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110 Kilometer zu Fuß von Koblenz nach Köln: Die Geschichte einer Schnapsidee

26. Oktober 2020


Ultralauf Koblenz Köln Gruppe 2

Der Dom war in Sichtweite und ich fühlte den Schmerz in meinen Beinen, der sich mit dem euphorischen Gefühl, es bald geschafft zu haben, duellierte. Die Füße pochten mit jedem weiteren Schritt vor Schmerz und dennoch stieg die Freude, es überhaupt bis hierher geschafft zu haben. Über 100 Kilometer zu Fuß lagen hinter Freddy, Gert und mir. Was als Schnapsidee vor wenigen Wochen begann hatte sich realisiert.

Okay, es begann als Schnapsidee und es endete mit Schnaps. Dazwischen war es einer meiner denkwürdigsten Tage im Sport.

Es war der Tag an dem Bocki seine Ultra-Challenge knapp verpasste und mich dabei gleich doppelt inspirierte. Bisher kannte ich Ultra Running zwar, hatte mich aber nie wirklich dafür interessiert, da ich auch keinen Bezug im Freundeskreis dazu hatte. Gleichzeitig inspirierte mich Bocki mit seinem unvollendeten 100-Kilometer-Versuch. Wahrscheinlich war ich, wie er, bisher der falschen Annahme erlegen, dass 100 Kilometer Laufen halt nur langes Laufen ist.

Gleich am Wochenende drauf schnürte ich die Schuhe und versuchte so lange zu laufen bis ich nicht mehr konnte. Nach 50 Kilometer und einem Anruf von Pia, doch bitte endlich wieder nach Hause zu kommen, war für mich klar, dass ich diese 100 Kilometer auch Laufen wollte. Ich schrieb Freddy, von dem ich wusste, dass er in diesem Jahr einen selbstorganisierten Ultra Lauf plante, ob wir nicht gemeinsam Laufen wollen. Gesagt getan. Uns schlossen sich – daraufhin – mit Sören, Nic und Gert noch drei weitere Verrückte an.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf – über mehr als 100 Kilometer

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So kam es dann, dass wir zu fünft am Samstag den 24. Oktober morgens um 5 Uhr mit dem Zug nach Koblenz fuhren um dort um Punkt 7 Uhr zu Fuß nach Köln zu starten. Mit Nick, Chris und Jan hatten wir zudem eine Support Crew, die uns nicht nur die Verpflegung anreichte, sondern auch wesentlich zur Motivation beitrug.

Mit Baby-Jogger am Rad und musikalischer Dauerbeschallung dachte der ein oder andere wohl eher an einen Karnevalszug als an eine Laufveranstaltung, als er uns vorbeiziehen sah.

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Die ersten Kilometer verliefen ruhig und entspannt. Im noch dunklen Koblenz orientieren wir uns schnell stromaufwärts am Rhein entlang. Mit der ersten Dämmerung sahen wir das Deutsche Eck mit dem Reiterstandbild.

Die Stimmung war gut und so verflogen die ersten 30km wie im Flug. Ich aß meine Laugenstangen, um nicht schon zu Beginn auf Gels zurückgreifen zu müssen und trank regelmäßig Wasser sowie Iso. Mein Körper wunderte sich etwas über meine ungewohnt hohe Wasserzufuhr während eines Laufes mit 4 Pinkelpausen in den ersten 50km. Was auch der Grund für kurze Zwischensprints war, die das angepeilte Tempo zwischen 5min/km und 5:20min/km nur gelegentlich unterbot.

Meine Taktik war möglichst früh mit der Verpflegung zu beginnen um nicht Gefahr zu Laufen irgendwann einzubrechen.

Nach 45km spreizte sich unsere Gruppe an einem kleinen Anstieg etwas auf und sollte im weiteren Verlauf bis zur Pause bei 55km immer häufiger auseinanderbrechen. Unsere vorherigen Bedenken, in einer Gruppe einen so langen Lauf zu absolvieren, wurde leider Gewissheit. Die, wenn auch nur geringen, Leistungsunterschiede sowie die individuelle Hoch- und Tiefphasen machen es schwer, immer eine Pace zu finden, die für alle angenehm ist.

Bei km 55 machten wir eine längere Pause und konnten unsere Speicher wieder auffüllen. Die Stimmung war wieder optimistisch und alle waren mehr als motiviert auch die zweite Hälfte durchzuziehen.

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Allerdings zeigten sich bereits beim Anlaufen erste Verschleißerscheinungen. Mir tat alles weh und ich sah wahrscheinlich auch nicht besser aus, als ein paar meiner Mitstreiter, deren Gang eher an eine verzweifelte Suche nach einer Toilette erinnerte.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch und wir pegelten uns wieder in unserer Pace ein. Als ich nach 60km kurz auf bei einer öffentliche Toilette stoppte und die Jungs weiterlaufen ließ, war der gemeinsame Lauf allerdings Geschichte. Erst Sören und wenige Kilometer später überholte ich Nic, die mit muskulären Problemen kämpften und den Ultralauf in Bonn beendeten, uns aber im weiteren Verlauf mit jeder Menge Anfeuerung, Bier und Red Bull supporteten. Beide hatten bereits im Vorfeld mit Blasen und Muskelproblemen zu kämpfen und hatten dennoch versucht das Unmögliche zu schaffen.

Ich selber befand mich immer noch in kontrollierter Pace und wollte möglichst energiesparend wieder zu Gert und Freddy aufschließen. Dies gelang mit jedoch erst bei Kilometer 70 an der Kennedybrücke in Bonn, ab der wir wieder linksrheinisch liefen. Kaum hatte ich die zwei erreicht war mein Energielevel auf nahezu null.

Ich war durch. Mein Körper wollte nicht mehr Laufen. Ich rang den Jungs eine kurze Verschnaufspause ab, um nach der 10km langen Aufholaktion ein paar Minuten Luft für das Finale zu holen. Ich hoffte die Energie würde wieder zurück kommen, um mit den beiden Schritt zu halten. Gert und Freddy waren wie zwei Maschinen, die ungerührt der bisherigen Kilometer, ohne den Anschein einer Anstrengung zu zeigen, weiter rollten.

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Erst gegen Ende, nach über 100 Kilometer, begann bei Freddy der Kampf!

Ich selber raffte mich zwar wieder zum Laufen auf, aber meine Leichtigkeit war dahin. Jeder Kilometer war zäh wie Gummi und ich ließ mir von Nick die Verpflegung in immer kürzeren Intervallen anreichen. Trotz dessen wurde ich immer müder und so kam es, das ich irgendwann alles was ich bekommen konnte wie Gels, Cola bis zu Redbull, wahllos in mich rein kippte.

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Wie Gert bei km 80 noch auf seinem Handy die Fußballpartie seines geliebter HSV verfolge, und mit einem Freund darüber telefonierte, war für mich einfach nur unbegreiflich. Die Kilometer hatten mich gezeichnet, was ich daran bemerkte, dass mir Nick immer häufiger die Kamera ins Gesicht hielt. Immer wieder versuchte ich durch kurze Pausen etwas Energie zu sammeln um mit den Beiden Schritt zu halten. Gert machte es mir ungleich schwerer, da er mit seinen analytischen Ansprachen wie: “ es sind nur noch 35km“ oder „jetzt noch drei Stunden laufen“ meinen Willen zersetzte.

Nicht das es es falsch verstanden wird, Gert ist ein mega Teamplayer, der wie kein Anderer die Gruppe immer beisammen hielt. Nach sieben Stunden Laufen konnte mich die Aufmunterung eines noch bevorstehenden drei Stunden Laufes nicht wirklich motivieren.

Es war wie Balsam auf meiner Seele, als Freddy mir zu verstehen gab, dass wir heute nur zusammen das Ziel erreichen werden.

Sören und Nic, mittlerweile motorisiert unterwegs, hatten sich derweil an der Strecke mit Bier für die Supporter und Red Bull für die Leidenden eingefunden und machten Party. Die Stimmung war wie am Solarer Berg und ich vergaß jedes mal für kurze Zeit meine Strapazen.

Ultralauf Koblenz Köln Bier

Und so kam es, dass meine Energie wieder angefacht wurde und langsam wieder zu einem Feuer wurde. Ich wollte mich nicht mehr unbewusst dem Leiden hingeben, sondern war immer mehr berauscht das Ziel zu erreichen.

Nick hatte mir mittlerweile unbemerkt statt Wasser nur noch hochkonzentriertes geschmacksneutrales Iso gegeben was wohl auch der eigentliche Grund für die wiedergefundene Energie war.

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Als der Dom in Sichtweite kam, zog er mich wie ein Gummiband, zu sich. So bemerkte ich erst gar nicht, dass Freddy langsam ins Straucheln kam. Mein Blick öffnete sich wieder und ich erkannte auch das Gert, wider seiner ständigen Motivation, müde geworden war. Die beiden waren also doch nur Menschen. Das machte die letzten Kilometer für mich erträglicher.

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Auch Gert muss auf die Zähne beißen!

Bisher war ich der Annahme erlegen hier der einzig Leidende zu sein. Geteiltes Leid, halbes Leid.

Es war die Erkenntnis, dass es, so schlecht es dir auch geht, du in deinem Schmerz nicht alleine bist. Gemeinsam lassen sich solche Phasen besser durchstehen und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich es ohne ihre mentale Unterstützung alleine bewältigt hätte.

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Zusammen erreichten wir den Dom. Im Gegensatz zu einem normalen Finish bei einer Sportveranstaltung, wirkten wir wie Fremdkörper auf der Domplatte. Diese war von vielen jungen Menschen gesäumt, die keinerlei Notiz von unserem heroischen Lauf nahmen und doch fühlten wir uns wie Sieger!

Alle Strapazen waren es wert!

Es war eine großartige Erfahrung mit tollen Menschen, die mir gezeigt hat, dass Sport so viel mehr sein kann als das Streben nach Erfolgen oder Bestleistungen in einem Individualsport, so wie ich ihn kennengelernt habe. Sport ist auch Gemeinschaft und manchmal auch gemeinschaftliches Leiden.

Dadurch wird der Erfolg, es geschafft zu haben, nur noch schöner.

Der sportliche Wert dieser Aktion war sicherlich nicht gegeben und es ist auch nicht zu empfehlen sowas Verrücktes nachzuahmen. Aber in einer Zeit, in der Social Media unsere Sicht der Welt beherrscht, sollten wir uns fragen warum wir andere als Vorbild nehmen oder nach Dingen streben.

Ist es nicht die Überwindung unserer eigenen Grenzen, was uns glücklich macht, als der Vergleich mit anderen Leistungen? Wenn wir Corona etwas Positives abringen wollen, dann doch, dass wir Sport auch ohne den Ehrgeiz machen beim nächsten Rennen richtig abzuliefern.

Es ist die Liebe zum Sport die uns antreibt und verbindet.

6 Kommentare

  1. Hey Ho!
    Ich finde es den HAMMER daß Ihr sowas macht. TOP !
    Damit steckt Ihr auch uns „Normalos“ mit eurem Feuer an und in meinem Hirn reift bereits ein Gedanke etwas Ähnliches zu machen
    Nicht 100 km + aber so was in der Art.
    Aber es geht ja nicht um eine konkrete Zahl oder so.
    …sondern die eigenen Limits zu verschieben.
    PUSHING LIMITS eben.
    Danke 🙂

    Saluti Salvatore

  2. Sehr cool geschrieben und kann Dich nur bestätigen durch meine Ultra-Erfahrungen! Im Team ist vieles möglich und wichtig ist neben natürlich der körperlichen Fitness auch die mentale Stärke !!!!
    Sag mal Bescheid wenn Ihr nochmal sowas plant 😉

  3. Mega Lauf und Respekt für das Überwinden der Schmerzen! #pushinglimits

    Und sehr schön geschriebener Blog und sehr coole Berichterstattung während des Laufs…fand die IG Stories sehr unterhaltsam!

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