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Tech-Nis – Teil 2: Laufräder und Anbauteile

Im zweiten Materialteil widme ich mich heute dem ersten von den schwierigeren Themen: Der Auswahl von Laufrädern und Reifen. Erneut mit einer ganzen Menge Detailverliebtheit und einem guten Teil Freakshow. Auf Los geht’s rund.

Nis Sienknecht von Pushing Limits
Nis Sienknecht Echter Hamburger Jung
27. August 2018
  • Titelbild: Björn Lexius / www.bjoernlexius.com

Im ersten Teil habe ich über die Auswahl meines Rahmensets geschrieben. Wie und warum ich mich für das Aerium C:68 entschieden habe, lest ihr hier: Tech-Nis – Das Material für das Projekt Midlifetrithis

Aber was kann ein Rahmen so ganz allein? Außer umfallen vielleicht? Nicht wirklich viel. Noch nicht mal so richtig gut aussehen, finde ich. Dafür hat er ganz viele Stellen, an die man ziemlich hilfreiches Zubehör anschrauben kann. Nur so wird ein Rad draus.

Als erstes habe ich mir die Laufräder ausgesucht. Denn für die Performance spielen sie aus doppelter Sicht die größte Rolle. Erstens – mit großem Abstand übrigens – müssen sie bei Seitenwind so stabil bleiben, dass ich meine Aeroposition nicht verlassen muss, weil ich Schiss bekomme. Da verliert man nämlich (in Windkanal und auf der Bahn getestet) auf einen Schlag 30-90 Watt. Und zweitens – jetzt wird es etwas nerdy – ist ein Rad nur so gut, wie es den Laufrädern erlaubt zu sein.

Klingt komisch. Ist aber so.

Nach allem, was ich weiß, kann man mit der Form und Gestaltung von Rahmen, Lenker und Gabel aerodynamisch gar nicht sooo viel gewinnen. Wenn ein großer Hersteller sich daran macht, ein neues Triathlonbike zu entwickeln, ist man mittlerweile froh, wenn man bei diesen drei Teilen in Kombination zweistellig Watt sparen kann. Manchmal sind 4-5 Watt hier schon viel. Denn das sind Bauteile, die beim Fahren ziemlich „formstabil“ bleiben.

Isoliert in den Windkanal gestellt, sind die Unterschiede zwischen einzelnen Rahmensets meist lächerlich klein.

Da scheint der enorme Entwicklungsaufwand unverhältnismäßig groß zu sein. Experten: korrigiert mich bitte, wenn ich Blödsinn erzähle.

Aber: Wenn ein Rahmenset in Kombination mit dem Fahrer, den Komponenten und den Laufrädern funktioniert, dann wird es richtig schnell. Ich habe während eines Windkanaltests schon selbst erlebt, wie ein Komplettrad (in voller Ausstattung) alle anderen in den (Wind-)Schatten stellte, um mit Fahrer drauf nur noch mittelmäßig abzuschneiden. Es ist also wirklich entscheidend, hier einen Schritt weiter zu denken und IMMER das Gesamtpaket zu betrachten. Dabei ist der größte Faktor der Athlet, der auf dem Rad sitzt.

Eine ganz besondere Rolle spielen auch die Laufräder. Erneut gilt: der Vergleich einzelner Aerolaufräder fällt im Windkanal verschwindend gering aus. Häufig liegen gute Modelle nur wenige Watt auseinander. Ist es deshalb egal, für welche Laufräder man sich entscheidet? Nö.

Swissside_Hadron_front

Ich habe für mein Projekt Laufräder von Swiss Side ausgesucht. Und zwar erstens, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie stabil sie sich bei Seitenwind verhalten – das ist der wichtigste Faktor. Zweitens, weil sie wirklich schnell sind. Das habe ich bei diversen Windkanal-, Bahn- und Praxistests selbst gesehen oder gemessen. Und drittens, weil Swiss Side für die Aerodynamik des Aerium C:68 verantwortlich ist. Deshalb ist das ganze Rahmenset von Anfang an so entwickelt, dass es zu genau diesen Laufrädern optimal passt – und anders herum.

Warum das so wichtig ist? Weil die Laufräder als rotierende Masse einen großen Teil der aerodynamischen Eigenschaften ausmachen. Sie verwirbeln am stärksten und beeinflussen damit, wie der Rahmen mit diesen Luftströmen umgehen sollte. Und weil sie im Idealfall bei Seitenwind einen Segeleffekt haben können, der das ganze System vorantreibt. Man wird dann tatsächlich angetrieben und braucht weniger Leistung als ohne Wind.

Wenn das System Laufrad/Rahmen diese Wirkung unterstützt, dann geht’s ab! Wenn nicht, dann hat man im besten Fall immerhin ein toll aussehendes Bike mit teuren Laufrädern. 😉

swissside2

Übrigens drehen sich im meinem Bike nicht die Top-Laufräder von Swiss Side, sondern die günstigere Variante „Hadron 800 + Classic“. Im Windkanal liegen diese nur knapp (weniger als 2 Watt) hinter den Topmodellen. Die Felgen sind die gleichen, bei der Seitenwindperformance kann ich keinen Unterschied spüren.

swissside1

Unterschiedlich sind die Speichen und die Naben. Beide kommen von DT Swiss und liegen auf Top-Niveau. Für die minimal schlechteren Aero-Eigenschaften muss man satte 500 Euro weniger berappen. Ich finde das Preis-Leistungsverhältnis des Satzes mit 1.498 Euro krass gut! Ehrlich, es ist eine Menge Geld und man bekommt mittlerweile ja auch für unter 1.000 Euro Aerolaufräder, die teilweise auch sehr gut funktionieren. Aber die Qualität und die Entwicklungsarbeit, die hinter den neuen Swiss Side-Laufrädern steckt, sind beeindruckend und durch den Direktvertrieb kann man eben einen fairen Preis anbieten. Sowas mag ich. Schnell muss nicht (sehr) teuer sein.

Swissside_hadron_back

So wie der Rahmen ohne Laufräder nicht so wirklich viel kann, können auch die Laufräder nichts ohne einen Satz Reifen. Und die Auswahl der passenden Pneus ist entscheidender als man im ersten Moment denkt. Der Rollwiderstand ist ein entscheidender Faktor, klar. Und der Pannenschutz, denn wenn nichts mehr rollt, kann auch nichts leicht rollen. Aber auch aus aerodynamischer Sicht kann ein Reifen einiges Gutes tun – oder viel zerstören.

Aufgefallen ist mir vor Jahren während eines Aerodynamiktests von Laufrädern, dass ein eigentlich ziemlich gutes Laufrad mit neuem Reifen extrem bescheiden abgeschnitten hatte. Und zwar so schlecht, dass seine Performance auf dem Niveau von Standard-Laufrädern mit Kastenfelge und vielen runden Speichen lag. Wie konnte das passieren?

Nun, der Reifenhersteller hatte die Produktionsfirma gewechselt und damit die Form des Reifen verändert. Seitlich saßen nun auf beiden Seiten der Reifenwand minimale Gummistreifen. Ganz offenbar haben diese nicht mal einen halben Millimeter hohen und kaum spürbaren Lippen das gesamte System zerstört. Denn mit einem alten Satz der gleichen Reifen war das Laufrad wieder bei den Besten dabei.

Deshalb habe ich meine Reifen nach genau diesen Gesichtspunkten ausgewählt: Rollwiderstand und Pannenschutz sollten auf hohem Niveau sein und besonders beim Vorderrad wollte ich dessen teuer erkaufte Aerodynamik nicht beeinträchtigen.

Continental_GrandPrix-4000

Deshalb habe ich vorn einen GP 4000 S II von Continental montiert. In 23 Millimeter Breite, weil das mit der bauchigen Felgenform am besten funktioniert. Zwar haben diverse Tests (zuletzt im Magazin „triathlon“) ergeben, dass es in Bezug auf den Rollwiderstand einige Reifen gibt, die etwas leichter rollen. Aber die Seitenwände beim GP 4000 S II haben mit ihrer Struktur einen Vorteil bei der Aerodynamik, der den etwas höheren Widerstand mehr als wettmacht. Zumindest bei Seitenwind – und den hat man im Norden ja fast immer irgendwo.

Continental_GrandPrix-tt

Beim Hinterrad setze ich dafür auf den GP TT, der weniger Rollwiderstand aufweist. Hier ist die Seitenwand glatt, was vorn, wo der Wind direkt und als erstes auf den Reifen trifft, zu den genannten schlechten Effekten führt. Hinten ist aber erstens die Luft schon sehr turbulent und zweitens ist der in Fahrtrichtung vordere Teil des Reifens ja durch das breite und um das Hinterrad gezogene Sitzrohr des Aerium-Rahmens geschützt und damit aus dem Wind genommen. Deshalb ist es beim Hinterrad deutlich weniger entscheidend und ich wähle hier den schnelleren Reifen. Und zwar aus zwei Gründen in der breiteren 25 mm-Variante. Die ist komfortabler und rollt besser. Vorn setze ich trotzdem auf 23 mm. Denn da ist sie (wiederum) aerodynamisch gesehen die bessere Lösung.

In Teil 3 widme ich mich der Auswahl der Komponenten. Habt ihr in der Zwischenzeit Fragen zu den Laufrädern und Reifen? Dann gern her damit.

1 Kommentare

  1. Hi, super Beitrag!
    Habe da ne Frage oder eventuell ein neues Thema! Ich bin wegen technischem Defekt dieses We leider nicht ins Ziel gekommen…. Ventilverlangerung nicht dicht, anschließend abgebrochen… so weit so schlecht ….
    Was habt ihr so für Lösungen Erfahrungen bzgl. Schlauch, Ventil, Milch, tubeless-ready, tubeless bei hochprofil-Aerolaufrädern.
    Was habt ihr so alles onboard um euch wieder selbst ins Rennen zu bringen? Irgendwie hab ich das Gefühl, ich könnte nenn ganzen Werkzeugkasten gebrauchen😂🙈

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