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Motivation für die Mitteldistanz – oder: Training zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die Rennen sind gewählt, die Anmeldegebühren zähneknirschend bezahlt, jetzt muss für die Mitteldistanz nur noch trainiert werden. Eigentlich. Aber was tun, wenn der Alltag zuschlägt – und die Diskrepanz zwischen Motivation und Möglichkeiten größer wird?
Ich habe es tatsächlich geschafft: In voller Montur stehe ich vor der Haustür, gehe in Richtung Startpunkt meiner üblichen Laufroute, lasse die Smartwatch das GPS-Signal orten – und laufe los. Gut, ich bin etwa eine Stunde später losgekommen als geplant. Und, ja, bis zum nächsten Termin bleiben mir eigentlich auch nur 40 Minuten, sodass mehr als 30 von den geplanten 60 Minuten Training nicht drin sind. Aber hey, immerhin bin ich überhaupt unterwegs.
Warum allein das ein Grund zur Freude ist? Weil in den vergangenen Wochen eigentlich nichts so lief, wie es laufen sollte. Schon gar nicht ich selbst.
Mitteldistanz-Training: Planung ist gut – machen wäre besser!
Die Wahrheit ist: Zwischen meinem Wunsch, vernünftig für das große Ziel „Mitteldistanz 2022“ zu trainieren und der Wirklichkeit meines Alltags liegen aktuell Welten. Naja, eigentlich sind es Abgründe. Dabei war ich doch so motiviert an die Sache herangegangen. Ich hatte Events rausgesucht, die extra nicht den Familienurlaub crashen, mich ganz in Ruhe für einen Trainingsplan entschieden, das Premium-Abo der App meines Vertrauens abgeschlossen, die Einheiten angelegt und so eine Saisonplanung „Marke Bilderbuch“ hingezaubert. Seitdem schiebe allerdings irgendwelche Einheiten vom einen Tag auf den nächsten – während die Angabe „Weeks until Challenge Kaiserwinkl-Walchsee“ erbarmungslos schrumpft.
- Zum Thema
Was muss man eigentlich können, um auf der Mitteldistanz zu starten?
Sicher, würde ich nun einfach Saison-Highlight Nummer zwei, den Ironman 70.3 in Dresden als Maß aller Dinge interpretieren, blieben mir vier Wochen mehr. Die Planung würde dann gar nicht mehr so düster aussehen. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass vor der zweiten noch eine erste Mitteldistanz ansteht. Auch für die muss ich so etwas wie fit sein. Und es ärgert mich unendlich, dass ich es einfach nicht schaffe, „on track“ zu kommen. Inzwischen führe ich ein Leben im Dauer-Zwiespalt:
- Ich stehe morgens mit der Überzeugung auf, den Tagesplan „heute aber wirklich“ durchzuziehen – bis ich mittags realisiere, dass es schon wieder knapp wird.
- Ich weiß genau, dass es schwachsinnig ist, Einheiten zu schieben, weil sie aufeinander aufbauen – und bin mir bereits beim Anlegen darüber im Klaren, dass ich keinen Tag so durchziehen werde.
- Ich betone bei Kind und Kegel, wie wichtig es wäre, dass ich auch mal Sport machen kann – und erwische mich sonntags dann doch dabei, dass ich es auf der Couch auch ganz nett finde.
- Ich erzähle anderen von meinem Vorhaben – und fühle mich dann schlecht, (mir selbst) eingestehen zu müssen, dass es nicht so gut läuft, wie ich’s gerne hätte.
Immer is‘ irgendwas
Mein Ärger ging sogar so weit, dass ich zwischenzeitlich Neid auf Bocki und Nick entwickelte, weil sie mit dem PRO:ject eine Legitimation für mehr Sport im Alltag haben. Da mittlerweile auch Bocki seinen Plan umstellen musste, sind jetzt quasi alle neidisch auf Nick. Die beiden spielen natürlich in einer ganz anderen Liga – darüber bin ich mir mehr als bewusst. Aber was mich daran wirklich wütend auf mich selbst macht, ist: Arbeit und Kind schlagen bei mir den Sport. Immer.
- Hör-Tipp
In der aktuellen Folge vom Triathlongelaber sprechen Bocki und Nick offen und ehrlich über ihre momentanen Herausforderungen!
Da kann ich noch so motiviert sein, ständig haben andere Sachen Vorrang. Es gibt genau zwei Stunden an einem durchschnittlichen Wochentag, in denen ich so etwas wie sportliche Aktivitäten absolvieren könnte. Wenn genau dann allerdings ein Termin, Anruf oder eine Frage aus Richtung des Kindeszimmers aufkommt, muss all das zuerst abgearbeitet werden – und das Zeitfenster wird kleiner, bis es sich irgendwann auch nicht mehr lohnt, überhaupt anzufangen. Also wird die Einheit mal wieder geschoben und die Definition von Trainingswochen frei uminterpretiert: Wenn die Woche von Mittwoch bis Mittwoch gedacht ist, sind’s doch quasi trotzdem noch 29 Wochen bis zur ersten Mitteldistanz … oder?
Motivation schlägt Möglichkeiten!
Oder rede ich mir das mit den Prioritäten nur ein? Weil ich in Wahrheit einfach nicht stark genug bin, das Mitteldistanz-Training durchzuziehen? Sollte ich ehrlich zu mir sein und die Nummer abblasen – weil zu groß für mich? Als mir dieser Gedanke beim Laufen kommt, stolpere ich fast. „Nein! So einfach ist das nicht, Fräulein“, ermahne ich mich gedanklich selbst. „Aufgeben ist keine Option! Das ziehst du jetzt durch. Du hast verdammte 600 Euro in irgendwelche Rennanmeldungen gesteckt.“ Spätestens die Kosten für Triathlon können ja bekanntlich motivieren …
Vor lauter Selbstgespräch und „not so friendly reminder“ merke ich erst, als ich aus der Puste komme, dass ich mal eben meine Pace in (zumindest für mich) neue Sphären katapultiert habe. Irgendwo steckt diese Stärke in mir. Wetten, dass die 30 Minuten der unfreiwillig verkürzten Einheit mehr bringen, als wenn ich stattdessen desillusioniert am PC kleben geblieben wäre?
Übrigens: Beflügelt von der Erkenntnis, dass „einfach mal machen“ immer noch die beste aller Optionen ist, ziehe ich am Abend glatt noch die Stabi-Einheit durch sowie die Einheiten der folgenden 3 (!) Tage in Folge, wie sie im Plan stehen. Okay, die eine oder andere vielleicht etwas modifiziert. Aber nach vier Wochen Geschiebe habe ich nun endlich das Gefühl, ansatzweise im Mitteldistanz-Modus angekommen zu sein. Kann man das eigentlich noch unter Startschwierigkeiten verbuchen?
- Apropos Saisonstart
Carola hat hier noch fünf Tipps parat, die euch jetzt helfen können.
Mehr aus jeder Einheit rausholen: Mentale Tricks für die Motivation
Die Moral von der Geschicht‘: Die richtige Einstellung ist zwar nicht das halbe Triathlon-Finish – aber zumindest die halbe Trainingseinheit. Vielleicht habt ihr ja auch schon den einen oder anderen Mental-Trick versucht, wenn’s mal wieder nicht so läuft, wie gedacht? Hinterlasst doch gerne mal einen Kommentar dazu.
Bis dahin teile ich hier mal die Tricks, die zumindest mir (meistens) helfen.
- Persönlichen Trigger-Satz finden
Meiner lautet zum Beispiel „Mach’s einfach – solange es noch geht!“. Das liegt vor allem an der Erfahrung mit der Krebserkrankung meines Vaters, die mir auf knallharte Art bewusst gemacht hat, dass das Schicksal dir jederzeit einen Riegel vorschieben kann. Und solange das noch nicht passiert ist, sollte man die Zeit genießen und nutzen. Der Gedanke daran, dass ich noch unbeschwert die Chance habe, an meiner Leistung zu arbeiten, motiviert mich. Wer weiß, wie lange ich das noch so machen kann. Und wenn nicht jetzt, … dann würde ich mir nur irgendwann ärgern, es heute nicht probiert zu haben. Weiter, immer weiter! - Visualisierung nutzen
Mag der eine oder andere ja für Hokuspokus halten. Andere schwören allerdings darauf, um mehr aus jeder Einheit rauszuholen. Zur Visualisierung vom Zieleinlauf oder von der Performance vor Zuschauern (Zuschauereffekt) können auch Bewegungsvisualisierungen hinzukommen. Heißt: Wer sich einen perfekten Laufstil vorstellt oder an die dafür zu aktivierenden Muskelpartien denkt, kann Veränderungen im tatsächlichen Laufen bemerken. Neuroathletik-Experte Lars Lienhard schreibt in seinem Buch „Training beginnt im Gehirn“ beispielsweise: „Nahezu alle Bewegungen werden anhand der visuellen Wahrnehmung entworfen, programmiert und koordiniert.“ Da ist was dran! - Verbesserungen erkennen
Und hier noch ein Klassiker aus der Motivations-Ecke: Erfolge feiern. Zum Glück bringen Triathleten dafür bereits alles Nötige mit. Sie setzen sich viel mit der eigenen Leistung auseinander, sind mitunter „nerdy“ unterwegs und können ihre PB auch im Schlaf nennen. Dass das Training anschlägt, dürfte keinem entgehen. Jetzt geht’s nur noch darum, sich darüber auch zu freuen. Beispiel: Als ich letztens brustschwimmend einen Krauler beim Cooldown auf der Bahn neben mir überholte, war das für mich eine Riesen-Sache. Auch wenn der Herr neben mir meine Freude nicht ganz zu interpretieren wusste, konnte ich mir das Grinsen nicht verkneifen – und sprang letzte Woche glatt motivierter ins Wasser. Geht doch!
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