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Helle Fredriksen: Race-Tipps, Rekorde und richtig viele „Good Vibes“

11. Juni 2021



Seit sieben Jahren hält Helle Fredriksen mit 3:55:50 Stunden den Rekord auf der Mitteldistanz bei den Frauen – stark! 2019 entschied sie sich für das Ende der aktiven Profi-Karriere im Triathlon. Ruhe kehrte deswegen aber nicht ein. Warum? Lena hat mal nachgefragt.

Ich geb’s ja zu: Ich erlebe schon so etwas wie einen „Fangirl-Moment“, als mir die ehemalige Profi-Triathletin Helle Fredriksen in dieser Woche (zumindest virtuell) gegenübersitzt – auch wenn ich ausgerechnet in dem Jahr in den Triathlon-Bann geriet, als die Dänin von der Bühne ging. Und das liegt nicht nur an der enormen Race-Historie, die bei ihr auf der Haben-Seite steht. Vielmehr catchte mich ihre Triathlon-Philosophie …

Helle Fredriksen: Erst Mitteldistanz-Rekord, dann Langdistanz-Titel

Helle setzt sehr konkret auf das Prinzip „train by feel“. Sich das als Rookie beim Profi abzuschauen, kann Sinn machen. Und auch sonst bringt die 40-Jährige ein Wahnsinns-Wissen mit, das sie nicht nur ihrer Sport-Karriere, sondern nebenbei einem Master in Ernährungswissenschaften (2008) zu verdanken hat. Definitiv eine der spannendsten Gesprächspartnerinnen, die man im Triathlon so treffen kann – kann man nicht anders sagen.

5 schnelle Fakten über Helle Fredriksen:

  1. Sie hält seit 2014 den Weltrekord der Frauen auf der Mitteldistanz: 3:55:50.
  2. Zehnmal gewann sie bereits Ironman 70.3-Rennen; 2018 wurde sie auf der Langdistanz der ITU Weltmeisterin.
  3. Im Jahr ihres Weltrekords, 2014, heiratete sie auch ihren Mann, Ben Powell, der selbst im Triathlon aktiv ist.
  4. 2012 vertrat sie Dänemark bei den Olympischen Spielen.
  5. 2019 gewann Helle Fredriksen den Ironman 70.3 Kraichgau.

Warum wir gerade jetzt sprechen? Ehrlich gesagt: einfach so. Und weil ihre Biografie „The Pursuit of Victory” im Mai auch auf englischer Sprache erschien. Bei der dänischen Ausgabe musste ich leider passen. Da Helle selbst die Rechte an der internationalen Ausgabe hat, entschied sie sich für eine unkonventionelle Methode – und veröffentlichte die englische Version einfach unter dem eigenen Label „Kollektiv“, statt über einen großen Verlag.

Und auch sonst macht die Dänin bevorzugt ihr eigenes Ding. Dem Triathlon blieb sie aber erhalten: als Coach, Rekordhalterin und allem voran als Inspiration …

Pushing Limits: Wie hat sich dein Blick auf den Sport verändert, seitdem du dich bewusst für das Ende deiner aktiven Karriere entschieden hast?

Helle Fredriksen: Meine Perspektive hat sich nicht allzu sehr verändert. Der Prozess meines Karriereendes begann im Grunde schon Anfang 2019. Ich habe einen sehr starken, inneren Antrieb, warum ich das tue, was ich tue. Gerade im Triathlon war dieser Antrieb stark – so stark, dass ich zu Unzeiten aufstand, um zum Training zu gehen. Und plötzlich wurde mein inneres „Warum“ immer schwächer. Gleichzeitig wurde ich mir klarer, was ich in meiner Karriere eigentlich schon erreicht hatte und was ich sonst noch in meinem Leben erreichen wollte. Ich sah deutlicher, dass es eine Zeit nach der Karriere geben könnte, die schneller als gedacht kommen könnte. Letztendlich hatte ich ein wundervolles letztes Rennen in Kopenhagen im August 2019 mit einer tollen Finishline – wie im Märchen.

Ich bin ausgestiegen, weil mein inneres Warum immer schwächer wurde.

Und wie stehst du heute zu Triathlon? Was bedeutet dir der Sport?

Helle Fredriksen: Ich liebe Triathlon nach wie vor – und ich bin jeden Tag aktiv. Sicher, ich trainiere nicht mehr in allen drei Disziplinen jeden Tag, sondern maximal eine. Aber mit unserem Welpen ist auch das „Walken“ mit hinzugekommen (lacht). Außerdem bin ich inzwischen mehr damit beschäftigt, anderen im Sport zu helfen und sie zu inspirieren, indem ich meine Geschichte teile. Es muss dann nicht immer um Triathlon gehen, es kann auch den Job betreffen. Es gibt so viele Momente im Alltag, in denen man vom Triathlon profitiert. Ich habe inzwischen eine große Werkzeug-Kiste parat aus meiner Zeit als Sportlerin, die in herausfordernden Situationen nützlich sein kann.

In welchen Situationen genau?

Helle Fredriksen: Vor allem dann, wenn es um schwere Entscheidungen geht, profitiere ich von den Erfahrungen im Sport. Auch in ganz privaten Belangen oder wenn man einen geliebten Menschen verliert zum Beispiel. Wann auch immer ich vor einer Herausforderung stehe, überlege ich, ob ich diese Emotion bereits im Sport durchlebt habe und was ich getan habe, um damit umzugehen. Geduld, Beständigkeit, Kraft sind dann sicherlich hilfreich, um mit Krisen umzugehen. Als Sportler weiß man einfach, dass es lange dauert, bis man zu einem Ziel kommt – als Triathlet sowieso. Das Leben verlangt einiges ab. Es kommt eben immer darauf an, wie man dann wieder auf die Beine kommt. Nicht die Reaktion auf eine Krise ist entscheidend, sondern die Aktion, die daraus entsteht. Wenn das Leben nicht hart wäre, würde es weniger Spaß machen. Gerade wir Triathleten wollen doch immer wieder aufs Neue herausgefordert werden, nicht wahr?

Es gibt so viele Momente im Alltag, in denen man vom Triathlon profitiert.

Apropos Herausforderung: Was ist der beste Tipp, den du anderen Triathleten geben kannst – auch Rookies?

Helle Fredriksen: Der Top-Tipp lautet: Genieße jeden Moment in vollen Zügen und geh „all-in“ – und zwar unabhängig von deinem Equipment.

… an Equipment mangelt es ja meist nicht. Immerhin.

Helle Fredriksen: Ja, da kann man sich schon mal reinsteigern – das passiert vielen. Dabei geht es gar nicht um die Ausstattung, sondern darum, sich ein Herz zu fassen und zu jedem Zeitpunkt des Rennens sein Bestes zu geben. Hilfreich kann es auch sein, das Rennen gedanklich in Abschnitte zu unterteilen und sie abzuarbeiten wie kleine Etappenziele. Das gilt gerade auf der Olympischen Distanz. Konzentriere dich voll auf jeden Abschnitt des Rennens – vom Schwimmen über den Wechsel zum Radfahren und so weiter. Auch die Hydrierung und Ernährung sollte genau bedacht sein.

Helle Fredriksen
(c) Honza Zak

Und wie steht’s um den Mind-Faktor?

Helle Fredriksen: Du kannst nur dein Bestes aus dir herausholen, wenn du in dem Moment voll da bist. Und nach der Finishline ist der Moment gekommen, alles rauszulassen und dir das auch zu erlauben. Sei einfach glücklich, tausche dich mit den anderen aus, lass los und relaxe. Die Atmosphäre hinter der Ziellinie ist eine ganz besondere, die du in vollen Zügen genießen solltest.

Was hilft, wenn unter dem Rennen Zweifel bezüglich der eigenen Leistung auftauchen?

Helle Fredriksen: Wenn Gedanken wie „Das ist so hart, das schaffe ich nie!“ aufkommen, kann es auch helfen, das Rennen in kleine Etappen aufzuteilen – und sich im bekannten positiven Selbstgespräch auch darüber bewusst zu werden, was du schon geschafft hast. Sich auf die richtige Körperhaltung und Stärke zu fokussieren, etwas zu trinken oder zu essen, kann auch helfen. Wenn du glaubst, gehen zu müssen, gilt: Auf gar keinen Fall gehen! (lacht)

Die Atmosphäre hinter der Ziellinie ist eine ganz besondere. Du solltest sie in vollen Zügen genießen.

Kommen wir vom Race-Feeling zur Gleichstellung. Da tut sich ja einiges – genug?

Helle Fredriksen: Tatsächlich gibt es noch Raum zur Verbesserung. Auf wissenschaftlicher Ebene rückt beispielsweise das Thema Zyklus mehr in den Fokus, gerade in den letzten fünf Jahren passiert hier viel. Vor zehn Jahren hieß es noch ‚Wenn du deine Periode nicht bekommst, ist das ein Zeichen dafür, dass du fit bist!‘ – ein fataler Irrtum. Heute ist klar, dass du keine gesunde Athletin bist, wenn du deine Periode nicht mehr hast.

Du bist Teil dieser Veränderung bei der Wahrnehmung von und dem Umgang mit Athletinnen …

Helle Fredriksen: … und ich bin wahnsinnig stolz, Teil des Ganzen sein zu dürfen. Es fühlt sich überhaupt nicht falsch an, über Themen wie den Zyklus zu sprechen – im Gegenteil ist es ja das Natürlichste der Welt. Wir investieren in unsere eigene Zukunft, wenn wir offen damit umgehen. Umso glücklicher bin ich, darüber zu sprechen. Es gab im Laufe meiner Karriere immer wieder Themen, die ich öffentlich angesprochen habe, wie etwa Doping. Kurzum: Ich habe nie Angst davor, meine Meinung zu sagen, solange ich gute Argumente für sie habe.

Gibt es eigentlich noch irgendwelche Tabus in der Szene, über die man mehr sprechen sollte?

Helle Fredriksen: Das Thema Essstörungen von Männern kommt meiner Meinung nach zu selten zur Sprache, ebenso die Herausforderungen, die der durch den Ausdauersport gesenkte Testosteronspiegel und Energiehaushalt bei den Herren mit sich bringt. Auch bei ihnen kann sich zu viel Training auf die Regeneration und damit auf die Performance auswirken. Essstörungen werden zudem eher Frauen zugeordnet als Männern – dabei gibt es da draußen einige, die damit zu kämpfen haben. Manche Athleten sprechen bereits darüber, aber sie werden dafür leider oftmals noch belächelt …

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