Verstoß gegen den Anti-Doping-Code: Sperre für Amateur-Weltmeister Chris Dels
02. März 2020

Einige von euch dürften Chris Dels kennen: Im Oktober wurde er Amateur-Weltmeister beim Ironman Hawaii, nachdem der ursprüngliche Sieger nachträglich disqualifiziert wurde. Auf unserer Kino-Tour haben wir ihn bei einer eigenen Siegerehrung in München gefeiert und hochleben lassen. Eine Randnotiz von April letzten Jahres holt ihn nun ein: Chris wird aufgrund einer Infusion – eine Methode, die ein Vergehen gegen den Anti-Doping-Code der WADA darstellt -rückwirkend für 14 Monate gesperrt. Den Weltmeister-Titel der Amateure muss er zurückgeben.
Dieser Blog ist etwas umfassender ausgefallen. Zu facettenreich ist das Thema, um es nur beiläufig zu behandeln. Und vor allem ist die Tragweite für Chris Dels wohl kaum vorhersehbar. Die Fakten klingen hart: Sperre wegen eines Vergehens gegen den Anti-Doping-Code der WADA. Aber erst in der Tiefe wird die eigentliche Problematik sichtbar und hoffentlich nehmt ihr euch die Zeit, für die folgenden Ausführungen.
Die Chronologie des Regelverstoßes
Im April 2019 ist Chris zum Ironman Texas gereist, um sich dort für den Ironman Hawaii zu qualifizieren. Das Rennen fand am 27. April statt. Kurz nach seiner Ankunft in Texas, am 13. April, hatte Chris mit einem klassischen Magen-Darm-Infekt zu kämpfen. Nach eigenen Angaben verlor er binnen kürzester Zeit rund fünf Kilogramm Körpergewicht und konnte weder Nahrung, noch Flüssigkeit bei sich behalten.
Am 17. April entschied er sich aufgrund der gesundheitlichen Situation zu einem Arztbesuch. Am selben Tag (und nochmals am 20. April) erhielt Chris, auf Anraten des Arztes, eine Kochsalz-Elektrolyt-Infusion bei einer sogenannten IV Infusion Station – diese Station hatte übrigens auch ein „Triathlon Special“ im Angebot, das laut eigener Aussage, reichlich in Anspruch genommen würde.
Bei den enthaltenen Substanzen der Infusion von Chris handelte es sich ausdrücklich nicht um unerlaubte Mittel. Allerdings ist eine Infusion, als Behandlungsmethode, laut Anti-Doping-Code nicht erlaubt (siehe dazu weiter unten „Doping-Aufklärung: Infusion gilt als verbotene Methode“).
Dass Chris offensichtlich nicht wusste, dass es sich dabei um einen klaren Regelverstoß handelte, wird insofern deutlich, da er in einem öffentlichen Video auf Facebook, kurz nach dem Rennen, selbst von der Infusion erzählt und darauf hinweist. Eigentlich nicht viel mehr als eine Randnotiz. Eine Randnotiz, die ihn im November 2019 einholen sollte. Und eine Randnotiz, die nun zur Sperre führt.
Kurz nachdem Chris nachträglich zum Ironman-Weltmeister der Amateure auf Hawaii gekürt wurde (der ursprüngliche Sieger wurde disqualifiziert, wir haben dazu gebloggt), wurde Ironman das Video mit der entsprechenden Sequenz zugespielt. Kurz darauf hat Ironman Kontakt zu Chris aufgenommen, ihn darüber informiert und ihm mitgeteilt, dass der Fall nun konkret geprüft wird.
Unmittelbar danach setzte Chris alle Hebel in Bewegung und lieferte Informationen, die Ironman zur Untersuchung des Falls benötigte. Von seinem deutschen Arzt reichte Chris unter anderem einen sogenannten Retro-TUE-Antrag ein, der die ärztliche Notwendigkeit der Behandlung mit Infusion zu diesem Zeitpunkt bescheinigen sollte. Dieses Retro-TUE wurde von der offiziellen Kommission jedoch nicht anerkannt und auch alle weiteren Unternehmungen von Chris blieben erfolglos. Für den Verstoß gegen den Anti-Doping-Code wird er nun mit einer Strafe belegt (dazu unter „Sperre und Folgen für Chris“ weiter unten mehr).
Doping-Aufklärung: Infusion gilt als verbotene Methode
Also, wie erwähnt: Eine Infusion, ganz egal mit welchen Medikamenten oder Inhaltsstoffen, ist eine verbotene Methode des Anti-Doping-Codes, sobald sie mehr als 100 Milliliter binnen 12 Stunden umfasst. Dies gilt nicht nur für Profi-Sportler, sondern für jeden Menschen, der zum Beispiel an einem Ausdauersportevent teilnimmt. Jeder, der bereits bei einem genehmigten Triathlon an den Start gegangen ist, hat mit seiner Anmeldung diese Regularien anerkannt.
Hand aufs Herz: Wer hätte das auf Anhieb gewusst?
Mit einem TUE-Antrag besteht die Möglichkeit, eine Art Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Ein Arzt muss dieses Formular ausfüllen, dann muss es bei der NADA eingereicht und von einer offiziellen Stelle anerkannt werden. Über dieses TUE-Verfahren können nicht nur Infusionen beantragt werden, sondern auch die Notwendigkeit von verbotenen Substanzen – sei es Asthmaspray, Epo oder was auch immer. Allerdings gibt es hierbei einen wesentlichen Unterschied zwischen Profi- und Amateursportler.
Profis sind im Testpool der NADA registriert. Benötigen sie bestimmte Medikamente oder Behandlungsmethoden, dann müssen diese per TUE, also als eine Art medizinische Ausnahmegenehmigung, vor Einnahme oder Anwendung beantragt werden. Bei Amateuren, die natürlich nicht im Testpool der NADA registriert sind, ist eine vorherige Beantragung nicht notwendig. Allerdings muss dann im Verdachtsfall (oder nach einer positiven Dopingprobe) ein nachträgliches TUE, das Retro-TUE, beantragt werden.
Darüberhinaus ist folgender Punkt noch interessant: Eine Infusion ist zwar eine verbotene Methode – eine Möglichkeit, diese durch eine Dopingkontrolle nachzuweisen, gibt es jedoch nicht.
- Siehe dazu auch: Krank im Ausland und auf Wettkampfreise – Was muss beachtet werden?
Sperre und Folgen für Chris
Chris wird rückwirkend ab dem 20. April 2019, dem Tag der zweiten Infusion, für 14 Monate gesperrt. Alle Ergebnisse, die seitdem erzielt wurden, sind ungültig. Somit wird ihm auch der Amateur-Weltmeistertitel aberkannt. Ab dem 20. Juni 2020 darf Chris also wieder an den Start gehen. Mit der Infusion, die er bei einer IV Station erhalten hat, hat er gegen den Anti-Doping-Code verstoßen. Ironman weist allerdings darauf hin, dass er keine Strafe erhalten hätte, wenn er die benötigte Infusion bei einem Krankenhausaufenthalt bekommen hätte.
Normalerweise liegt die Sperrfrist für einen solchen Verstoß laut Artikel 10.2 des Anti-Doping-Codes bei vier Jahren. Allerdings informiert Ironman: „Es sei denn, es kann festgestellt werden, dass der Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln nicht beabsichtig war.“ Für die Festlegung der Strafe für Chris formuliert Ironman weiter: „In diesem Fall stimmen wir zu […], dass der Regelverstoß nicht absichtlich war. […] Wir erkennen auch an, dass es keine signifikanten Fehler oder fahrlässiges Handeln (gemäß Artikel 10.5) gab.“ Diese Punkte ermöglichen eine Herabsetzung der Sperre auf 12 bis 24 Monate. Ironman hat die schwere des Vergehens von Chris mit der Strafe von 14 Monaten, also am unteren Ende dieser Range eingeordnet.
Einordnung des Vergehens
Die einfachste Sicht auf die Dinge wäre wohl so beschrieben: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Bei einem so heiklen Thema, wie Doping es nun mal ist, sollte meiner Meinung nach aber etwas differenzierter an die Sache herangegangen werden. Ja, ich finde es richtig, dass ein Vergehen gegen den Anti-Doping-Code geahndet wird und es eine entsprechende Bestrafung nach sich zieht – bei Chris sind es in diesem Fall die beschriebenen 14 Monate.
Allerdings fällt es mir schwer, diesen speziellen Fall gleichzusetzen mit Doping unter Vorsatz, also der Einnahme von verbotenen Substanzen, um sich einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Dünnes Eis, auf das ich mich da begebe, daher möchte ich das auch gerne erklären: Wie gesagt finde ich es vollkommen in Ordnung, dass es für das Vergehen und für die Infusion eine Strafe gibt. Aber Chris deswegen in die Doping-Ecke zu stellen, das fände ich falsch. Zumindest unter den Gesichtspunkten, die bekannt sind.
Die Fragen, die sich aus dieser Haltung natürlich ergeben, lauten: Wo zieht man denn dann die Grenze? Gibt es so etwas wie „richtige“ oder „falsche“ Vergehen gegen den Anti-Doping-Code? Regelverstoß ist Regelverstoß, ob bewusst oder unbewusst – so ist es und so sehe ich es auch.
Aber gibt es nicht vielleicht doch einen Unterschied zwischen dem Athleten, der den Vorsatz fasst „ich nehme jetzt die verbotene Substanz XY oder wende wohlwissend diese verbotende Methode an, um mir einen Leistungsvorteil zu verschaffen“ woraufhin bei einer Kontrolle positiv auf Doping getestet wird – und dem Athleten, der nicht unter Vorsatz, nicht mit betrügerischer Absicht gehandelt und der kein lesitungssteigerndes Mittel zu sich genommen hat, sondern eine augenscheinlich notwendige, medizinische Maßnahme ergriffen hat, die als Methode laut Anti-Doping-Code verboten ist?
Ich weiß, dass das eine philosophische Betrachtungsweise ist und rechtlich gibt es sicherlich bzw. offensichtlich eine sehr klare Handhabung in diesen Fällen – was auch vollkommen legitim und richtig ist. Aber ich persönlich tue mich einfach schwer damit, diesen speziellen Fall richtig einzuschätzen und einzuordnen. Irgendwie hallen mir die heuchlerischen „Doper stinken alle immer“-Rufe zu stark im inneren Ohr, wenn das Doping-Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Mit dieser einfachen Sichtweise ist sicherlich keine differenzierte Diskussion zu diesem Thema möglich, dennoch würde ich es extrem spannend finden, unterschiedliche Meinungen – bitte mit dem nötigen Anstand – und Argumentationen zu erfahren und gerne respektvoll zu diskutieren.
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