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Das Niemandsland der Leichtathletik: Warum wir Landeskader für die Hauptklasse brauchen!
Hallen Europameisterschaften 2021. Ihr schaltet den Livestream ein und fiebert mit der deutschen Nationalmannschaft mit. In einem furiosen Lauf über 3.000 Meter steigert ein deutscher Athlet seine Bestzeit auf 7:48 Minuten und qualifiziert sich für das Finale, in dem er dann den 10. Platz belegt. Zehnter in ganz Europa.
Erste Frage an euch: Was schätzt ihr, welche Förderung dieser Athlet im System „deutsche Leichtathletik“ bezieht? Die Antwort: Gar keine. Nicht vom Deutschen Leichtathletikverband. Nicht von seinem Landesverband. Nichts von niemanden.
Zweite Frage an euch: Darf dieser Athlet in Zeiten der Corona-Notbremse bei Meetings oder den Deutschen Meisterschaften starten? Die Antwort: Haha, warum sollte er? Er ist ja kein Bundeskaderathlet. Kein Landeskaderathlet. Kein Berufssportler.
Der Athlet heißt Marcel Fehr und er ist sozusagen eines der Paradebeispiele aus dem Niemandsland. In diesem Blog soll es aber gar nicht um die Person Marcel Fehr gehen. Ich könnte auch über Sebastian Hendel, Tanja Spill oder andere schreiben. Es geht um dieses Niemandsland der deutschen Leichtathletik. Ein Niemandsland was ein verdammtes Problem ist. Besonders während Corona, aber auch ohne die Pandemie.
Was für ein Niemandsland? Die sind doch einfach nicht gut genug!
Wenn wir die Förderpyramide der Leichtathletik betrachten, dann ist ganz oben der Bundeskader des Deutschen Leichtathletik Verbandes angesiedelt. Der Bundeskader besteht aus Olympia- sowie Perspektivkader und den Nachwuchskadern für die U23, U20 und U18. Für die Nachwuchsförderung unter dem Bundeskader sind dann, etwas vereinfacht gesagt, die Landesverbände mit ihren Nachwuchskadern der Altersklassen 14 bis 18 zuständig. Vereinzelt gibt es noch Landeskader bis in die U23 hinein.
Die Förderung ergibt auf den ersten Blick natürlich Sinn. Einziges Problem: Was, wenn du aus dern Jugendklassen raus gewachsen bist? Naja, im Idealfall bist du gut genug für den Bundeskader. Ein Bundeskader, für den die offiziellen Normen im Bereich der Qualifikationszeiten für Olympische Spiele liegen. Oder der gegenteilige Fall tritt ein, du schaffst es nicht in den Bundeskader, dann heißt es: Willkommen im Niemandsland. Denn einen Landeskader für Erwachsene gibt es nicht.
Nochmal zur Verdeutlichung: Man kann also Deutscher Meister in der Hauptklasse werden, aber gleichzeitig trotzdem zu „schlecht“ für den Bundeskader sein. Glaubt ihr nicht? Dann fragt mal Benedikt Huber, dreimaliger Deutscher Meister über 800 Meter. Über den Bundeskader kann man schon streiten – aber noch nicht mal einen Landeskader der einen auffängt? Fair? Meiner Meinung nach nicht. Aber unabhängig davon, ist es auch leistungssportlich nicht zielführend. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass eine stärkere Breite, auch die Spitze besser macht.
Das Corona-Spotlight auf das Niemandsland
Corona hat das Niemandsland stärker als je zuvor entblößt. Ein Beispiel: Am 1. Mai finden in Mainz die Deutschen Langstreckenmeisterschaften statt (Vorbericht folgt). Die Inzidenz-Zahl wird über 100 liegen und somit greift die Notbremse. Die Folge: Es dürfen per Gesetz nur Kader- und Berufssportler starten.
Ein Marcel Fehr dürfte nicht starten. Ein Sebastian Hendel, seines Zeichens mehrfacher Deutscher Meister und EM Teilnehmer 2018, wird wohl wie zahlreiche andere Topathlet:innen von der Meldeliste gestrichen werden müssen (es wird noch versucht eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken). Das gleiche Fiasko droht bei praktisch allen anderen deutschen Meetings im Mai. Die jugendlichen Landeskader-Athleten hingegen dürfen starten – was natürlich auch gut und richtig ist – aber gleichzeitig auch etwas bizarr.
Weiteres Beispiel: Auch das Training ist betroffen. Tanja Spill konnte im Winter aufgrund fehlenden Kaderstatus nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Halle trainieren und musste bei Schnee und Eis draußen ihre Tempoläufe machen. Ideal ist das nicht – bei den Deutschen Hallenmeisterschaften hat sie die 800 Meter trotzdem gewonnen. Bei der Hallen-EM ist sie ins Halbfinale gelaufen. Ohne in der Halle trainieren zu können. Oh Mann.
Das Niemandsland vor und nach Corona
Die Corona Pandemie macht das Niemandsland nur mehr sichtbar, aber auch ohne Corona ist es ein echtes Problem. Letztendlich ist man als erwachsene:r Athlet:in außerhalb des Bundeskaders komplett auf sich und seinen Verein gestellt. Es gibt weder eine finanzielle, noch eine medizinische Unterstützung. Dazu verlangen zum Beispiel Universitäten den Nachweis einer Kaderzugehörigkeit um Athlet:innen in der viel beschworenen dualen Karriere entgegenzukommen. Ich könnte jetzt noch zahlreiche weitere indirekte Nachteile aufzählen. Dann sitzen wir aber noch Morgen hier. Und wir brauchen ja noch eine Lösung.
Landeskader auch für Erwachsene – Jetzt!
Das Niemandsland ist nicht gut für die Leichtathletik. Uns gehen Topathlet:innen verloren bzw. müssen diese Sportler:innen unter wesentlich schlechteren Bedingungen als notwendig agieren. So kann wesentlich schwerer eine stärkere Breite entstehen. Wettkämpfe sind weniger spannend und haben ein schlechteres Niveau. Und vergessen wir eins nicht – viele dieser Athlet:innen sind in ihrem Umfeld, mal größer und mal kleiner, Vorbilder für ganz viele Nachwuchsathlet:innen.
Den Bundeskader zu verändern wird schwierig. Dazu ist ein DLV zu sehr von den Vorgaben des DOSB und des BMI abhängig. Deswegen mein Appell an die Landesverbände: Führt Kader für die Hauptklasse ein. So schnell wie möglich jetzt während Corona und dann gut durchdacht für die Zukunft. Einige haben damit schon anfangen, es scheint also durchaus möglich, und es ist längst an der Zeit das die anderen Landesverbände nachziehen.
Wenn die Finanzen ein Problem sind, dann stellt zumindest die mögliche nicht finanzielle Unterstützung zur Verfügung. Wenn die Politik sich bei mehr Landeskaderplätzen quer stellt, dann führt Gespräche und kämpft für eure Athlet:innen. Wenn die Satzung „nur die Bildung von Kadern für den Nachwuchs vorsieht“, dann ändert bitte die Satzung.
Natürlich muss im Leistungssport irgendwo eine Grenze gezogen werden. Mir ist auch komplett bewusst, dass zur Bekämpfung der Corona Pandemie einige zurückstecken müssen und es einfach nicht möglich ist, allen, die es verdient haben, die gleichen sportlichen Möglichkeiten zu bieten. Wenn von der Politik aber entschieden wird, dass Spitzensport, teilweise bis in die dritten Ligen, erlaubt ist, dann haben Marcel Fehr, Sebastian Hendel, Tanja Spill und andere es verdient auch dazu zu gehören.
Zumindest sollten sie nicht dafür bestraft werden, dass es in der Leichtathletik kein Liga-System gibt, keine Profilizenz gekauft werden kann, keine Höhengehälter gezahlt werden und erst Recht nicht dafür, dass sich in der Leichtathletik niemand um das Niemandsland kümmert.
Lasst mich gerne wissen was ihr darüber denkt und ob ihr vielleicht sogar andere Lösungsvorschläge seht.
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