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Als Triathlet unter Schwimmern: Individuelles Training vs. Training im Schwimmverein

10. April 2021


Als Triathlet im Schwimmverein

Als Triathlet ist man das Training in Eigenverantwortung gewohnt. Lange Einheiten, harte Einheiten, alles kein Problem. Aber was passiert, wenn man die Komfortzone verlässt und sich in den Einheiten durch andere Athleten und eine Trainingsgruppe pusht? Einige Vorteile kenne ich aus eigener Erfahrung und möchte sie in diesem Blog mit euch teilen.

Es ist Samstagmorgen, draußen ist es dunkel und kalt. Die Mütze tief im Gesicht, den Schal hochgezogen bis über den Mund, mache ich mich auf den Weg ins Schwimmbad. Als ich die langen Gesichter meiner Schwimmkollegen am Beckenrand sehe, weiß ich sofort, heute stehen mindestens wieder 6 Kilometer auf dem Plan.

Trotzdem springe ich mit den anderen ins Wasser. Nach einem langen Einschwimmen und diversen Technik- und Sprintübungen kommt es dann faustdick. „10x 200m Lagen-Test!“, hallt es durch die Halle. Mein Bahnpartner murmelt leise etwas, das ich hier nicht näher ausführen möchte. Bei mir sinkt die Motivation auf den Schwimmbadboden.

Die Leiden eines Triathleten: Schwimm‘, du Sau!

Ich frage mich, wieso ich das hier eigentlich mache: „Ich bin doch Triathlet. Warum tue ich mir das an?“ Aber egal, keine Ausreden. Der restliche Trainingstag ist danach zwar wahrscheinlich hinüber, aber jetzt komme ich aus der Nummer nicht mehr raus. Außerdem bin ich ja hier um schneller zu werden.

Der Pfiff ertönt, los geht’s: 10x 200 Meter Lagen, alles was geht! Ich fühle mich richtig gut – für ungefähr drei Wiederholungen. Danach setzt der Schmerz ein, die Lunge brennt und ich komme schon bei den 50 Metern Delfin an meine Grenzen. Rücken wird immer mehr zu einer regenerativen Maßnahme und bei Brust werde ich plötzlich von den jungen Mädels überholt. Natürlich sieht man neben den Schwimmern, die sich auf die Deutschen Meisterschaften vorbereiten, alt aus. Am Ego kratzt es aber trotzdem!

Während ich im Triathlon mit meinen Leistungen in der Regel zum oberen Ende der Fahnenstange gehöre, werde ich in der Leistungsmannschaft meines Heimschwimmvereins regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Nun stellt sich die Frage, ob das Training im Schwimmverein für einen Triathleten überhaupt sinnvoll ist? Ich finde schon!

Out of Comfortzone!

Zuerst möchte ich über den Umfang reden. Sicher, zwei Stunden im Wasser mit jeweils 5-7 Kilometern sind eine Wucht und für Viele wahrscheinlich vollkommen utopisch – glauben sie jedenfalls. Die meisten Athleten würden das wahrscheinlich schaffen, haben dazu aber einfach keine Lust oder stellen sich die Sinnfrage.

Gegenfrage: Wie sinnvoll sind denn bitte 200 Kilometer lange Ausfahrten mit dem Rad? Mehr als sechs Stunden auf dem Rad zu verbringen ist mittlerweile eine Art Statussymbol unter Triathleten. Also warum nicht auch mal für 6 Kilometer ins Wasser springen? Ihr lockt euren Körper damit aus der Komfortzone und er passt sich an. Ein Trainingsreiz, den viele Sporttreibende in dieser Form wahrscheinlich nicht kennen und definitiv mal ausprobieren sollten!

Schwerpunkt setzen, Motivation nutzen

Der nächste Punkt schließt sich direkt an den Umfang an. Im Frühjahr geht’s für die meisten Triathleten irgendwo in die Sonne, um die Rad- und Laufgrundlage für die kommende Saison zu legen. Oftmals wird das Schwimmen heruntergeschraubt oder es gerät komplett außer acht. Verständlich. Wenn das Hotel nicht mindestens ein Freibad hat, dann bin ich auch lieber auf dem Rad als im Wasser. Deswegen nutzt doch den Winter, um an eurer Schwimmgrundlage zu arbeiten. Und wo geht das wohl besser als in einem Schwimmverein?

Im Schwimmverein kommt nämlich der – meiner Meinung nach – größte Effekt gegenüber dem individuellen Triathlon-Training zum Tragen: die Motivation. Dass auch erfahrene Trainer immer mehr auf das Training in Gruppen setzen, ist kein Geheimnis. Der Vorteil ist hier nur weniger auf der sportwissenschaftlichen Seite, sondern mehr auf der mentalen Seite zu finden. Wer generell eher ungern ins kühle Nass springt und um Einheiten, die länger als eine Stunde dauern, sowieso immer einen Bogen macht, ist im Schwimmverein definitiv gut aufgehoben!

Bandbreite ausschöpfen: Mehr als Kraulschwimmen

Ein weiterer Vorteil, den ich euch näher bringen möchte, wird von Triathleten gerne komplett vergessen. Nämlich, dass es neben dem Kraulstil auch andere Lagen gibt. Viele schwimmen im Training fast ausschließlich Kraul, Brust vielleicht noch beim Ein- und Ausschwimmen, Rücken und Delfin werden komplett ignoriert.

Natürlich ist Kraul am wichtigsten für den Triathlon. Außerdem hat man dabei bereits genug mit einer sauberen Technik zu kämpfen. Trotzdem bringt das Erlernen von anderen Lagen nicht nur enorm viel Abwechslung und deutlich mehr Möglichkeiten ins Training, es fordert euch auch kognitiv ganz anders als die festgefahrene Kraulbewegung und verbessert eure Motorik. Aus dem gleichen Grund fahren viele Triathleten im Winter Mountainbike oder machen Trail-Läufe, könnte man übrigens festhalten.

Mehr miteinander für mehr gegeneinander

Den letzten Punkt kennen alle wahrscheinlich vom gemeinsamen Bahntraining auf der 400 Meter Runde oder auch von Zwift-Rennen und anderen gemeinsamen Radeinheiten: Gegen seine Vereinskollegen verliert man nicht gerne, also hat man im direkten Konkurrenzkampf mit seinem Trainingsbuddy immer 2% mehr im Tank als würde man sich alleine durch die Intervalleinheiten quälen. Wer jetzt sagt: „Das mache ich mit meinem Trainingsbuddy im Wasser sowieso immer!“, der mag zwar Recht haben, aber seid ihr mal 100 Meter gegen jemanden gesprintet, der bei unter 1 Minute nicht mal ins Schwitzen kommt?

Ich bin vor einiger Zeit ein 10x 100 CSS-Programm mit einem meiner Trainingskollegen, der auf die Langstrecke spezialisiert ist, geschwommen. Während ich zwischendurch beinahe gestorben wäre, hatte er nicht nur die Ruhe mich vernünftig zu pacen, sondern auch noch die Energie, um mich in jeder Pause anzufeuern. Zwischendurch habe ich ihn gehasst, unter der Dusche habe ich mich einfach nur geil gefühlt. Alleine hätte ich das Programm sicherlich nicht geschafft.

Bei all den positiven Argumenten gibt es trotzdem berechtigterweise einen Kritikpunkt, der auch mich immer wieder ins Individualtraining zurückdrängt. Es geht natürlich um die Trainingsinhalte. Klar, jemand der sich auf 50 Meter Brust vorbereitet, hat natürlich Trainingsinhalte, die für einen Triathleten nicht ganz so sinnvoll sind. Spätestens wenn es auf die Wettkämpfe zugeht und unsere Schlüsseleinheiten im Wasser absolviert werden müssen, sollten wir diese auch ernst nehmen und nicht unbedingt nebenan auf der Bahn das 10x 50 Meter Delfin Sprinttraining mitschwimmen.

Trotzdem ist das Schwimmtraining in einem reinen Schwimmverein eine super Abwechslung und gerade im Winter sehr zu empfehlen. Auch ich versuche wenigstens einmal in der Woche in einer Gruppe zu trainieren, weil es mich doch anders pusht als individuelles Training. Wer also in Zukunft die Möglichkeit hat, um in einem Schwimmverein zu trainieren, sollte diese Chance mal nutzen.

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2 Kommentare

  1. So wahr… ich freu mich wenn’s im Verein wieder losgeht. Hoffe meine Schwimmtrainerin bleibt mir mir ihrer Erfahrung und ihren 80(!) Jahren noch lange erhalten bleibt… einen einzigartigen Humor und nie krank…

  2. Lustig, gerade darüber (Schwimmverein) habe ich vor 2 Wochen nachgedacht für die Zeit, wenn die Bäder wieder öffnen. Ich denke, das sollte ich zumindest mal probieren.