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Pro:blog #16 – Der Realität ins Auge sehen

13.06.2022 · 6 Min. Lesezeit · von Niclas

Pro Blog Indeland

Der Wochenendtrip zum Indeland Triathlon war in vielerlei Hinsicht richtungsweisend: Es wird höchste Eisenbahn, ein paar ehrliche Entscheidungen zu treffen. Warum ich meinen Start beim Ironman Frankfurt absage und welche Schlüsse ich sonst noch aus den vergangenen Wochen ziehe, lest ihr jetzt.

Wenn ich die Phase bis zum Ironman Südafrika Anfang April als erste Halbzeit des PRO:jects betrachte, dann sollte die zweite Halbzeit bis zum Ironman Frankfurt dauern. Jetzt, zwei Wochen vor dem Startschuss, habe ich mich für den vorzeitigen Spielabbruch entscheiden. Die Beweggründe dafür sind rein persönlicher Natur. Aber auch aus sportlicher Sicht muss ich mir die Frage stellen, ob es Sinn macht, nochmals in die Verlängerung zu gehen.

Pokerspiel Ironman-Start

In wenigen Wochen, vielleicht sogar schon Tagen, bekommen wir zum zweiten Mal Familienzuwachs. Das weiß ich natürlich bereits seit Monaten und dementsprechend war der geplante Start in Frankfurt von vornherein ein Pokerspiel: „Wenn das Kind vor dem Rennen kommt, starte ich nicht. Ist es noch nicht auf der Welt, dann mache ich das Rennen.“ So lauteten die Optionen bis vor zwei Wochen.

Als ich am Freitag das Auto gepackt und mich auf den Weg nach NRW zum Indeland Triathlon gemacht habe, hat es sich alles andere als richtig angefühlt. Es war so, als würde ich meine hochschwangere Frau mit unserem zweijährigen Sohn zuhause im Stich lassen – nur, damit ich mein Egoding durchziehen und bei einem Triathlon starten kann. Ich mache keinen Hehl daraus: Genau so asozial wie es sich liest, hat es sich angefühlt. Statt zuhause da zu sein, zu unterstützen, die besondere Zeit zu genießen, war ich drei Tage unterwegs und habe dem Triathlon – für diesen Moment – eine höhere Priorität gegeben.

Selbstverständlich sprechen wir so etwas als Familie ab und treffen eine solche Entscheidung gemeinsam, dementsprechend war es auch okay. Wir hatten zudem die nötige Unterstützung im Vorfeld organisiert, aber mein Gewissen konnte das nicht verpacken. Im Auto habe ich gemerkt, dass es überhaupt nicht das ist, was ich will. Ich möchte nicht Triathlon um jeden Preis machen. Und worum geht es schon? Mir sportlich selbst etwas zu beweisen? Oder dass ich selbst Spaß und eine gute Zeit habe?

Kein Ironman Frankfurt für mich

Zum Glück hat es mein Ego nicht mehr nötig, um mit solchen Dingen gepinselt zu werden und steht mir nicht im Weg, wenn ich sage: Kein Triathlon der Welt ist es mir wert, das Familienleben unterzuordnen. Ich habe mich das komplette Wochenende fehl am Platz gefühlt. So war es fast eine Befreiung, den Start in Frankfurt umgehend zu canceln und ab jetzt erstmal voll und ganz zuhause präsent (und zu gebrauchen) zu sein. Wohlwissend natürlich, dass es wieder irgendwelche Schlaumeier geben wird, die jetzt mit ihren Weisheiten um die Ecke kommen und sich ihre Kommentare dazu nicht sparen können. Ich bin schon gespannt!

Klar ist auch, dass sich diese Gefühlslage in absehbarer Zukunft nicht ändern wird – vermutlich wird sie sich eher umso mehr verstärken, sobald wir wirklich zu viert zuhause sind. Wenn ich es ganz nüchtern und rational betrachte, muss die Frage lauten: Welche Verantwortung trage ich wirklich? Zweifelsohne ist es das familiäre Wohl und Miteinander. Dazu gehört natürlich mittelbar ein Beruf, der das möglich macht.

Dann jedoch Beruf und Profisport miteinander zu verknüpfen (wie ich es aktuell mit Pushing Limits und selbst Triahlon treiben versuche), wird dann schnell zum Fallstrick. Einfach deswegen, weil jeder Bereich für sich genommen schon enorme Kapazitäten bindet und einen hohen Anspruch an sich selbst erfordert. Ein Konstrukt, das für mich nicht so richtig zu funktionieren scheint.

Erkenntnisse gewinnen, Entscheidungen treffen

In den vergangenen Triathlongelaber Podcasts hatte ich bereits angerissen, dass ich keinem der drei Bereiche (Familie, Beruf, Sport) so gerecht werde, wie ich es mir eigentlich vorstelle. Ich bin jemand, der hohe Ansprüche an die Dinge hat, die er tut. Und die letzten Wochen haben gezeigt, dass mir die Gewichtung einfach nicht so gelingt, dass diese drei Felder in Einklang funktionieren.

Nehme ich  die Erkenntnis von oben als erstes Argument, dann spricht nicht viel dafür, dem Triathlon weiterhin den Stellenwert zu geben, den er in den vergangenen zwölf Monaten bekommen hat. Viel mehr Sinn würde es machen, wenn ich mich auf zwei Dinge konzentriere – Family first, logisch. Und ansonsten gute Arbeit zu machen!

Das nächste Argument ist sachlicher zu betrachten: Sicherlich habe ich mich im letzten Jahr sportlich weiterentwickelt. Ich erkenne durchaus einen Entwicklungsprozess, habe Spaß am Training und bin pflichtbewusst. Wenn ich mein sportliches Vermögen allerdings ins Verhältnis zu den Leistungen setze, die mittlerweile im Profisport erbracht werden und die nötig sind, um eine relevante Rolle im Profizirkus zu spielen, dann müssen wir nicht lange darüber reden, dass es bei mir dazu nicht reicht.

Ich bewege mich auf einem Niveau von sehr ambitioniertem Amateursport, mehr ist es nicht. Allein mein Respekt gegenüber den richtig starken, schnellen Jungs ist so groß, dass es sich irgendwie falsch anfühlt, mich länger mit ihnen auf die Profistufe zu stellen. Mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht kann ich feststellen, dass ich mich selbst nicht ernst nehmen würde. Und natürlich möchte ich ernst genommen werden, für das was ich tue.

Sportliche Utopie

Das Rennen beim Indeland Triathlon hat das ganz gut gezeigt: Nachdem das Schwimmen gut lief (ähnlich wie in Ingolstadt), konnte ich das Radfahren im Rahmen meiner Möglichkeiten absolvieren. Dieser Rahmen lässt es zu, dass ich 88 Kilometer mit 308 Watt normalized power fahre. Das reicht in keinem Profifeld der Welt, um dort mitzumischen, wo es um die spannenden Platzierungen in den Top 5 geht. Ganz zu schweigen davon, dass es beim Laufen auch nur knapp 30 Minuten wirklich gut lief, bevor ich mich drei Mal hintereinander übergeben musste und die komfortable Führung am Ende nichts mehr wert war. Immerhin habe ich es dieses Mal noch ins Ziel geschafft.

Und damit zur dritten Erkenntnis, die das Profidasein eigentlich obsolet macht: Ich bin nicht mal enttäuscht über das Rennen oder wie es gelaufen ist. Auch in Ingolstadt war ich nicht enttäuscht und das DNF in Südafrika hat mich nur kurz impulsartig getriggert. Als Profi bräuchte es wohl eher Reaktionen wie „jetzt erst recht!“ oder „ich will beim nächsten Mal zeigen, was in mir steckt“ oder irgendwas, das zeigt, wie hungrig man auf mehr oder bessere Leistung ist. Ich könnte es mir jetzt einreden – das habe ich sicherlich auch oft genug versucht – aber dieses besondere Etwas steckt einfach nicht in mir.

Erstes kurzes Fazit zum PRO:ject

Unterm Strich muss ich mir eingestehen, dass meine Sicht auf die Dinge und das eigene Profitum (in Kombination mit Pushing Limits und Privatleben) nach dem Ironman Südafrika vielleicht unrealistischer waren, als ich es zu dem Zeitpunkt angenommen hatte. Meine formulierten Vorstellungen waren andere, keine Frage. Aber so war das PRO:ject eine spannende (und durchaus bereichernde) Reise mit vielen neuen Perspektiven bzw. Denkweisen, zu einem neuen Verständnis von Profisport im Triathlon – und auch zurück zum Spaß, selbst Triathlon zu machen! Ob als PRO:ject-Profi oder zukünftig doch einfach als stinknormaler Triathlet mit Familie, Beruf und Privatleben.

Ehrlich gesagt, sind all das gute Erkenntnisse. Ich wäre gerne ein echter Profi, ich hätte gerne sportlichen Erfolg, ich würde gerne so schnell und stark sein wie viele andere – ich bin es aber nicht. Meine Stärken sind anderer Natur und liegen im kreativen Bereich, im Schreiben, im Gespräche führen, im Schaffen und Machen von Dingen. Und das ist doch auch was wert!

Darüber, was ich im PRO:ject gelernt habe und wie sich mein Bild vom Profisport verändert hat, werde ich nochmal einen ausführlichen Blog schreiben. Dazu in Kürze dann mehr!

Bis dahin, euer Bocki

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