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Anabel Knoll über Olympia: „Mich haben viele nicht auf dem Radar – ich kann nur überraschen“

06. Juli 2021



Hätte man Anabel Knoll Anfang des Jahres gesagt, dass sie im Juli an den Olympischen Spielen in Tokio teilnimmt, hätte sie wohl ungläubig abgewunken. Aber nun komplettiert sie das Team der deutschen Triathleten. Höchste Zeit, mal nachzufragen, wie sie selbst ihre Chancen einschätzt!

Man muss es sagen, wie es ist: In der Jahresplanung von Anabel Knoll hatten die Olympischen Spiele eigentlich keinen Platz. Zumindest nicht in der Form, die sie nun einnehmen werden. Sicher, ihren Team-Kollegen hätte sie beim Wettkampf zugesehen – allerdings in mehr als 9.000 Kilometern Entfernung. Der Plan ist nun vorerst abgehakt. Anabel muss selbst ran. Wenn sie Ende Juli am Start steht, liegen nur gut acht Wochen Olympia-Vorbereitung hinter ihr. Denn erst im Mai qualifizierte sich die Bayerin überraschend beim internen Verbands-Event in Kienbaum und ist nun Teil des „#TeamDeutschland“.

Der Plan steht – und das deutsche Triathlon-Team für Olympia auch!

Gemeinsam mit den Triathlon-Stars der Stunde – nämlich Laura Lindemann, Justus Nieschlag und Jonas Schomburg – fliegt Anabel nun nach Tokio. Zu den Olympischen Spielen, dem absoluten Sehnsuchts-Event vieler Profisportler. Am 18. Juli geht der Flug, frühestens am 21. Juli darf das erste Training in Japan stattfinden, am 26. starten die Männer, am 27. die Frauen, am 31. ist mit dem Mixed-Team-Relay-Event dann alles schon wieder vorbei – und die Medaillen sind verteilt. Spannend!

Doch von Anspannung kann bei Anabel Knoll so gar keine Rede sein. Sie ist selbst überrascht, dass sie das Ganze bisher quasi kaltlässt, als sie sich nach einer langen Radeinheit im Trainingslager in Italien noch für ein Gespräch Zeit nimmt. Dass es kaum eine Gelegenheit gab, das Ganze zu realisieren, wird auch schnell beim Blick auf den Alltag der 25-Jährigen und ihrer Triathlon-Kollegen erklärbar.

Auf der Zielgeraden zum großen Traum

Was das Team dieser Tage an Training abreißt, ist bemerkenswert, aber auch effektiv: Aktuell stehen sechs- bis siebenmal Schwimmen pro Woche, zweimal Freiwasserschwimmen, lange Radausfahrten bis zu 4 Stunden, Koppeleinheiten aus Radfahren und Laufen auf dem Plan. Da kommen schnell 80 Laufkilometer und über 500 Radkilometer pro Woche zusammen. „Ich muss sagen, es hilft auch: Man schwimmt oder läuft Zeiten, die normalerweise wesentlich mehr Anstrengung kosten“, berichtet Anabel. „Aber ich bin fast überrascht, dass ich noch so fit bin.“

  • Triathlon bei den Olympischen Spielen 2021

  • Die Olympischen Spiele werden vom 23. Juli bis 8. August 2021 in Tokio ausgetragen. Die Metropole ist zeitlich aktuell sieben Stunden voraus. Die Wettkämpfe finden also aus deutscher Sicht in den Abendstunden statt.
  • Montag, 26. Juli 2021: Männer – 6.30 Uhr (Übertragung: 25. Juli, 23.30 Uhr)
    Dienstag, 27. Juli 2021: Frauen –  6.30 Uhr (Übertragung: 26. Juli, 23.30 Uhr)
    Samstag, 31. Juli 2021: Mixed Team Relay – 7.30 Uhr (Übertragung: 31. Juli, 00.30 Uhr)
  • Gut zu wissen: Bei den Paralympics vom 24. August bis 5. September 2021 wird außerdem Paratriathlon zu sehen sein (29. August, ab 1.30 Uhr starten die Rennen).

Apropos Überraschung: Wie unrealistisch dieses ganze Olympia-Vorhaben für sie selbst bis Ende Mai schien, wird auch im Hinblick auf folgende Anekdote deutlich. Als Ende 2019 klar war, dass der interne Wettkampf um die letzten Olympia-Tickets in Kienbaum stattfinden würde, trudelten Mails rund um das „Team Deutschland“ in Anabels Postfach ein. Die ignorierte sie konsequent – war ja alles undenkbar. „Und jetzt ärgere ich mich, dass ich die mal besser gelesen hätte. Das ist für mich der Beweis, dass ich es mir nicht nur eingeredet habe, es nicht zu glauben. Ich hielt es wirklich für ausgeschlossen.“

Vermutlich kommt die Aufregung erst in der Stunde vor dem Wettkampf.

Kannst du dich an deine Gefühle in dem Moment erinnern, als klar war, dass es geklappt hat?

Anabel Knoll: Ganz ehrlich: Ich habe nichts gefühlt und nichts gedacht. Da war einfach eine komplette Lehre – außerdem wollte ich das erst selbst nicht glauben und hielt das Ganze für einen Fehler. Das zu realisieren, hat dann schon zwei Tage gedauert. Ich bin fast ein bisschen traurig, dass ich das nicht so richtig fassen kann, weil das natürlich auch die Vorfreude ein wenig nimmt. 

Wo ordnest du dich selbst in dem Olympia-Feld ein?

A. K.: Da ich mit den meisten noch nicht gestartet bin, fällt es natürlich extrem schwer, mich einzuordnen. Ich könnte aktuell aber auch gar nicht sagen, wer das Podium macht – weder bei den Männern noch bei den Frauen. Es kann wirklich jeder gewinnen. Insgeheim tippe ich irgendwie auf Georgia Taylor-Brown, aber ohne konkreten Anhaltspunkt. Erst gestern habe ich meinen Vater gefragt, was er tippt und wie er meine Chancen sieht. Seine Aussage: „Top 25 wäre schon gut, Top 20 wäre gut, Top 15 wäre richtig gut – aber einer muss ja auch Letzter werden.“ (lacht) Tatsächlich wäre es mein Ziel, in die erste Hälfte zu kommen. Und wenn mehr geht, ist das natürlich toll. Aber ich kann auch einen rabenschwarzen Tag erwischen. Alles ist möglich.

Der Fokus liegt sehr auf Laura. Dadurch haben mich viele nicht auf dem Radar.

Bei der Supersprint-EM in Kitzbühel lief es für dich nicht optimal – du hast dich darüber aber auch nicht ausgeschwiegen. Hat sich das Ergebnis ein wenig wie ein Dämpfer angefühlt?

A. K.: Ich gebe es zu: Ich hatte schon ein besseres Ergebnis erwartet. Top 10 wäre drin gewesen. Aber ich habe einfach einen schlechten Tag beim Laufen erwischt – und das kannst du dir heutzutage in dem Feld nicht mehr erlauben. Die anderen trainieren ja auch viel, wenngleich das für Außenstehende natürlich immer schwer zu beurteilen ist. Mir ist es einfach immer wichtig, in dem Moment alles zu geben, was ich geben kann. Und das habe ich auch in Kitzbühel getan.

Welche Chancen rechnest du dir selbst auf die Medaille aus – auch mit Blick auf das starke Starterfeld, das unter anderem mit Laura direkt im Team vertreten ist?

A. K.: Ich habe das Glück, dass der Fokus sehr auf Laura als Medaillen-Kandidatin liegt. Sie wird auch auf jeden Fall irgendwo vorne mit dabei sein. Dadurch haben viele mich gar nicht so sehr auf dem Radar. Ich habe nichts zu verlieren, kann also nur überraschen – mit dieser Haltung gehe ich gerne an Situationen heran.

Mein Papa hat viel Zeit in meinen Sport investiert – jetzt kann ich ihm etwas zurückgeben.

Dein Vater hat eine persönliche Vergangenheit in Bezug auf Olympia, war selbst Profi. Nun fährst du, seine Tochter, zu den Spielen. Was sind das für Gespräche, die ihr in diesen Tagen führt?

A. K.: In dem Moment, als klar war, dass ich es geschafft habe, war er gefühlsneutral – was typisch für ihn ist. Seine Reaktion: „Okay, jetzt müssen wir trainieren!“ Er hatte sofort einen Trainings- und Fahrplan im Kopf. Ich vertraue ihm da zu 100 Prozent und mache einfach mit. Er selbst hat vermutlich noch weniger damit gerechnet, dass ich es schaffen könnte. Deswegen freut es mich umso mehr. Mein Papa begleitet mich schon mein ganzes Leben begleitet, hat viel Zeit in meinen Sport investiert. Jetzt kann ich ihm etwas zurückgeben.

Und was kommt nach den Spielen? Wie sieht die weitere Saison aus?

A. K.: Eigentlich ist es mein Vorteil, dass ich nur wenig Vorbereitung hatte. Anderen wird es wesentlich schwerer fallen, danach weiterzumachen – je nachdem, wie der Wettkampf ausgeht. Relativ zeitnah nach den Spielen finden außerdem die WTS-Rennen in Kanada statt, das wäre eine Option. Aber ich weiß natürlich nicht, wie ich auf die Spiele reagiere. Vom Höhenflug bis zum Tiefpunkt kann alles die Folge sein …