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Allgäu Triathlon Anton Herb

Best of Bocki #42 – Allgäu Triathlon: Völlig losgelöst

Der Allgäu Triathlon war ein Erlebnis der besonderen Art. Das Rennen hat mir gezeigt, dass es eine Entwicklung vom Profiathleten zurück zum Hobbysportler gibt. In diesem Prozess befinde ich mich diese Saison definitiv. Und es sind interessante Erkenntnisse, die ich nicht nur über den Sport, meine Perspektive auf den Triathlon, sondern auch über mich selbst, gewinne.

Niclas Bock Ehrlich währt am längsten
19. August 2019 Blog
  • Titelbild: Anton Herb

Am Abend vor dem Allgäu Triathlon sitzen wir vor leeren Pizzakartons am Küchentisch. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr auf einen Start bei einem Triathlon gefreut. Dankenswerter Weise bin ich noch ins Startfeld der Mitteldistanz gerutscht und konnte knapp 12 Stunden vor dem Start meine Unterlagen abholen. Ich bin zwar nicht fit, aber ich habe unfassbare Lust auf Schwimmen, Radfahren und Laufen. Auf der einen Seite fühle ich mich total gelassen und entspannt. Und trotzdem bin ich gespannt, ob mich die Vergangenheit doch noch einholt. Schließlich war ich vor genau einem Jahr noch richtig, richtig fit und konnte am Ende sogar nach 4:01 Stunden den Allgäu Classic gewinnen.

Dieses Mal steht mein Start unter ganz anderen Vorzeichen. Während ich vergangene Saison zwischen 20 und 25 Stunden trainiert hatte, liegt mein aktuelles Pensum bei weniger als fünf Stunden Sport pro Woche – und das seit Monaten. Damit keine Fragen aufkommen: Ich bin damit total einverstanden! Ich habe der Vergangenheit bisher noch keine Träne nachgeweint. Sicherlich auch in dem Wissen, dass es ein absolutes Privileg gewesen ist, dass ich mich eine Zeit lang komplett auf den Sport und das Training fokussieren konnte und durfte. Das weiß ich nach wie vor zu schätzen und bin allen Menschen dankbar, die mir das ermöglicht haben.

Zeiten ändern sich aber. Und deshalb wurde im Laufe des Jahres immer deutlicher: Profisport war einmal. Es entsteht ein Prozess, bei dem sich der Körper definitiv schneller entwickelt als der Kopf. Fitness, Ausdauer und Kraft lassen logischerweise nach, wenn sie nicht mehr trainiert werden. Im Kopf denkt man aber immer noch, man wäre fit wie eh und je. Vor dem Allgäu Triathlon hatte ich persönlich nun aber das erste Mal das Gefühl, dass meine mentale Einstellung und Herangehensweise zu meinem Fitnesslevel passen. Ich würde sogar ergänzen: Endlich passen sie zusammen!

Ich habe es mir ehrlicherweise ein wenig gewünscht, dass ich es schaffe, mich von meinem „alten“ Leistungsdenken zu lösen und dann trotzdem Triathlon machen kann, es zu genießen und einfach Spaß an der Sache zu haben.

Keine Frage, als Profi gehört Leistungsdenken dazu. Fokussiert sein, zielstrebig seinen Weg verfolgen, zuverlässig seinen Plan umsetzen und den Sport an erster Stelle im Alltag – das war immer meine Herangehensweise. Nun sieht es aber anders aus: Sport aus Spaß, weil ich Bock auf Schwimmen, Radfahren und Laufe habe – oder halt auch mal keinen Sport, wenn man keinen Bock hat. Auch das ist doch normal, oder? Und dafür dann guten Gewissens ein Leben leben, bei dem es auch dazu gehört, spontane Dinge zu unternehmen, die als Profi eben nicht funktionieren oder zielführend wären.

Also zurück zum Allgäu Triathlon

Nachdem ich meinen Start beim Inferno Triathlon abgesagt hatte, stehe ich nun also auf dem Steg des Alpsees in Immenstadt. Tamara ist vor einigen Minuten bereits gestartet. Ich schaue nochmal ans Ufer, dann auf die ganzen Athleten und raus auf den See. Meine Anspannung ist etwa bei null, ich freue mich einfach nur auf den Tag – ein geiles Gefühl, das ich in den letzten Jahren irgendwie nie hatte. Da drehten sich die Gedanken stets ums Rennen, die Leistung, die Taktik und am Ende natürlich um das bestmögliche Ergebnisse. Auch beim Startschuss ändert sich daran nichts, ich paddle los und genieße jeden Zug der knapp 2.000 Meter langen Schwimmstrecke inklusive Landgang. Auf dem Weg zur Wechselzone freue ich mich auf mein Rennrad und die wirklich geile Radstrecke durchs Allgäu!

Ich cruise los und merke auch hier wieder, dass mein Kopf mir nicht mehr vorgaukeln möchte, ich wäre doch noch so fit wie letztes Jahr und könne ja wohl kräftiger in die Pedale treten. Auch als mich die ersten Jungs einholen lässt es mich total kalt, letztes Jahr wären das noch heftige Stiche ins Herz gewesen. Dieses Jahr reicht es manchmal sogar für einen kurzen Plausch und ein „Hau rein!“ oder „Zieh durch!“. An den Anstiegen lasse ich es locker angehen und bei den Abfahrten genieße ich den Temporausch. So muss Triathlon sein!

Etwa nach 60 Kilometern sind es dann dieses Mal meine Beine, die mir klar machen: Junge, ein bisschen Training hätte schon nicht geschadet! Die Anstiege fallen mir schwerer. Ich spüre, dass die Muskulatur in den Oberschenkeln immer wieder zu macht – und trotzdem stört mich das gar nicht. Kurz vor Kilometer 80 muss ich anhalten, absteigen und mich dehnen. Die Muskeln rebellieren.

Krampfgeplagt und trotzdem Spaß dabei

Ich bin froh, als ich wieder in der Wechselzone ankomme. Als ich mein Rad in den Ständer hänge und mich zu den Laufschuhen bücken will, Krampf! Auf beiden Seiten machen die vorderen Oberschenkel sofort zu. Ich kann erstmal nichts machen, außer: Stehen. Ich streiche ein bisschen über die Muskeln, quatsche derweil mit Timm vom Orga-Team und irgendwann schaffe ich es dann doch noch Socken und Schuhe anzuziehen. Dass ich fast fünf Minuten dafür brauche, stört mich nicht. Und ich komme auf den ersten Metern der Laufstrecke sogar ganz gut ins joggen. Nice, es kann weitergehen!

Schon am Anfang ergibt sich wieder das ein oder andere Gespräch mit Mitstreitern, mit denen ich über die Strecke laufe. Geniale Sache! Das wäre mir in der Vergangenheit definitiv verwehrt geblieben und es macht Spaß mit den anderen Jungs ein bisschen zu quatschen. Bei Kilometer drei dann das beste Ereignis des Tages: Nils Goerke (mein On-Off-Coach und guter Kumpel) hat offensichtlich gleiche Ambitionen wie ich an diesem Tag. Wir schließen uns also zusammen und laufen die restlichen anderthalb Stunden Schulter an Schulter, bei herrlichem Sonnenschein, durchs Allgäu. Wir feuern andere Athleten an, lachen und haben Spaß, völlig losgelöst von Zeiten und Ergebnissen.

Im Ziel verschwindet Nils schnell bei seiner Family. Tamara steht noch im Ziel und hat dort gewartet. Mit dem Schritt über die Ziellinie, nach 5:10 Stunden und auf Platz 163, ist der Allgäu Triathlon für mich abgehakt. Was bleibt sind die Erinnerungen an eine unfassbar geile Strecken, eine bombastische Stimmung, ein großes Miteinander beim Laufen und viele nette Begegnungen. Kein Auswerten von Zahlen, Daten, Fakten. Kein Bewerten der einzelnen Disziplinen. Kein „ich hätte aber und wäre dann…“. Kein Ärgern über Krämpfe oder sonstiges. Es war einfach schön dabei gewesen zu sein!

Weiter geht’s…

Am Abend ging es dann im Auto direkt wieder auf Reisen. Jan und ich haben uns in Livigno getroffen und sind hier schon wieder im Pushing Limits-Modus. Heute fühle ich mich wie nach einem Ironman, aber für eine kleine Laufrunde hier wird es schon irgendwie noch reichen. Geht ja um nix, außer um den Spaß am Sport!

Bis in Kürze, euer Bocki

5 Kommentare

  1. So geil geschrieben. Hatte direkt bisserl gänsehaut. Authentisch,ehrlich, sympathisch,das glaubt man dir.

  2. Herrlicher Artikel und schön zu lesen, dass Du das Rennen wirklich genießen konntest und nicht den früheren Leistungen nachtrauerst.
    Vielen Dank.

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