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Auf wackligen Beinen? Ironman und der sorgenvolle Blick in die Zukunft

27. Juli 2020



Vor wenigen Tagen ist The IRONMAN Group einmal mehr über den Tresen gegangen. Die neuen Inhaber setzen sich bei einem Schiff ans Steuer, das bisher ziemlich kurslos durch die aktuelle Nicht-Triathlon-Phase geschippert ist. Ausgang dieses Unterfangens: offen. Ohne große Einschnitte und bedeutende Veränderungen könnte die See jedoch bald ziemlich rau werden.

Bei den Chinesen der Wanda Sports Group dürfte die Erleichterung ziemlich groß gewesen sein, nachdem der Deal mit den beiden neuen Käufern der The IRONMAN Group über die Bühne gegangen war. Zum einen, weil so frisches Geld ins gebeutelte Unternehmen fließt, mit dem Schuldenlöcher gestopft werden können und man mit dem Verkauf einen schwerwiegenden Finanzklotz weniger am Bein hat. Zum anderen, weil es gerade zur jetzigen Zeit äußerst ungewöhnlich ist, Käufer zu finden, die mutig genug sind, um in die Eventindustrie zu investieren. Aber der Reihe nach.

Vor knapp fünf Jahren kaufte die Dalian Wanda Group die World Triathlon Corporation (WTC) für 650 Millionen Dollar vom Investmentunternehmen Providence Equity Partner. Außerdem übernahm die Dalian Wanda Group die existierenden Schulden, die Ironman zu der Zeit bereits mit sich brachte.

Kein Glück im Triathlon-Business

Erst ein paar Monate zuvor hatte Dalian Wanda auch noch rund eine Milliarde Dollar für den Sportrechte Vermarkter Infront auf den Tisch geblättert. Ein Batzen Kohle also. Sicherlich waren Hoffnung und Erwartungshaltung damals ganz andere: Denn das Geschäft entwickelte sich weder profitabel noch rentabel. Im Gegenteil.

Auf einen grünen Zweig sind die Chinesen mit ihrem Ironman-Business nicht gekommen. Aus dem Bericht zum ersten Quartal 2020 geht hervor, dass Ironman mit rund 274,3 Millionen Dollar in den Miesen steht. Infront mit 521,1 Millionen Dollar und die Wanda Sports Group insgesamt mit 1,025 Milliarde Dollar. Wahrscheinlich sieht ein Schuldenberg genau so aus. Diese Entwicklung des Gesamtkonzerns, in Kombination mit dem einbrechenden Wirtschaftschaos der Sporteventbranche, war vermutlich Anlass genug, um The IRONMAN Group abzustoßen.

Neue Inhaber von The IRONMAN Group

Nun stehen Advance und Orkila als neue Besitzer hinter The IRONMAN Group. Advance ist ein Medienunternehmen, das unter anderem auch Inhaber von The New Yorker, GQ oder der Vogue ist. Orkila Capital ist ein relativ klassisches Investmentunternehmen, dass sich als Co-Käufer dem Deal angeschlossen hat. Beide Käufer zahlen gemeinsam 730 Millionen Dollar an die Dalian Wanda Group für The IRONMAN Group.

Wanda hat 650 Millionen investiert und bekommt jetzt 730 Millionen zurück. Ist ganz gut gelaufen, oder?

Der Schein trügt. Von der Kaufsumme in Höhe von 730 Millionen Dollar wandert nämlich fast die Hälfte unmittelbar weiter, um Verbindlichkeiten und Schulden, die The IRONMAN Group hat, anteilsmäßig auszugleichen. Der Nettoerlös, der für Wanda am Ende laut Informationen des Unternehmens bleibt: 380 Millionen Dollar.

Dieser Nettoerlös wird vom Unternehmen ebenfalls direkt verwendet, um die erwähnten Gesamtschulden zu bedienen und Kapital an Shareholder zurückzuführen. Wer sich für eine detaillierte Darstellung interessiert, der wird in diesem Beitrag (auf englisch) fündig: Wanda Sports Group Completes the Sale of The IRONMAN Group to Advance and Announces Board of Directors Changes

Allein im ersten Quartal 2020 hat Ironman 21,7 Millionen Dollar Verlust gemacht (im Vorjahr waren es 14,8 Millionen Dollar). Dass das erste Quartal jedes Jahres so mies läuft mag auch damit zusammenhängen, dass in diesem Zeitraum kaum Events von Ironman stattfinden und kaum Cash Flow stattfindet. Gemolken wird die Kuh vor allem zu zwei Zeitpunkten: Wenn Anmeldungen öffnen und wenn Events stattfinden (dann zum Beispiel über Verkauf von Merchandise-Artikeln, Sponsoreneinnahmen, o.ä.).

Während Ironman in der Saison zum einen über die Masse an Veranstaltungen läuft, gibt es auch ein paar wenige Events, die fürs Unternehmen elementar wichtig sind. In Europa sind das zum Beispiel der Ironman Frankfurt und der Ironman Klagenfurt. Die größten Ironman-Events, nicht nur in Sachen Teilnehmern, sondern auch allgemeine Besucherfrequenz.

Die Kona-Cash-Cow wackelt

Außerdem nicht zu unterschätzen: Die Slots, die für den Ironman Hawaii vergeben werden und die sich Ironman mit jeweils 1.000 Dollar bezahlen lässt – und das bezieht sich natürlich nicht nur auf Frankfurt und Klagenfurt, sondern alle Rennen von Ironman weltweit.

Nachdem absehbar war, dass es nicht ausreichend Möglichkeiten mehr in 2020 geben wird, um sich für die auf Februar verschobene Ironman WM in Kona zu qualifizieren, entschied sich Ironman dazu die Startplätze ins Legacy Programm zu geben und dort zum Kauf anzubieten.

Wie viele Startplätze für dieses verschobene Rennen in der Zwischenzeit besetzt wurden, bevor das Rennen endgültig gecancelt wurde, ist zwar nicht bekannt. Aber klar ist, dass all diejenigen ihren Startplatz im Oktober 2021 wahrnehmen werden, die ursprünglich für Februar geplant hatten (plus diejenigen, die bereits qualifiziert waren und direkt auf Oktober 2021 umgemeldet hatten).

Und das wiederum führt zu einer weiteren Problematik mit Blick auf die kommende Ironman-Saison im neuen Jahr, so denn sie denn stattfinden kann: Ironman wird nicht ausreichend Kona-Slots zur Verfügung haben, um all seine Rennen wie gewohnt bestücken zu können.

Ein Geschäft auf Zeit ohne Einnahmen

Spätestens nächstes Jahr bleiben also irgendwann die Einnahmen aus: Verkaufte Startplätze für dieses Jahr wandern auf die Rennen im nächsten Jahr. Einnahmen durch neue Anmeldungen sind somit Fehlanzeige. Dadurch, dass Kona 2020 komplett flach fällt, entfällt auch die komplette Einnahme von einer Kona-Austragung. Verkaufte Slots von diesem Jahr, wandern auf die nächste Austragung und können dann nicht verkauft werden. Nicht-verkaufte Slots von diesem Jahr, werden auch nächstes Jahr nicht verkauft werden können. In Summe bleiben also rund 2.500 Slots innerhalb zwei Jahren unverkäuflich, allein dadurch werden 2,5 Millionen Dollar weniger in die Kassen gespült.

Im Moment erscheinen die Finanzen von Ironman wie ein Flickenteppich.

Welche potentiellen Auswirkungen kann das alles nun haben? Denn für die neuen Investoren gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit, um eine Kehrtwende hinzulegen: Drastische Maßnahmen ergreifen und Kosten senken.

In der Vergangenheit wurde Ironman immer weiter und immer weiter aufgeblasen, vor allem durch ein nie enden wollendes Wachstum des Veranstaltungskalenders. Verwunderlich wäre es nicht, wenn es in Zukunft weniger Ironmans geben wird, denn jedes Rennen kostet nicht nur Geld, es macht auch Arbeit.

Personal und Profis: Wie geht es weiter?

Womit wir bei einem weiteren Einschnitt wären: Dass mit den neuen Investoren auch eine neue Personalstruktur im Ironman-Unternehmen Einzug halten wird, ist bereits zu erkennen. Wie die Triathlete Canada berichtet, haben kurz nach Vollzug des Kaufgeschäfts die ersten Mitarbeiter schon Abschied von ihren Aufgaben bei Ironman genommen.

Ein weiterer Kostenfaktor für Ironman, der sicher auch nicht unberührt bleiben wird: Die Profis. In einem Schreiben an die Profiathleten teilte Ironman bereits mit, dass die Verteilung von Preisgeldern und Vergabe von Slots neu geregelt und vorerst flexibel gehalten werden müsse. Laut diesem Schreiben bedeute dies auch, „dass wir bis zum Rennwochenende selbst nicht wissen und sagen können, wie hoch das Preisgeld sein wird.“ Damit setzt Ironman jegliche, noch so kleine Planungssicherheit für die Profiathleten außer Kraft.

Fazit: Turbulente Zeiten für Ironman

Während kleine Veranstaltungen nicht die Hoffnung aufgeben und flexibel versuchen neue Konzepte zu entwickeln, um zumindest mit kleinen Teilnehmerzahlen stattfinden zu können, wird es für Großveranstaltungen auf absehbare Zeit schwierig in irgendeine Art von Planung einzusteigen.

Die Veranstaltungen von Ironman sind sicherlich eine Herzkammer des Triathlonsports auf der ganzen Welt. Es wäre fatal, wenn Ironman durch die ständigen Verkäufe und finanziellen Interessen der Investoren über kurz oder lang ins selbstgeschaufelte Grab steigen müsste.

Auch wenn es schwer fällt, dass eine Kehrtwende zum Positiven ausgerechnet dann passieren soll, wenn gerade wieder neue Investoren das Steuer übernommen haben, so ist es wohl die einzige Hoffnung, die bleibt. Im Sinne des Triathlonsports, im Sinne von Ironman, im Sinne der Profis und im Sinne aller Athleten, die ihren Traum vom Ironmanfinish noch wahr werden lassen möchten.

Chronologie des IRONMAN Business

  • 1989 – Die World Triathlon Corporation (WTC) wird gegründet und ist fortan Rechteinhaber der Marke IRONMAN.
  • 2005 – Die Marke IRONMAN 70.3 wird gegründet. Rechteinhaber ist auch hier die WTC.
  • 2008 – Die WTC wird von der Investmentgesellschaft Providence Equity Partner gekauft.
  • 2012-2016 – Die WTC kauft insgesamt sieben Rennen der Challenge Family, darunter unter anderem die bekannten Events im Kraichgau, Vichy, Kopenhagen und Barcelona. Alle werden seitdem unter dem IRONMAN- oder IRONMAN 70.3-Label ausgetragen.
  • 2015 – Die chinesische Dalian Wanda Group kauft die WTC für rund 650 Millionen Dollar von Providence Equity ab. Wenige Monate zuvor wurde auch der Sportrechte-Vermarkter INFRONT von Dalian Wanda übernommen.
  • 2016 – Übernahme von Lagardére Sports and Entertainment, die unter anderem die World Triathlon Serien (WTS) Events in Hamburg, Abu Dhabi, Kapstadt, Leeds und Stockholm organisieren.
  • 2019 – Die WSG (Wanda Sports Group) geht als Ironman-Mutter an die Börse. Der Börsengang floppte.
  • 2020Advance und Orkila übernehmen The IRONMAN Group von der WSG.

 

3 Kommentare

  1. Bei einem Schuldenberg von 274 Mio Dollar und einem Jahresverlust von 21 Mio Dollar erscheinen die Einnahmen aus den Startgeldern wie Peanuts. Aber wie es halt immer so ist, wenn eine Firma ständig von einer Finanz-Heuschrecke an die andere verkauft wird. Den Aktienbesitzern ist es egal, ob Waschmittel verkauft wird oder Triathlons veranstaltet werden. Alle wollen die Kuh nur melken und nicht wirkich dauerhaft investieren.

  2. Auch wenn die Startgelder hoch sind, keiner hat wirklich erwartet, dass Ironman in Geld schwimmt. Natürlich wird die Situation jetzt in den kommenden Monaten zunehmend schwierig, aber mit den geleisteten Vorauszahlungen und den nicht angefallenen operativen Kosten dürfte man zumindest 2020 einigermaßen überstehen können.
    Was wirklich schwer wiegt und für die Zukunft schwierig werden dürfte, ist die Tatsache, dass man durch das durchschaubare und sehr eigennützige Management der Krisensituation ganz offensichtlich die Loyalität vieler Kunden verspielt (hat). Ich bin gespannt, ob man hier nochmals die Kurve bekommt.

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