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Analyse Ironman Texas: Erklärungsversuch des Rekordrennens

02. Mai 2018


Ironman-Texas-Analyse

Die Rekordergebnisse des IRONMAN Texas am Wochenende haben die Gemüter wieder mal aufkochen lassen – unsere auch ein bisschen. Dann haben wir versucht, den Wettkampf in seine Einzelteile zu zerlegen, um die Leistungen besser einzuordnen: Wir haben einen Blick auf die zur Verfügung stehenden Details geworfen und konnten mit Hilfe von Sportwissenschaftler Dr. Sebastian Zeller die Wahnsinnszeiten etwas besser nachvollziehen.

  • Titelbild: Talbot Cox – www.talbotcox.com

Zu kurze Strecken und Windschatten sind nur die halbe Wahrheit

Kommentare in den sozialen Medien, aber auch die einschlägigen Magazine haben unmittelbar nach dem Rennen angeprangert, dass die Rekordzeiten wohl durch zu kurze Strecken zu Stande kämen. Dieser Blick ist aber etwas zu kurz und zu einfach, denn: Die Radstrecke des IRONMAN Texas 2018 betrug nach Auswertung diverser Strava-Uploads ca. 177 Kilometer, die Marathonstrecke wahrscheinlich 41,7 Kilometer. Das ist eine Abweichung, die bei einer Triathlon Langdistanz vernachlässigbar ist – schließlich gibt es mittlerweile einige Rennen, die längst nicht mehr 180 Radkilometer vorweisen. Zwei der gern als Rekordstrecken proklamierten – der Ironman Austria und die Challenge Roth – machen die Fahrradtachos und GPS-Uhren auch selten „rund“.

Durch die diesmal „fehlenden“ drei Kilometer auf der Radstrecke ergibt sich bei den schnellen Profis ein Zeitdefizit von etwa 4-4:15 Minuten. Für die 500 Meter, die für die volle Marathondistanz noch nötig gewesen wären, können nochmals 2-2:15 Minuten auf die Finisherzeiten der Profis draufgeschlagen werden. Am Ende bleibt das, was wir auch vorher schon hatten: Verdammt beeindruckende und überdurchschnittlich schnelle Finisherzeiten. Anstatt elf Sub-8-Finishs bei den Männern wären es immer noch neun. Bei den Frauen acht statt zehn Sub-9. So what?

Wir glauben, dass es neben einfachen Strecken und guten Bedingungen noch einen anderen Grund für die Rekord-Ergebnisse geben muss. Und auch die Unterstellung des Windschattenfahrens ist für uns – zumindest bei den Profis – an dieser Stelle zu einfach. Klar, im Feld der Age Grouper ist das wieder eine ganz andere Sache. Die Bilder und Videos von der Strecke sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings ist diese Problematik mittlerweile bekannt und an dieser Stelle daher müßig zu diskutieren.

Den generellen Leistungsvorteil vom Fahren in der Gruppe haben wir bereits letzte Woche nach der Challenge Gran Canaria erklärt und dargestellt.

IRONMAN Texas: Was haben wir beobachtet?

Und damit nun zu unserer Analyse des IRONMAN Texas 2018. Unser Augenmerk liegt dabei nicht nur auf der Radstrecke, sondern auch auf dem Marathon. Unter den ersten 25 Athleten sind insgesamt 16 unter drei Stunden gelaufen. Davon sechs unter 2:50 Stunden und nochmal zwei deutlich unter 2:40 Stunden: Der Sieger Matt Hanson lief 2:34:40 Stunden, der Zweitplatzierte Ivan Tutukin 2:35:20 Stunden.

Wie können solche Zeiten möglich sein? Mit Ausnahme von Matt Hanson ist kein einziger der Athleten, die eine Zeit von deutlich unter 2:50 Stunden gerannt sind, als ausgewiesen starker Läufer bekannt. Die Finisherzeiten sind im Vergleich zu anderen Rennen so herausragend, dass es einen wundert, warum es nur einer von den Athleten aus den Top-15 von Texas in die Top-15 beim IRONMAN Hawaii letztes Jahr geschafft hat.

Uns hilft mal wieder die moderne Technik: Tim Van Berkel aus Australien hat seine Leistungsdaten nach dem Rennen auf STRAVA hochgeladen. Tim kam als Vierter ins Ziel und war während des Radfahrens dauerhaft in der großen Spitzengruppe unterwegs, die teilweise bis zu 12 Athleten umfasste. Bei einigen Zwischenzeiten passierten diese zwölf Athleten die Messmatten innerhalb von zehn Sekunden. Das muss noch kein Hinweis auf unfaires Fahren sein, es sind ja nur Momentaufnahmen. Allein auf weiter Flur waren hingegen Andrew Starykowicz (USA) und der Deutsche Johann Ackermann unterwegs.

Die Leistungsdaten von Tim Van Berkel, gesamte Strecke

Leistungsdaten-Tim-Van-Berkel-IRONMAN-Texas

Neben der Auswertung von Tim Van Berkel liegen uns auch die Zahlen und Details von Johann Ackermann vor. Tim Van Berkel brachte eine Durchschnittsleistung von 225 Watt auf die Pedale, um die etwa 177 Kilometer in 4:11:17 Stunden hinter sich zu bringen.

Johann, der das Rennen anfangs über weite Teile angeführt hatte und später von Starykowicz eingeholt und überholt wurde, benötigte 291 Watt Durchschnittsleistung für eine Zeit von 4:03:19 Stunden. Ohne das genaue Körpergewicht und die CdA-Werte beider zu kennen, kann man die Leistungen zwar nicht wirklich vergleichen, aber sie sind ein Fingerzeig.

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Johann Ackermann im Temporausch beim IRONMAN Texas 2018 / Bild: Talbot Cox – www.talbotcox.com

Um die Wattleistung von Tim Van Berkel einzuschätzen, haben wir unter anderem eine Trainingsausfahrt von ihm bei STRAVA angeschaut: Fünf Tage vor dem Rennen fuhr Tim eine Einheit über eine Dauer von 1:15 Stunden und war mit 199 Watt im Durchschnitt unterwegs. Beim IRONMAN Texas musste er also nur 26 Watt mehr aufbringen, als in einer Trainingseinheit, die wenige Tage vor dem Rennen vermutlich eher einer leichten Belastung entsprach.

Mit einem Gewicht von 66 Kilogramm (laut Wikipedia) gehört Tim zwar zu den leichteren aber nicht zu den ganz leichten und aerodynamisch extrem optimierten Athleten (wie zum Beispiel Patrick Lange), bei denen eine Durchschnittsleistung von unter 250 Watt „normal“ ist. Die Belastung in Texas dürfte für ihn (Achtung: Annahme) unterm Strich nicht allzu hoch gewesen sein. Zumindest scheint er sich auf dem Rad nicht komplett verausgabt zu haben.

Was das bedeutet und wie viel Kraft man durch ein solches Radfahren sparen kann – und jetzt kommen wir zum wirklich spannenden und interessanten Teil – erklärt Sportwissenschaftler Dr. Sebastian Zeller, der gleichzeitig für das Training von Johann Ackermann zuständig ist, der ja bekanntlich eine ganz andere Rennstrategie gewählt hat.

Das sagt Sportwissenschaftler Dr. Sebastian Zeller:

  • In Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit und der aktuellen Leistung ergibt sich ein Stoffwechselprofil, welches auch auf den Kohlenhydratverbrauch schließen lässt. Wir können anhand von Leistungsdiagnostiken feststellen, dass Johann bei einer Leistung von im Schnitt 290 Watt einen Kohlenhydratverbauch von ca. 60-70 Gramm pro Stunde aufbringt. Dieser Verbrauch wäre im Grunde leicht über die Zufuhr von Kohlenhydraten über Gels etc. kompensierbar.Um sich aber von der großen Gruppe zu lösen war es von Nöten in den ersten 30 Minuten 335 Watt und über die erste Stunde 329 Watt zu leisten. Hier liegt dann der Kohlenhydratverbrauch bei einem Vielfachen (bis zu 5x so hoch) wie noch bei 290 Watt.

    Es benötigt also ein hohes Investment in der Anfangsphase des Radfahrens, um sich abschließend und deutlich von einer größeren Gruppe (trotz 10-12m Abstand) zu lösen. Würde man die Werte der Gruppe bzw. von Tim van Berkel auf Johann projizieren, so ergäbe sich ein Verbrauch von ca. 30-40g/h Kohlenhydraten. Die Energieflußrate die über Kohlenhydrate abgedeckt wird, ist demnach also entscheidend von der Leistung abhängig.Für das Laufen (insbesondere für die zweite Hälfte des Marathons) ergibt sich daraus, dass die nötige Energie (über Kohlenhydrate) kaum noch vorhanden bzw. nicht mehr ausreichend aufgenommen werden kann. Da die Fettoxidation maßgeblich von der Menge der verfügbaren Kohlenhydrate abhängig ist, kann dann auch kein schneller Marathon mehr gelaufen werden.
    Hinzu kommen muskuläre Ermüdungserscheinungen (durch die höhere Pedalkraft und somit auch Leistung), die die Laufökonomie durch längere Bodenkontaktzeiten verschlechtert und sich somit der Energiebedarf für eine gegebene Laufgeschwindigkeit erhöht. Auch der Gesamtenergieverbrauch zeigt eine enorme Differenz (4270 kcal vs. 3400 kcal).


    Nun könnte man den Hinweis an uns als Athlet-Trainer-Team richten einfach langsamer Rad zu fahren und schneller zu laufen, aber um ehrlich zu sein ist das nicht die Art wie Johann seine Rennen bestreitet und bestreiten möchte und auf der anderen Seite sind wir nicht davon ausgegangen, dass die Gruppe mit einer so geringen Leistung so schnell sein wird.“

Mit diesem Wissen und der sportwissenschaftlichen Einschätzung durch Dr. Sebastian Zeller konnten wir hoffentlich etwas Licht ins Dunkel bringen und die Zeiten des IRONMAN Texas nachvollziehbarer machen.

Wichtige Info:

  • Wir möchten mit dieser Analyse die Ergebnisse oder Leistungen der Athleten, die den IRONMAN Texas gefinished haben, nicht schmälern oder anprangern. Sondern versuchen, die extrem schnellen Zeiten und Ergebnisse besser nachvollziehen und entsprechend einordnen zu können.

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