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Diskussion im Profilager: Verzerren Motorräder das Renngeschehen?

13. September 2021


Triathlon-Motorrad-Regeln

Bisher war es immer mal wieder ein Thema im stillen Kämmerlein, jetzt haben der italienische Triathlonprofi Alessandro Degasperi und sein britischer Kollege Joe Skipper die Diskussion auf Social Media öffentlich gemacht. Das ausgemachte Problem der beiden: Zu viele Motorräder begleiten die Spitze des Feldes auf der Radstrecke und sorgen für Chancenungleichheit. Besteht Handlungsbedarf? (Foto: Jörn Pollex)

Das Thema tangiert tatsächlich nur einen Promille-Anteil der aktiven Triathlonszene, trotzdem ist die Auseinandersetzung damit interessant. Es dürften bekannte Bilder sein, wenn die Führungsspitze eines Triathlons auf der Radstrecke von einer Motorradeskorte begleitet wird: Kampfrichter, Medien und natürlich Polizei für zusätzliche Absicherung.

Manche Athleten sehen darin eine Wettbewerbsverzerrung, die nur schwer in Abrede zu stellen ist. Degasperi hat über seinen Instagram-Account gepostet, dass er vergangene Woche beim Ironman Thun demotiviert und enttäuscht aus dem Rennen ausgestiegen ist, als er die zehnköpfige Spitzengruppe samt Motorrädern gesehen hat. Ergänzend dazu veröffentlichte er Daten, die seinen Frust untermalten. Zuspruch und Verständnis gab es daraufhin nicht nur von Sebastian Kienle, sondern auch von vielen weiteren Profis wie Michelle Vesterby, Joe Skipper, Rudy Von Berg oder Ronnie Schildknecht.

Mittendrin statt schon gar nicht mehr dabei

Wie sahen die Daten aus und was haben sie gezeigt? Degasperi, der übrigens zwei Mal den Ironman Lanzarote gewinnen konnte, hatte sich nach dem Rennen bei Strava auf die Suche nach Vergleichswerten gemacht. Er wurde fündig. Die ersten 34 Kilometer schaute er sich daraufhin genauer an: Drei Athleten, die in der Spitzengruppe samt Motorradbegleitung unterwegs waren, benötigten zwischen 257 und 277 Watt für eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 43,7 bis 43,9 km/h. Er selbst hatte den Anschluss an die Spitze nicht geschafft, fuhr zwar mit 275 Watt in einem ähnlichen Bereich, erreichte damit allerdings nur 39,1 km/h im Schnitt. Sein italienischer Profikollege Matteo Fontana hingegen war mit 42,9 km/h ähnlich schnell wie die Spitze unterwegs, musste dafür allerdings stattliche 340 Watt investieren.

Natürlich haben Aerodynamik, Körpergewicht und Material ihren Einfluss auf Leistung und Geschwindigkeit. Die Dimension der Unterschiede zwischen Spitzengruppe und den Athleten dahinter ist allerdings – trotz aller Variablen –  eklatant und zeigt die massiven Verschiebungen, die entstehen können. Und dass der Ironman Thun keine Ausnahme ist, ist zumindest in Profikreisen kein Geheimnis.

Konstellation an der Spitze: Athleten und Motorräder

Nick kennt die Situation aus nächster Nähe, schließlich sind wir bei vielen Rennen mit der Kamera hautnah dabei und somit ebenfalls im Renngeschehen – und irgendwie auch Teil des beschriebenen Problems. Es gibt Wettkämpfe, da sind es gut und gerne bis zu zehn Motorräder, die die Spitzengruppe begleiten: Zwei Kampfrichter, Kamera für Live-Übertragung der Veranstaltung, Live-Ticker Autor für die Veranstaltung, Fotografen und manchmal sogar Motorräder mit Leuten, deren Aufgabe nicht wirklich identifizierbar ist.

Die Frage ist nun, sehen Offizielle und Veranstalter Handlungsbedarf? Am Ende liegt es in ihrer Verantwortung für faire Verhältnisse zu sorgen. Gleichzeitig braucht der Sport eine Bühne, die durch mediale Reichweite geboten wird. Wie so oft, gibt es allerdings nicht nur die Entscheidung für die eine Lösung oder gegen die andere, sondern auch einen Weg dazwischen. Sinnvoll wäre das Gespräch zwischen Profis, Veranstaltern, Kampfrichtern und Medien, um nach einer Konstellation zu suchen, die funktionieren kann. Die PTO wäre sicherlich in der Lage, um solche Überlegungen anzubringen und voran zu treiben.

Bei steigender Leistungsdichte unter den Athleten, wird es immer anspruchsvoller dem Renngeschehen Herr zu werden und die Übersicht zu bewahren. Daher braucht es nicht nur für die Sportler klare Regeln, sondern auch für die Motorräder auf der Strecke eindeutige Verhaltensrichtlinien.

 

10 Kommentare

  1. Entsprechende Erfahrungen beim IM Frankfurt hat Markus Herbst ja auch in seinem Podcast eindrucksvoll geschildert. Obwohl die Spitzengruppe offensichtlich weite Teile gebummelt hat, war es für die dahinterfahrenden Profis trotz höherer Wattwerte nicht möglich, näher zu kommen. Dies führt jetzt soweit, dass sich Profis gezielt Rennen anhand der Startliste aussuchen, bei denen die Erwartung besteht, dass „schwächere“ Schwimmer (Sanders, Kienle etc.) auch eine Motoradbegleitung bekommen, damit überhaupt eine Chance besteht, zur ersten Gruppe aufzuschließen. Meines Erachtens besteht also dringender Handlungsbedarf, um faire Rennen zu haben.

  2. Ich kann nur aus Roth berichten wo ich an der Strecke unterwegs war. ein offizieller der außerhalb der Zone seine Flasche ins Gebüsch pfeffert und sein Kollege wenige Minuten vorher ein paar Meter vorher noch Athleten notiert welche 2 Meter hinter der Linie ihre Gels fallen lassen oder ein Profi m/w welcher seine Eigenverpflegung wegwirft und der Raceoffical direkt dahinter ist , Radfahrer die nen Spitzenathleten m/w auf der Laufstrecke vor dem Wind schützen oder der Blaue Express, welcher in der ersten Runde sehr eng zusammen auf der Strecke unterwegs war… und Amateure werden wegen Kleinigkeiten oder wegen etwas wo sie nur teilweise etwas dafür können verwarnt oder bestraft! Da wird mit Sicherheit mit unterschiedlichem Maß gemessen.

  3. Ich kann mich noch gut an den Ironman Frankfurt 2019 (?) erinnern. Frodo vorne weg alleine, mit 10 Motorrädern, die ihn umkreisen. Danach kam Kienle mit 5 Minuten Abstand, alleine, mit nochmal ca. 4 Motorrädern und dann folgte die Gruppe Lange mit ca. 5 Fahrern weitere 5 Minuten danach und bei denen gab es dann noch 2 Motorräder…

    Warum bei einem allein fahrenden Führenden, ein oder gar zwei Kampfrichter mitfahren, erschließt sich mir nicht. Die wären in meinem Beispiel in der Gruppe Lange mit 5 Fahrern viel besser aufgehoben, da es nur dort zum Windschattenfahren kommen kann. Generell sollten die Aufnahmen der Sportler immer zumindest schräg von hinten kommen bei der Liveübertragung oder wie beim Radsport auch mal vermehrt aus der Helikopterperspektive. Und für Motorräder, die „nur“ Bilder machen, sollte es abgesteckte Zonen geben. Nach dem Motto: „In diesem 10 Kilometer-Abschnitt dürft ihr knipsen und ansonsten seid ihr raus aus der Motorradclique“.

    Also insgesamt sollte man auf einen einzelnen Fahrer (Führenden), die Motorradgruppe auf maximal 3 Stück begrenzen und je nach größe der Gruppe, auf Hawaii habe ich Videos gesehen von 15+ Fahrern, sollte auch dann die maximale Motorradgruppe bei 5-6 liegen, wobei dies dann mindestens 3 Schiedsrichter beinhaltet.

  4. Nicht nur ein Thema auf der Langdistanz. Bei der SL in München gestern sind einige Athleten im Time Trail Segment des Wettbewerbs ca. 2 m hinter den Motorrädern hergefahren. Spektakuläre Bilder, aber sicherlich nicht fair.

  5. Kenne mich mit den Dingern jetzt nicht wirklich aus, aber kann man in manchen der Fälle keine Drohnen einsetzen?

  6. Diese Diskussion gibt es schon seit 20Jahren im Radsport. Es ist kein Geheimniss dass die meisten Fluchtversuche aus dem Peloton nur deswegen erfolgreichvsind weil sie von Motorradbegleitung profitieren! Das macht Fluchtversuche aber umso spannender und bring mehr TV Zuschauer, e.g. hoehere TV Übertagunsrechte$€!

  7. Bei der SL ist mir das auch sehr aufgefallen, das war überhaupt nicht fair und die Bilder auch nicht wert.

  8. Nicht umsonst gibt es bei immer mehr Rennen eine 20m Windschatten-Box.
    Für Motorräder sollte sie noch größer sein.
    Mit der heutigen Technik bezüglich Objektiven, optischen und digitalen Bildstabilisatoren, der Möglichkeit 4k zu filmen und einen unverwackelten FullHD Ausschnitt zu zeigen, finde ich es extrem enttäuschend, dass die Motorräder so häufig (schräg) vor den Athlet:innen fahren.

    Lieber schlechtere Bilder und dafür besser Rennen.