Das schnellste Setup nach dem Aerodynamiktest mit Pro Athletes

Simple Sience: Aerodynamik für Agegrouper – Mein Test auf der Radbahn

Einen ganzen Tag mit Aerodynamiktests auf der Radrennbahn verbringen? Klingt auf den ersten Blick, gerade für einen Amateurathleten, vielleicht nach leichtem Overkill. Man könnte meinen: „Jetzt tickt er ja wohl wirklich nicht mehr ganz richtig“. Am Ende des Tages musste ich aber feststellen: Mit Nichten! Auch als ambitionierter Amateurathlet sollte man sich mit dem Thema definitiv mal beschäftigen, denn es liegt viel Potential quasi „auf der Straße“.

Erschienen am 23. Juni 2017 Tags: Aero, BikeNerd, Equipment

Der Luftwiderstand spielt DIE entscheidende Rolle beim Radfahren

Vor dem Test waren meine Gedanken: Geil, ich freu mich mega auf das technische Know-How und die nerdige Detailarbeit aber zum Weltmeister wird mich dieser Tag auch nicht machen. Ich war also definitiv super gespannt auf diesen Tag aber mehr wegen meiner Gier nach mehr Wissen und weniger in wegen freudiger Gewissheit auf massenweise brachliegende Zeitvorteile. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Raus aus dem Tag ging ich mit sooo vielen neuen Erkenntnissen und der Gewissheit, dass ein Aerodynamiktest auf der Radrennbahn eine ziemlich gute Preis-Leistung aufweist

Schlicht und ergreifend: Der Luftwiderstand – und zwar hauptsächlich der des menschlichen Körpers auf dem Rad (circa 70%) – stellt ab einer Geschwindigkeit von circa 24 km/h den größten Widersacher beim Radfahren dar! Bei einer Geschwindigkeit von 40 km/h entfallen dann sogar über 80% des Gesamtwiderstands auf den Luftwiderstand! Nicht der Rollwiderstand und auch nicht die Schwerkraft – nein, der Luftwiderstand! Das ist die wichtigste und grundlegendste Erkenntnis. Mit diesem Wissen im Gepäck kann man nun anfangen sich Gedanken darüber zu machen, wie man seine Aerodynamik verbessern kann.

Wie funktioniert ein Aerodynamik-Test auf der Radrennbahn?

9 Uhr Morgens: Treffpunkt mit den Jungs von Pro Athletes vor der Radrennbahn in Büttgen. Vor uns liegen 8 Stunden Testarbeit. Eine Runde auf dem Holzoval, entlang der weißen Linie, hat genau 250 Meter Länge. Bevor es los gehen kann muss ein klassischer Geschwindigkeitssensor mit dem Radcomputer verbunden werden, da dieser in Kombination mit dem Leistungsmesser des Triathlon-Rads die für die Auswertung benötigten Daten liefert.

Um den ganzen Tag über vergleichbare Daten zu erhalten misst Benjamin – der Aerodynamik-Experte von Pro Athletes – den ganzen Tag lang weitere Parameter wie Luft-Druck, -Temperatur und Feuchtigkeit. Diese Faktoren müssen in die Berechnung der Werte mit einbezogen werden, da sie sich auf die Aerodynamik auswirken und somit die Ergebnisse durch Veränderungen über den Tag hinweg verfälschen könnten. Als nächstes ging es ab auf die Waage – das Gesamtgewicht aus Fahrer, Bike und Helm muss natürlich auch berücksichtig werden. Ein ernüchternder Moment für mich. 😀

Dann endlich durfte ich auf die Bahn. Zu Beginn fuhr Lukas, der als Radmechaniker von Pro Athletes mit vor Ort war und alle Umbauarbeiten am Rad durchführte, vorne weg. Ich war noch nie auf der Radbahn gefahren… nach zwei Warmup-Runden traute ich mich dann aber auch in die Steilkurve und umso schneller es wurde, umso sicherer wurde ich und umso mehr Spaß machte es.

Aerodynamiktest auf der Radrennbahn in Büttgen
An die Steilkurven muss man sich erst gewöhnen. Aber Spaß hat’s gemacht!

Die Testläufe: Kilometer abspulen bei 34 Grad in der Halle

Dann ging es auf den ersten Testlauf. Die Ausgangsposition muss getestet werden, um von da an als Basiswert für alle folgenden Optimierungen herzuhalten. Zwei bis drei Runden um Geschwindigkeit, Trittfrequenz und Wattwert zu finden. In meinem Fall circa 250 Watt bei einer Trittfrequenz von 80 und einer Geschwindigkeit um die 40 km/h. Wichtig ist es mit möglichst konstanter Leistung zu fahren, der Rest wird dann von Benjamin und der Auswertungssoftware erledigt. Ich habe mich hier an den ungefähren Werten für meine Langdistanz orientiert. Für den eigentlichen Test werden dann jeweils 8 Runden, möglichst konstant, abgespult. Das entspricht einer Distanz von zwei Kilometern.

Hat man die Testsession abgeschlossen werden die Daten vom Radcomputer in die Auswertungssoftware geladen. Ein paar Minuten später hat Benjamin dann die genauen Werte der jeweiligen Session vor sich.

Auswertung der Aerodynamikdaten
Benjamin hat sowohl die Umgebungsparameter, als auch die Leistungsdaten der Testruns immer im Blick.

Testen, testen, testen: Erst der Körper, dann das Equipment

Dann geht’s los. Ein Testlauf nach dem anderen steht an. Angefangen wurde mit der Optimierung der Körperposition. In meinem Fall hatte ich schon ein Bikefitting hinter mir und ich bin auch ziemlich zufrieden mit dem Komfort der Position. Daher wurde auch der Sattel tunlichst nicht angefasst, da auch für Benjamin augenscheinlich dort alles ok war. Viel Potential sah er aber bei Position und Abstand meiner Arme, sowie bei der Kopfposition.

Pauschal kann man nicht sagen ob eine maximal schmale oder umgekehrt eine maximal breite Position der Arme die schnellere ist. Beide Varianten haben sich bei unterschiedlichen Athleten schon als die jeweils schnellste herausgestellt. Das Gleiche gilt für den Winkel der Arme zu den Extensions nach vorne. Ob gerade oder nach oben angewinkelt… das kann man nicht vorhersagen… wir sollten es aber herausfinden.

Ist die optimale Armposition gefunden wird die Kopfposition genau unter die Lupe genommen und optimiert. Wichtig ist hier: Immer nur möglichst einen Parameter zu ändern, damit man die direkte Auswirkung dieser Änderungen auch messen und somit genau zuordnen kann. Mischt man direkt mehrere Änderungen miteinander weiß man nicht, auf welche Änderung welcher Aerounterschied zurückzuführen ist.

Wichtig ist: Die für den Athleten beste Position muss nicht immer die aerodynamischste sein. Meistens ist es eher ein Kompromiss aus Aerodynamik und Komfort, denn man darf nicht vergessen, dass man diese Position im Falle einer Langdistanz für 180 Kilometer halten können sollte… und dabei ja auch noch seine geplante Leistung treten. Hier muss man also auch ehrlich zu sich selbst sein – Am Ende bringt es dem Athleten ja nichts, wenn er 5 Minuten durch weniger Luftwiderstand einspart, in dieser Position aber so viel weniger Leistung tritt, dass er die ganze Zeit wieder verliert. Oder man bringt den Zeitvorteil noch in die Wechselzone hat sich dann aber die Muskulatur fürs Laufen komplett zerhauen.

Macht euch aber keine alle zu großen Sorgen in dem Punkt. Die Jungs waren zumindest in meinem Fall sehr bedacht darauf den Komfort der Sitzposition permanent abzufragen und bei zu geringen Auswirkungen eines Setups lieber zu Gunsten der Bequemlichkeit auf diese Änderung zu verzichten.

Erst nach dem Körper wird das Equipment optimiert

Hat man nun die für sich beste Position auf dem Rad gefunden, geht es an die Equipmenttests. Ich hatte ein paar verschiedene Dinge mitgebracht, um sie gegeneinander zu testen. Zwei verschiedene Aerohelme: Den Giro Aerohead und den MET Drone. Zwei Einteiler: Den PA Suit und den Fusion Speedsuit sowie eine Scheibe alternativ zum 80er Hinterrad.

So sah mein Testablauf nun wie folgt aus:

  • Basis-Setup: ursprüngliche Körperposition + Giro Aerohead + PA Suit
  • 1: breite Armhaltung
  • 2: schmale Armhaltung
  • 3: Arme 20° nach oben angewinkelt
  • 4: Arme noch weiter angewinkelt
  • 5: Arme noch weiter angewinkelt + tiefe Kopfhaltung
  • 6: Arme 20° + tiefe Kopfhaltung
  • 7: finale Körperpostion + MET Drone
  • 8: finale Körperposition + MET Drone + Fusion Speedsuit
  • 9: finale Körperposition + MET Drone + PA Suit + Scheibe

Ich kann euch sagen: 10 Testläufe auf der Bahn, das merkt man!

Gegen Ende musste ich mich schon wirklich konzentrieren, um auch wirklich alles zu berücksichtigen.

Konzentration bei den Aerodynamiktests auf der Bahn
Immer und immer wieder ging es im Kreis. Konzentration war gefragt.

Die Ergebnisse: Auch ohne teures Equipment kann man einiges rausholen

Machen wir es kurz und knapp: Mit Abstand den größten Zeitgewinn haben wir über die neue Arm- und Kopfposition rausgeholt. Gefolgt von der Wahl des richtigen, zu mir passenden Aerohelms und wiederum gefolgt vom schnelleren Einteiler. Hier mal das Feedback, welches ich von Benjamin in einer schönen PDF inklusive aller genauen Testergebnisse bekommen haben:

„Die schmale Position zeigte sich bei dir klar am schnellsten. Über den Ironman würdest du 1:16 Minuten sparen bei 250w. Die hochgeneigten Arme funktionieren bei dir erstaunlich gut, ich denke dies liegt unter anderem daran, dass du in der Position automatisch deinen Kopf besser hältst und durch die tieferen Ellbogen deine Stirnfläche noch etwas kleiner wird. Praying Mantis funktionierte nur mit einer tiefen Kopfhaltung und macht aus Komfort und Sicherheitsgründen keinen Sinn für dich. Was wir aus dem Lauf und dem danach mitnehmen können, ist aber, dass du allgemein den Kopf so tief wie möglich halten solltest. Der MET war nochmal schneller und schenkt dir 1:02 Minuten auf 180km. Die Scheibe war nicht schneller da wir bei 0 yaw testen und sie ihre volle Wirkung erst bei klarem Seitenwind ausspielen kann. Zudem denke ich, dass der aufgeklebte Reifen langsam war. Allgemein ist dein Set-Up jetzt absolut top und spart dir 6:34 Minuten über die 180km!“

Der springende Punkt – Beweglichkeits- und Rückentraining lohnt sich!

Der Aerotest auf der Bahn hat mir nur durch Optimierung der Körperposition auf dem Rad 1:16 Minuten Zeitersparnis gebracht und das für Kosten von knapp 350 Euro. Aus Preis-Leistungs-Sicht ein absolut gutes Verhältnis im Vergleich zu so manch anderer Equipment-Investition. Durch das richtige Beweglichkeits- und Kräftigungstraining für den Rücken kann man also einiges an Zeit gut machen – ganz ohne den Geldbeutel zusätzlich bemühen zu müssen.

Nehmt euch die Zeit und arbeitet an eurer Beweglichkeit – Sie schenkt euch Zeit!

Ebenso gut war allerdings auch die Investition von 300 Euro in den MET Drone Helm, welcher mir 1:02 Minuten Ersparnis bringt, was ich natürlich nur herausgefunden habe, weil ich ihn auf der Bahn getestet hab. Alles in allem hat mir der Aerotest auf der Bahn aber deutlich mehr gebracht, als ich im Vorfeld vermutet habe. Nicht nur in reiner Zeitersparnis, sondern auch in grundlegendem neuem Wissen zum Thema Aerodynamik. Daher ein Dickes Danke an Benjamin, den ich mit Fragen zur Messmethode, Equipment und Sitzpositionen gelöchert hab bis mir nichts mehr einfiel. 😉

hier könnt ihr meine Anfangs- und Endposition im direkten Vergleich sehen: Anderer Helm, andere Position der Arme und des Kopfes. Dadurch eine deutlich reduzierte Stirnfläche und somit deutlich weniger Luftwiderstand!

Vorher-Nachher-Vergleich-des-Aerodynamik-Test
Deutlich erkennbar: Die Veränderungen der Arm- und Kopfposition

Aero Tipps von Swiss Side Gründer Jean-Paul Ballard

Zum Abschluss hab ich noch ein paar Tipps von JP (Jean-Paul) für euch, mit dem ich mich immer mal wieder sporadischen austausche und der übrigens auch ein total mega guter Typ ist. Ganz nebenbei ist er der Gründer von Swiss Side und ein absoluter Spezialist, wenn es um Aerodynamik geht. Ihn hat es natürlich nicht überrascht, als ich begeistert vom Bahntest erzählt habe. Hier daher noch seine Tipps an mich, die ich mit euch teilen möchte:

„Ein richtiger Aero-Anzug macht einen großen Unterschied. Wähle einen einteiligen, Kurzarm-Anzug, der eng sitzt, mit so wenig Falten wie möglich. Gegenüber einer typischen 2-teiligen Trikot + Shorts Kombi bringt das in der Regal über 20 Watt.“

„Wie du, empfehle ich auf jedem Fall an der Beweglichkeit zu arbeiten. Yoga bringt zum Beispiel sehr viel für Triathleten!“

„Gute Laufräder sind auch entscheidend, besonders bei Wind. Zum Beispiel auf der Kona Stecke in Hawaii, wo es oft windet – dort kann ein Satz guter Aero-Laufräder bis zu 20W gegenüber standard Laufrädern bringen. Mann sollte auf V-förmige Felgen verzichten, da sie bei Seitenwind nicht funktionieren.“ 

War von euch schonmal jemand auf der Bahn zu einem Test? Mich würden brennend eure Erfahrungen interessieren!

Das finale Setup meines Triathlonrads nach dem Aero Test
Am Ende des Tages stand dann mein Wettkampfsetup für den Ironman

Weiterführende Links:

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