei vier große Schritte und Hechtsprung ins kühle Nass! Arme, Beine, Badekappen, viel aufgeschäumtes Wasser… mehr war nicht wahrzunehmen während der ersten halben Stunde des Schwimmens. Ich war hauptsächlich damit beschäftigt nicht zu sehr im „Verkehr“ stecken zu bleiben. Ich muss einen ziemlichen Zickzackkurs hingelegt haben, aber so kam ich ganz gut durch und bin nicht großartig unter die Räder gekommen. Bis zum kurzen Landgang mussten die ersten 1500 Meter bewältigt werden, das Tempo war auf Grund des Hochbetriebs und meines Zickzack-Kurses nicht sonderlich hoch, aber dafür sehr kontrolliert.

Schwimmstart beim Ironman Frankfurt

Beim Landgang ein kurzer Blick auf die Uhr… 30 Minuten rum… irgendwie noch im Plan. Kurz durchgeatmet und wieder ab ins Wasser. Schön an der rechten Außenseite orientiert, so hatte ich von nun auf freie Bahn geradeaus bis zur nächsten Boje. 2300 Meter to go! Jetzt kam mein Schwimmabschnitt… rum um Boje Nummer 1, rum um Boje Nummer 2… ab jetzt freien Blick auf das Ende der Schwimmstrecke. Ich hatte mich gut eingeteilt und konnte nochmal richtig beschleunigen. Schwimmer um Schwimmer sammelte ich auf den letzten 1000 Metern noch ein und kam nach 1 Stunde und 12 Minuten aus dem Wasser. Nicht überragend, aber eine Zeit mit der ich zufrieden war.

Der längste Wechsel der Welt

Die GPS-Auswertung im Nachhinein verriet mir: Schlappe 600 Meter musste man in der ersten Wechselzone zu Fuß zurück legen… wow… eine ganze Menge! Selbst wenn man sich nicht noch hätte umziehen müssen würden da ein paar Minuten für den Fußweg drauf gehen. Aber ich musste ja noch raus aus meinem Schwimmanzug, meine Radschuhe anziehen, Kühlweste überstreifen, meinen Wettkampfanzug drüber ziehen und mir dann noch mein Rad schnappen. Natürlich hab ich gefühlt 10 Versuche gebraucht um die Kühlweste anzuziehen und weitere 10 um den durchnässten Rennanzug irgendwie noch da drüber zu bekommen. Also ging es 7 Minuten später endlich raus auf die Radstrecke.

Teil 2: Gegrillt auf dem Rad

Das Schwimmen ist ja irgendwie immer eine kleine Wundertüte, auf dem Rad hieß es nun sich zu orientieren und zu versuchen kontrolliert den Plan einzuhalten… soweit zur Theorie.

Erstmal ging es recht locker vom See Richtung Frankfurter Innenstadt, von wo aus dann zwei Runden von je 85 Kilometern zu fahren waren. Die Temperatur war noch absolut in Ordnung und auf der ersten Radrunde waren öfter mal ein paar Wolken vor der Sonne… eine Wohltat! So konnte ich die erste Runde absolut nach Plan und frohen Mutes gestalten. Ziemlich genau bei der Hälfte, bei Kilometer 90, stand Coach Mario am Ende des letzten Anstiegs, dem „Heartbreak Hill“. Ich hatte mich gut an meine Vorgaben gehalten und war gut drauf, bereit die zweite Runde in Angriff zu nehmen.

Jan auf dem Giant Trinity beim Ironman Frankfurt

Mit ordentlich Karacho ging es von da an bergab zurück in die Frankfurter City. Dort war mittlerweile auch meine Freundin samt Family eingetroffen und ich wurde lautstark angefeuert. Von nun an konnte ich die Kilometer in der zweiten Runde runter zählen.

Dooferweise hatten die Wolken entschieden sich zu verziehen und so machte sich so langsam die Mittagssonne breit… und die war brutal. Keine Chance in den Schatten auszuweichen, immer durch die pralle Sonne… so wurde die zweite Runde auf dem Rad zu einer echten Härteprüfung. So ab Kilometer 140 kam dann noch ein schöner Wind dazu… toll denkt man vielleicht… Wind kühlt ja schön. Aber nix da… Es war eher so, wie wenn man im Bad den Fön nimmt, ihn auf Temperaturstufe „Höllenfeuer“ einstellt und sich dann aus 5 Zentimetern Entfernung ins Gesicht bläst. Da half auch die Kühlweste nichts mehr, meine Leistungswerte gingen immer weiter runter und als ich in der Wechselzone ankam hatte ich gute 15 Minuten im Vergleich zur ersten Runde eingebüßt.

Bike vor dem zweiten Wechsel

War mir aber auch eigentlich egal, die paar Minuten machen bei den Bedingungen den Braten jetzt auch nicht fett. Etwas blöder war, das sich mit der Erschöpfung auch der untere Rücken meldete und spürbar verspannte.

Wechsel 2: Durchatmen, Dehnen, Eincremen!

Auf den letzten Metern schonmal raus aus den Radschuhen und ab in die zweite Wechselzone. Mittlerweile war mir klar… heute zählt nur das Überleben… also hab ich mir die Zeit genommen erstmal gut den Rücken durch zu dehnen und mich noch mal ordentlich mit Sonnencreme einzureiben. Laufschuhe an… Kühlcap aufgesetzt und dann ging es raus auf die Laufstrecke!

Teil 3: 42 Kilometer „Nur nicht gehen, immer weiterlaufen“

Laufen… kann ich ja eigentlich… Das Radfahren war zwar schon hart, aber das was jetzt noch kommen sollte war ein gänzlich neue körperliche, sowie mentale Erfahrung. Der Coach hat mir mit auf den Weg gegeben: Die ersten beiden Kilometer locker angehen. Gesagt getan, erstmal locker angelaufen und auch noch kurz auf der Toilette gewesen. Muskulär fühlten sich die Beine gut an und so konnte ich ab Kilometer drei auch hoch auf mein angepeiltes Tempo. Angepeilt heißt in dem Fall: Das Tempo was ich gerne den ganzen Marathon laufen wollte, wenn die Temperaturen irgendwo um die 25 Grad gelegen hätten. Bei knapp unter 40 Grad im Schatten war das natürlich sehr relativ zu sehen.

Start in den Lauf beim Ironman Frankfurt

Dennoch fühlten sich die Beine gut an. So langsam wurde mir aber klar, das nicht meine Muskulatur heute das Ende der Fahnenstange signalisieren würde, sondern die Energiezufuhr. So kam es dann, das mein „Gel-Timer“ klingelte und mich aufforderte mir meinen ersten Energieschub zu holen. Keine 5 Sekunden nachdem ich das Gel genommen hatte stand ich dann da… mit heftigen Seitenstichen… mein Körper war schlicht überfordert mit dem was er da Alles zu sich nehmen sollte. In dem Moment war ich gerade sowieso an der Verpflegungsstation und so ging ich ein paar Meter, bis die Seitenstiche verschwanden um dann wieder anzulaufen.

Nun war klar, eine Pace von unter 5 Minuten pro Kilometer war nicht mehr drin. Also Tempo raus genommen und bei einer Pace irgendwo um die 5:20 pro Kilometer eingependelt. In dem Tempo konnte ich dann relativ „komfortabel“, wenn man von sowas an diesem Tag überhaupt sprechen konnte, weiterlaufen.

In der Entfernung konnte ich den Streckensprecher hören, der gerade vermeldete das Jan Frodeno trotz Neoverbot und abartigen Wetterbedingungen einfach mal einen neuen Streckenrekord hingeballert hatte… 7 Stunden und 49 Minuten! Da fällt mir nur eins zu ein: Absolut abartig krass… was für eine Maschine! Dann wurde ich auch schon wieder aus meinen „Träumen“ gerissen, denn ich wurde von hinten angehupt. Kurze Schrecksekunde, bis ich feststellte, da kam Sebastian Kienle angeflogen… auf Platz 2 liegend… brav Platz gemacht und ehrfürchtig applaudiert. So war er genauso schnell wieder weg wie er angerast kam. Auch wenn uns 30 Kilometer voneinander trennten, ein tolles Gefühl zur selben Zeit, auf der selben Strecke unterwegs zu sein wie diese krassen Typen!

Viel zu viel Zeit zum Nachdenken

Das doofe an so einem langen Rennen. Man hat unfassbar viel Zeit sich viel zu viele Gedanken zu machen… mal Gute, mal Schlechte. Umso länger ich lief, umso „schlechter“ wurden die Gedanken, denn der Körper wurde schlapper und schlapper. Ich hätte mich auch einfach ne Runde auf die Wiese legen können, die Füße ins kühle Wasser halten und entspannen… aber nein, ich lauf ja hier nen scheiß Marathon am Mainufer bei 1000 Grad… wieso überhaupt? Achja… ich hab jetzt 8 Monate trainiert und es sind so viele liebe Leute heute hier, um mir dabei zu helfen ins Ziel zu kommen. Freundin, Familie, Freunde… mein Coach… Ich hab sogar viel Geld dafür bezahlt um mich jetzt hier quälen zu dürfen… was für ein Idiot bin ich doch… egal… jetzt lauf ich eh schon über 25 Kilometer hier rum… rein mathematisch doch total schwachsinnig jetzt noch aufzuhören. Wenn ich heute Morgen einfach am See liegen geblieben wäre, ok… aber doch jetzt nicht mehr, nach über 8 Stunden Anstrengung. Nein, das Ding ziehe ich jetzt durch!

Alle paar Kilometer sah ich ein anderes bekanntes lächelndes Gesicht, die sollen ja auch nicht alle umsonst nach Frankfurt gekommen sein. Beißen und bis ins Ziel laufen!

Auf der Laufstrecke beim Ironman Frankfurt

Die Verpflegungsstationen waren mein bester Freund. Gut gelaunte Helfer reichten Wasser, Cola, Isodrink, Redbull, Eis, Schwämme… ich nahm ALLES! JEDES MAL! Keine Ahnung wieviel Liter Flüssigkeit ich da in meinen Körper gekippt habe, aber auf die Toilette musste ich kein weiteres mal… muss ich alles wieder ausgeschwitzt haben…

Die letzte Runde: Nur noch irgendwie ins Ziel

31 Kilometer geschafft… jetzt das Ding einfach nur noch „entspannt“ nach Hause bringen, die Pace wurde langsamer und langsamer. Der 5:20er Schnitt den ich mal hatte war lange passé. Das war mir egal, mein Ansporn war, bis zum Ziel zu laufen und nicht zu wandern. Nur an den Verpflegungsstationen ging ich immer ein paar Meter, um mehr Getränke mitnehmen zu können. Die letzten Kilometer liefen dann wie in Trance, die Beine waren irgendwie nicht mehr wirklich zu spüren, aber sie liefen noch… und da war sie dann, die Abzweigung zum Ziel… nun war es geschafft! Den Rest kennt ihr ja schon.

Zieleinlauf beim Ironman Frankfurt

Nun ist es vollbracht!

Was für ein Tag… das mein erster Ironman eine echte Härteprobe werden würde war mir klar… aber das es direkt solch krasse Bedingungen sein müssen… puh! Umso stolzer bin ich darauf gesund und noch ein bisschen munter im Ziel angekommen zu sein. Ein Drittel der Teilnehmer hat das Ziel nämlich gar nicht erst gesehen. Sei es, weil sie aufgeben mussten oder schon vor dem Start kapituliert haben… und das vollkommen nachvollziehbar. Es war eine brutale Schlacht mit sich selbst und dem Wetter, aber das kann mir jetzt keiner mehr nehmen. Ein riesen, riesen Dank an alle lieben Menschen die vor Ort waren um mich anzufeuern und auch an Alle die per Liveticker mitgefiebert haben. Es hat eine Weile gedauert die unfassbare Menge an Nachrichten per WhatsApp, Facebook, SMS und Co überhaupt nur zu lesen. Danke euch allen! 

Ein extra Dank geht an meine Freundin, die das Ganze ja quasi mit mir durchziehen musste! Egal ob an der Strecke oder in den ganzen Monaten davor. Danke Schatz!

Und dann gibt es noch meinen weltbesten Coach Mario. Als Triathlet gibt man ja gerne viel Geld aus für Dinge wie aerodynamische Trinksysteme, besonders schnelle Schwimmanzüge… alles Dinge die sicher das ein oder andere Prozent raus holen können, aber die beste Investition, die ich im Sport bisher jemals getätigt habe, war die in meinen Coach… vor allem aus Kosten/Nutzen-Sicht, denn hier hab ich auf jeden Fall mehr als nur ein paar Prozent rausgeholt. Ich bin mir nicht sicher ob ich dieses Rennen, bei den Bedingungen sonst hätte finishen können. Danke Mario!

P.S. Sobald ich alle Fotos inkl. offiziellem Zielfoto zusammen habe gibt’s auch nochmal ein Update des Beitrags!

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