Tagebuch
Best of Bocki #54 – Noch 2 Wochen bis zum Marathon: Die Frage nach dem Sinn
Je näher der Marathon rückt, desto unnötiger kommt mir diese ganze Aktion vor. Das Unterfangen, den Marathon nach der Corona-Absage auf eigene Faust zu rennen und dabei ein sportlich ambitioniertes Ziel erreichen zu wollen, scheint mit der letzten Trainingswoche gescheitert zu sein. Marathon oder kein Marathon, das ist hier nun die Frage.
Ich bin ehrlich: Das Training läuft gut, nicht unglaublich gut, aber gut. Sollte ich eine Einschätzung abgeben, dann würde ich es nach aktuellen Stand der Dinge für möglich halten, eine Zeit um 2:42 Stunden zu laufen. Ich bin also nicht ganz so fit, wie ich es sein müsste, um realistische Chancen auf mein ursprüngliches Ziel von 2:40 Stunden zu haben. Das Überraschende daran: Es ist mir wirklich vollkommen egal. So egal war mir schon lange nichts mehr.
Letztens habe ich einen Text gelesen, der davon handelte, was unser damaliges Ich wohl vom heutigen halten würde.
Und für diesen Satz, dass mir ein sportliches Ziel vollkommen egal ist, würde mir mein damaliges Ich vermutlich mit Schmackes in die Eier treten.
Wo ist der Antrieb hin, dass ich es mir selbst beweisen will? Stattdessen habe ich mir bei fast jedem Lauf in den vergangenen Tagen die Frage gestellt, was ich da eigentlich mache.
Offensichtlich nicht genug on fire
Erst heute wieder: Es stand ein langer Laufe auf dem Programm. Geplant waren 34 Kilometer, inklusive fünf Mal vier Kilometer in der angestrebten Marathon-Pace. Und es lief wirklich rund, die Tempoarbeit konnte ich bei +- 3:45 Minuten pro Kilometer verrichten und musste mich dafür nicht hinrichten. Die ersten vier Sets waren absolviert und ich startete in die letzte Runde, knapp 28 Kilometer standen schon auf der Uhr. Beine gute, alles gut. Denkste.
Nachdem der erste Kilometer des fünften Sets absolviert war, machte ich noch sechs, sieben Schritte, bevor ich abrupt stoppte. Kein Bock mehr. Was soll das? Die Sinnfrage, die mich schon durch die gesamte Woche begleitete, wurde zum limitierenden Faktor. Ich hatte keine Lust mehr auch nur noch einen einzigen Schritt zu machen. Die Fitness hätte definitiv gereicht, muskulär gab es auch keinen Grund zur Sorge. Aber ich hatte keine Antwort auf die Frage nach dem Warum parat, ein Genickbruch.
Ich habe zuverlässig die Einheiten in den vergangenen Wochen durchgezogen, auch die harten Dinger. Aber so wirklich bei der Sache war ich nie und meine Hingabe fürs Marathontraining ist längst nicht mehr bei 100 Prozent. Vor zwei Wochen lag sie vielleicht noch bei 90, jetzt irgendwo bei 50.
Es sind eigentlich nur noch Stolz und Ehre, die mich davor bewahren, dass ich das Marathon-Unterfangen in die Tonne kloppe.
Es ist definitiv ein bisschen kontrovers: Im Moment bin ich fit, habe Bock auf Laufen und auch auf anstrengende Einheiten. Dennoch ist mir der Drive abhanden gekommen, einen Plan zu verfolgen, nur um ein Ziel zu erreichen, das nachher mein Ego befriedigt. Denn nichts anderes wäre es am Ende, wenn ich den Marathon in Eigenregie für mich laufe. Bei einem Event hingegen laufe ich mit anderen Athleten, battle und pushe mich mit ihnen, lasse mich von Zuschauern anfeuern und habe ein Erlebnis.
Zwei Wochen noch, dann steht der Marathon auf dem Plan. Es wäre irgendwie panne, wenn ich das nun kurz vor knapp nicht durchziehen würde. Deswegen kann ich die Antwort auf die Frage, ob Marathon oder kein Marathon, auch geben:
Ich werde die 42,195 Kilometer rennen. Aber ich freue mich, wenn das geschafft ist. Denn anstrengender, als der Marathon selbst, war und ist die Vorbereitung in den vergangene Wochen jetzt schon gewesen.
Ich hoffe, dass ihr weiterhin das Beste aus der Situation für euch macht. Bleibt dran. Oder auch nicht. Hauptsache das Feuer brennt in ein paar Wochen oder Monaten wieder.
Euer Bocki
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