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Gefühl oder Gadgets?

09. Februar 2021


Blick über die Schulter eines Läufers mit Fokus auf eine Laufuhr

Wer drei Sportarten zu trainieren hat, tut gut daran, dies möglichst effizient zu machen. Dabei helfen Sportuhr, Wattmesser und Co. Trotzdem solltet ihr diese Gadgets ab und zu mal ausschalten, findet Carola und erklärt in ihrem neuen Blog warum.

Es gibt einen Song von Fettes Brot, der heißt „Jein“, und in dem sitzen auf den Schultern des Protagonisten „Engel links, Teufel rechts“. Auch die Schultern von Triathleten werden manchmal okkupiert. Mit Hinblick aufs Training lümmeln dann die beiden Konkurrenten „einfach mal nach Lust und Laune“ und „auf jeden Fall mit Gadgets“ neben den Ohren herum. Meistens gewinnt „auf jeden Fall mit Gadgets“. Jedenfalls bei mir.

Das ist vermutlich deshalb so, weil es dem Menschen ein Bedürfnis ist, Belege für sein Tun zu sammeln. Man glaubt ja auch erst, dass man letzte Nacht so knülle war, wie die Kumpels behaupten, wenn man am nächsten Morgen die zwölf WhatsApp-Nachrichten an den oder die Ex entdeckt.

Genauso legen schwere Beine zwar die Vermutung nahe, dass man eifrig trainiert hat. Aber richtig amtlich wird das erst, wenn sich die Einheit in Today’s Plan grün färbt oder Strava bestätigt, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Dank GPS-Uhr, Wattmesser und Co. hat man Mittel, die Training und Leistung greifbar machen – und damit auch die Möglichkeit, anderen zu zeigen, was man da sportlich wieder Geiles hingezimmert hat. Ist ja auch unbestritten ein tolles Gefühl, ein paar Kudos von anderen einzusammeln, anstatt selbst sein größter (und einziger) Fan zu sein.

Das Triathlon-Paradoxon

Und hier kommt das Triathlon-Paradoxon ins Spiel. Jenes Phänomen, das Gegensätzliches so überzeugend miteinander in Zusammenhang setzt, dass einem gar nicht auffällt, wie bekloppt es eigentlich ist, was man da gerade macht. In diesem Fall wäre es die Notwendigkeit, als Triathlet ein gewisses Körpergefühl haben zu müssen, um einigermaßen unbeschadet durch Training und Wettkampf zu kommen. Gleichzeitig aber ohne zu zögern eine neue Multisportuhr zu kaufen, weil einem die Funktion „Sauerstoffgehalt in der Ausatemluft bei Gegenwind bergauf“ noch gefehlt hat.

Allein die Idee des Triathlonsports als solche ist schon ein Widerspruch in sich: Man entscheidet sich für die individuellste aller Individualsportarten, in der man nicht mal ein Taschentuch von einem Zuschauer annehmen darf, um sich die Freudentränen darüber aus dem Gesicht zu wischen, dass man es bis auf die Laufstrecke geschafft hat. Aber den Triathlon als Triathlon, also als Einheit von „VordemDixianstehenschwimmenradfahrenlaufen“, zu erleben, geht nur im Wettkampf mit mehreren hundert bis tausend anderen zusammen.

Oder die Neigung des Triathleten, einerseits Stabi zu bolzen, damit einen der Rumpf schön gerade und kräftig durchs Wasser und über die Laufstrecke trägt. Dann aber ohne nachzudenken hunderttausende von Jahren der Evolution, die uns den aufrechten Gang beschert haben, über Bord zu werfen, um sich innerhalb einer Stunde Bikefitting wieder auf Amöbenkrümmung zusammenfalten zu lassen. Und das nur, um sich die FKT zwischen Obergipfelheim und Hinterhügeldorf zu sichern. Womit wir wieder bei den Gadgets wären. Denn ohne digitalen Beleg keine Fastest Known Time, kein Strava-Segment-Rekord, kein King oder Queen of the Hill.

Traumfabrik und Trekker

Zugegeben, Gadgets bescheren einem nicht nur virtuelle Auszeichnungen in Kategorien, die so bedeutsam sind, wie die Frage, ob Pinguine Knie haben (haben sie). Sie lassen das Training auch so effektiv werden, wie es über das Gefühl allein nie gelingen würde. Das lässt sie zu einer Art Minitraumfabrik werden, die Dinge möglich macht wie Berufstätige mit oder ohne Kinder über die Ironman-Finishline zu bringen, ohne sie in Familientherapie oder das Büro des Scheidungsanwalts zu befördern. Oft sind sie aber auch Bulldozer, die einen Haufen Werte und Zahlen über den Humus betonieren, auf dem ganz am Anfang die Liebe für den Sport überhaupt erst gewachsen ist.

Als ich mit Ausdauersport begonnen habe, hatte ich keine Laufuhr, keinen Wattmesser oder irgendeine App, die mir ins Ohr gequäkt hat, dass ich die Zielzone verlassen habe. Meine Leistungsmessung bestand darin, ob ich ohne Seitenstechen bis zur ersten oder zur zweiten Brücke im Park komme. Ich habe im Winter Neoprenüberschuhe über meine Laufschuhe gezogen – ein Konstrukt, das gerade noch so in die Hakenpedale meines Secondhand-Stahlrenners von Bianchi gepasst hat –, bin losgeschlittert und das Signal zum Umkehren waren kalte Zehen und taube Finger. Das war nicht schlau, nicht effektiv, aber befriedigend. Weil nach dem Sport keine Zahlen „zu langsam“ oder „zu kurz“ geplärrt und das gute Gefühl zerstört haben, das allein darauf basierte, dass ich draußen war und mich bewegt hatte.

Offline ist auch fein

Nicht falsch verstehen, ich liebe Gadgets und all die Möglichkeiten, die sie eröffnen. Ich liebe es, dass die Zahlen unbestechlich sind und dass sie mich pushen, weil ich unbedingt will, dass die Sportuhr mir sagt „Form aufsteigend“. Aber wenn man als Athlet immer nur dem „auf jeden Fall mit Gadgets“-Bengelchen auf der einen Schulter nachgibt, gerät man irgendwann in Schieflage. Und in Schieflage trainiert es sich deutlich schlechter als in Balance.

Deshalb lasst die Datenmaschinen einfach ab und zu mal zu Hause, geht raus und spürt wieder, warum ihr diesen Sport so liebt. Genießt es, dass das Wasser es euch nicht übelnimmt, dass ihr es mit eurem Kraulschlag jedes Mal derbe verprügelt. Nehmt das Surren der Aerofelgen war, die sich immer viel schneller anhören als man eigentlich ist, anstatt aufs Piepsen des Intervalltimers zu warten. Fühlt, wie die Luft beim Laufen in eure Lungen strömt, wie eure Füße aufsetzen, sich abdrücken, ihr vorwärtskommt – auch wenn die Flugphase vielleicht eher ein Flugphäschen ist. Feiert euch, feiert euren Sport … und gebt ab und zu einfach mal einen Scheiß drauf, was die Zahlen sagen!

 

6 Kommentare

  1. Halleluja!! Ich finde mich hier sowas von wieder. Ich hab genauso angefangen. Der Körper hat bestimmt, ob es gut war überhaupt zu trainieren und nicht die HRV. Der Körper hat auch bestimmt, wie hart man trainiert. Die Einheit war nicht vorher geplant sondern wurde beendet, wenn es der Körper gesagt hat…
    Nichtsdestotrotz, trainiert es sich halt eben effizienter mit Plan und Gadget. Und so nutze auch ich Planungssoftware in der Einheiten grün werden sollten und messe Puls, Watt, Pace und so…
    Aber auch mir wurde in letzter Zeit mehr und mehr bewusst, dass es ein geiles Gefühl ist wenn man es auch mal laufen lässt… Dazu gehören für mich möglichst viele Einheiten im Freien, ohne Musik im Ohr, um die Natur zu fühlen. Die Luft, die Tiere, die Pflanzen. Einfach herrlich. Das ist nicht immer zielführend wenn es um neue Bestleistungen geht. Aber es ist sowas von zielführend wenn es um unser Seelenheil geht…

    #runwiththeflow #be_iron

  2. Yepp. sehe ich grundsätzlich genauso. Und das findet sich auch in meinem Training so wieder. LIT muss weitestgehend nach Gefühl gehen. HIT mit IE Intervallen geht aber nur mit elektronischer Unterstützung. Auch hier gilt eben: Mittelmaß halten.

  3. Liebe Carola,
    da bin ich ganz deiner Meinung! Ich liebe Gadgets und ihre Funktionen, vor allem wenn ich in der Phase der Leistungssteigerung bin- dann ist es manchmal einfach toll „schwarz auf weiß“ zu sehen, was man schon alles erreicht hat. Nichtsdestotrotz darf das gefühl auf keinen Fall verloren gehen. Unser Körper weiß am Besten was er braucht und das kann einfach kein gedget dieser Welt ersetzen.

    Viele Grüße
    Jahn