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Pro:blog #11 – Kein würdiges Ende
Wie fange ich einen Blog an, den ich am liebsten gar nicht hätte schreiben müssen? Vielleicht erstmal mit der Tatsache, dass ich den Ironman Südafrika nicht ins Ziel gebracht habe. Ich habe das Rennen – vor allem aber mich selbst – auf der Laufstrecke aufgegeben. Dennoch ziehe ich ein durchaus positives Fazit. Meine Gedanken zum Wettkampf.
Ehrlich gesagt, verbringe ich die letzten Stunden hauptsächlich mit orakeln und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Ironman Südafrika, aber auch dieses ganze PRO:ject, für mich gewesen ist.
Ich arbeite mich mal von der Breite in die Spitze und fange mit dem Blick aufs PRO:ject an. Die zurückliegenden acht Monate waren in vielerlei Hinsicht eine spannende Reise – für Pushing Limits, für die Menschen um mich herum und für mich ganz persönlich. Und in erster Linie bin ich stolz auf die Entwicklung, die bestimmt nicht so gekommen ist, wie ich es vorher vermutet hätte.
Mein PRO:ject geht zu Ende: Und, zufrieden?
Mit jeder Trainingswoche wurde ich wieder mehr zu einem Athleten. Und mit jedem Trainingsmonat mehr zu einem Profi. Meine eigene Haltung hat sich mehrmals gedreht, gewendet und verändert. In quasi allen Bereichen konnte ich einen neuen Zugang zum Triathlonsport finden.
Um es hier etwas abzukürzen und auf den Punkt zu bringen: Ich bin verdammt dankbar für die Erfahrungen, die ich bis hierher sammeln durfte. Ja, für mich war das PRO:ject als Ganzes ein Erfolg. Und ich hoffe natürlich, dass ihr es als Pushing Limits-Community auch als gute Sache gesehen habt und nach wie vor sehen könnt!
Mit dem Ironman Südafrika ist das PRO:ject, so wie wir es angedacht und geplant hatten, für mich zu Ende. In die ursprüngliche Planung hatten wir keine „was wäre, wenn“-Optionen eingebaut. Weder Nick, noch ich haben darüber nachgedacht, was womöglich darauf folgen könnte, wenn einer von uns beiden Gefallen daran findet, sich voll und ganz dem Sport zu verschreiben. Auch heute ist das für mich noch Zukunftsmusik.
Ehrlicherweise sehr konkrete Zukunftsmusik, mit der ich mich nun auseinander setzen werden: Will ich weiter Profisport machen? Bin ich bereit länger all-in zu gehen? Und wenn ja, warum? Das PRO:ject hat mir (zum wiederholten Male) die schönen und die hässlichen Seiten des Profisports – und bestimmt auch an mir selbst – gezeigt. Ich bin sicher, dass die kommenden Tage auch eine Entscheidung mit sich bringen werden, die sich gut und richtig anfühlt.
Ironman Südafrika: Am Ende steht ein DNF
Jetzt komme ich aber mal zum Rennen! Zur Vorbereitung und zur Rennwoche ist bereits alles gesagt und geschrieben worden. Wer die Podcasts und Blogs verfolgt hat, der dürfte meine Vorfreude gespürt haben. Ich hatte tierisch Lust auf die Langdistanz und freute mich einfach, hier und dabei zu sein. Gleichzeitig war es ein komisches Gefühl, keinerlei Nervosität, Aufregung und Anspannung zu fühlen – kein schlechtes Gefühl, aber komisch.
Wie dem auch sei. Am Rennmorgen war schnell klar, dass es ein Tag mit extremen Bedingungen werden sollte. Der Wind zog auf, das Meer bebte und immer wieder setzte der Regen ein. Die Veranstalter reagierten: Für die Profis wurde das Schwimmen auf 700 Meter verkürzt und der Start um eine halbe Stunde nach hinten verschoben. Gleichzeitig wurde die erste Disziplin für alle anderen Teilnehmer komplett gestrichen. Eine absolut richtige Entscheidung.
Schwimmen: Wühle sich durch, wer kann
An der Startlinie positionierte ich mich rechts und stand neben Michael Raelert: „Michi, hast du noch einen Tipp, wie man da am besten schwimmt?“ Ich deutete raus aufs Meer, die Wellen und die Gicht. Seine Antwort: „Ich glaube da gibt es keine Tipps mehr. Irgendwie durchkommen, Schwimmbrille nicht verlieren und schauen, dass der Neo nicht aufgeht.“
Nun ja, ich habe meine Schwimmbrille zwar aufbehalten und mein Neo ist auch zu geblieben. Aber mit dem Durchkommen hatte ich so meine Schwierigkeiten. Die Bedingungen beim Schwimmen haben mich überfordert und ich war froh, dass es am Ende wahrscheinlich nicht mal 700 Meter gewesen sind, die wir zurücklegen mussten. Mit etwa 1:10 Minuten Rückstand auf Nils, der als erster an Land gespült wurde, ging es in die Wechselzone. Keine schlechte Ausgangsposition eigentlich, vor allem wenn das Ende der ersten Gruppe nur 30 Sekunden entfernt ist. Eigentlich.
Radfahren: Der Rahmen meiner Möglichkeiten
Die halbe Minute Rückstand hat nämlich gereicht, um die zweite Disziplin im Niemandsland zu beginnen. Ohne Überblick und Infos zur Situation vor mir, entschloss ich mich dazu, den Blick auf meine Werte zu richten und mein Ding zu fahren. Alles richtig gemacht, könnte man meinen. Allerdings würde ich sagen, dass es unter taktischen Gesichtspunkten falsch gewesen ist. Stattdessen wäre es ein Kraftakt, der mit dem Versuch die 30-Sekunden-Lücke zu schließen, verbunden gewesen wäre, sicherlich wert gewesen, um sich in eine bessere Ausgangslage für den weiteren Rennverlauf zu bringen.
Zwischen den Zeilen finden sich zwei Fehler, die ich im Vorfeld gemacht habe: Zum einen hätte ich organisieren müssen, dass ich eine Info zu den Zeitabständen nach dem Schwimmen bekomme, um eine Entscheidung treffen zu können. Zum anderen habe ich mir im Vorfeld nicht ausreichend Gedanken zum taktischen agieren und den Anforderungen einer Langdistanz auf Profiniveau gemacht, wenn man im Renngeschehen mitmischen möchte.
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Zwei Fehlerquellen
- Fehler 1: Hätte sich leicht vermeiden lassen, wenn ich um Hilfe von den Supportern gebeten hätte, die mit den anderen deutschen Profis hier gewesen sind. Allen voran Kristin, die gemeinsam mit Nils hier ist und wir uns gut kennen, hätte sofort diesen Support geleistet. Oder hätte ich Moritz, den Mann von Dani Bleymehl, darum gebeten, wäre es sicherlich kein Problem gewesen. Leider konnte Simon, meine geplante Begleitperson, kurzfristig die Reise wegen einer Coronainfektion nicht antreten – aber wie gesagt, hätte sich der Zugang zu Informationen bestimmt organisieren lassen. Dass ich das nicht gemacht habe, ärgert mich. Es ärgert mich, weil es vermeidbar gewesen wäre und mein Handeln in diesem Punkt schlicht und einfach nicht professionell gewesen ist. Aus Fehlern muss man lernen. Dazu weiter unten mehr.
- Fehler 2: Kann ich mir etwas weniger Vorwürfe machen (was es aber auch irgendwie nicht besser macht). Im Vorfeld des Rennens habe ich mich selbst komplett von „Wettkampf-Gedanken“ frei gemacht. Vielleicht kamen daher auch die Gelassenheit und die ausbleibende Nervosität. Andererseits habe ich gestern festgestellt, dass genau diese Wettkampf-Gedanken ein essentieller Teil von Profisport sind. Ich habe es vorher anders beschrieben und gesagt, dass ich dieses Gegeneinander, die Platzierungen und so weiter nicht brauche, um Triathlon zu machen. Das ist auch nicht ganz falsch – aber mit dieser Einstellung muss ich auch kein Profi sein. Ganz offensichtlich, das habe ich gestern gespürt, will ich, wenn ich Profi bin, auch im Mix und konkurrenzfähig sein. Zumindest mal so weit, dass man eine realistische Chance hat, ums Podium, um die Top 5 oder 10 (abhänging vom Teilnehmerfeld) zu racen. Womit wieder die Frage im Raum steht: Wie will ich Triathlon machen?
Zurück auf die Strecke. Im strömenden Regen und nach knapp 5 Kilometern schloss ich zu Silas Köhn und Sven Wies auf. Mit Rückenwind ging es über ruppigen Asphalt und viele Rolling Hills Richtung Wendepunkt.

Nach der ersten Rennstunde zeigte mein Garmin eine Durchschnittsleistung von 305 Watt. Meine Beine fühlten sich gut an, ich blieb meiner Verpflegungsstrategie treu und war zuversichtlich, dass es unter diesen Umständen früher oder später dazu kommen würde, einige Plätze gut zu machen. Sollte es aber nicht.
Nachdem Silas nach knapp 55 Kilometern mit plattem Reifen an den Straßenrand abgebogen ist, wurde das Radfahren zum Soloritt und Kampf gegen Wind(mühlen). Mit 291 Watt im Schnitt passierte ich die 4-Stunden-Marke und war extrem zufrieden und erleichtert, als ich feststellte, mich damit nicht übernommen zu haben. Nach wie vor ging es mir gut, muskulär und mental war ich voll auf der Höhe, die Verpflegung schien aufzugehen und ich hatte Bock auf den Marathon. Es war mittlerweile zwar nicht weniger windig, dafür hatte aber der Regen endlich nachgelassen. Nach etwa 170 Kilometern nahm ich etwas Druck vom Pedal und pendelte mich bei 250-260 Watt ein, um mich fürs Laufen zu sortieren.
Gute Leistung reicht nicht
Ich rollte mit 286 Watt im Schnitt in die zweite Wechselzone: 4:43:21 Stunden. Ich bewertete die Situation erstmal nicht weiter, sondern war in dem Moment mit meiner Leistung absolut happy. Der Pacingtest hatte zwar vorgegeben, dass ich bis 280 Watt fahren kann – dass es dann aber so gut klappt und der Plan wirklich Realität geworden ist, hat sich super angefühlt.

Ich sage es, wie es ist: Ich bin stolz aufs Radfahren. Und ich glaube, dass das ein Niveau ist, mit dem ich mich nicht zu verstecken habe. Wie viel es aber im Vergleich wert ist, wenn man nach dem Schwimmen nicht den Sprung in die Führungsgruppe samt Begleitmotorrädern schafft, ist bemerkenswert: Rund 20 Minuten habe ich in der zweiten Disziplin aufgebrummt bekommen. Das meine ich absolut wert- und kritikfrei. Also nochmal: Bitte wirklich nicht falsch verstehen, sondern so wie ich es meine – als schlichte und einfache Beobachtung der Tatsachen.
Ich sehe es vielmehr als eindeutige Erkenntnis und erneute Bestätigung, dass man als Profi – sollte man nicht der absolute Überbiker sein – bereits beim Schwimmen vorne dabei sein muss und dann dazu in der Lage ist, eine richtig harte erste Rennstunde auf dem Rad zu verkraften, um dabei zu sein und sich das weitere Rennen offen zu halten.
Laufen: Das vorzeitige Ende
Ich lief los und hielt mich weiterhin an meine Vorgaben, hörte in mich hinein und machte meinen Stiefel. Die Pace pendelte sich irgendwo zwischen 3:50 und 3:55 Minuten pro Kilometer ein. Energetisch und muskulär ging es gut los, die 10 Kilometermarke passierte ich nach rund 38:40 Minuten. Ab Kilometer 12 droppte die Pace bis Kilometer 16 auf etwa 4:05-10 min/km und meine Zuversicht, gut und stabil durch den Marathon zu kommen, war ungebrochen.
Ich realisierte zu diesem Zeitpunkt allerdings, dass ich – irgendwo im Nirgendwo auf Platz 15 liegend – immer noch eine Viertelstunde Rückstand auf die Top 10 hatte. Nachdem ich mit dem Radfahren so zufrieden war und auch die erste Stunde im Laufen so gut angefangen hatte, hatte sich insgeheim die Hoffnung in mir breit gemacht, dass die Leistung ausreichen könnte, um irgendwie in die vorderen Regionen zu stoßen (damit meine ich die Top 10). Als ich erkannte, dass mir das nicht gelingen würde, wurde ich schwach.
Ich begann zu hadern, der zunehmenden Härte des Rennens nach- und mich selbst aufzugeben. Das ist die ehrlichste und gleichzeitig bitterste Erkenntnis, die ich nach dem Wettkampf machen muss. Ich verlor den Fokus, den Drive und ließ mich gehen – was darin endete, dass ich anfing zu gehen. In den Laufsplits lässt sich das ablesen: Kilometer 19 lief ich in 4:16 Minuten, den nächsten Kilometer in 4:31 Minuten, es folgte ein Kilometer in 5:57 inklusive ausführlicher Verpflegungspause an der Aid Station. Ich versuchte mich zusammenzureißen und lief 4:53 Minuten, aber ich und mein Rennen war gebrochen. Die Uhr stoppte 7:31 Minuten für Kilometer 23, 12:43 Minuten für den nächsten, 13:07 Minuten für den nächsten, 8:08 Minuten für weitere 500 Meter. Ich gab auf.
DNF: Die Summe vieler kleiner Teile
Es mag sein, dass ich mit dem Start zum Laufen die Energiezufuhr nicht mehr auf den Punkt im Griff hatte und mir früher oder später möglicherweise der Saft ausgegangen wäre. Aufkommende Magenbeschwerden machten die Sache sicherlich auch nicht besser – aber irgendwie tue ich mich schwer damit, diese beiden Aspekte als Grund dafür gelten zu lassen, dass ich mich am Straßenrand sitzend wiederfand. Ich habe das Gefühl, dass ich es mir damit zu einfach machen würde.
Mein Aufgeben von gestern ist die Summe vieler kleiner Teile, denen ich nicht mehr Stand gehalten habe. Ich bin weniger darüber enttäuscht, dass ich das Rennen nicht beendet habe, sondern viel mehr darüber, dass ich den Grundgedanken des Triathlons nicht gerecht werden konnte. Es fühlt sich nicht nach Schwäche an, sondern einfach nicht richtig.
Allerdings muss ich auch zugeben, dass meine Enttäuschung extrem schnell umgeschlagen ist und ich sofort begonnen habe, die positiven Dinge zu sehen, Schlussfolgerungen zu ziehen, aus dem Rennen (und der ganzen Woche hier) zu lernen. Allein diese Tatsache zeigt mir, dass ich scheinbar irgendwie doch mehr will.
Nach dem kurzen Instagram-Statement gestern hat mich eine Flut an persönlichen Nachrichten erreicht, die vor Zuversicht und Gutmütigkeit nur so gestrotzt haben. Das tat gut und hat mir gezeigt, dass Profisport bewegt, motiviert und inspiriert – an guten und an schlechten Tagen. Auch das ist ein Grund, warum mich ein Weiter- und Bessermachen reizen würde. Weil irgendwie fühlt sich das Ende des PRO:jects auch ein bisschen wie ein Anfang an.
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