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Chris bloggt – Muss ich noch mal? 24 Stunden Nürburgring

Ich bin ein menschlicher Wasserfall. Es sind 36 Grad und ich habe gefühlt meinen halben Hausstand drei Etagen runter in den Hausflur geschleppt und warte nun auf meine Teamkameraden für das 24h Rennen Rad am Ring auf dem Nürburgring.

Christian Siedler von Pushing Limits
Christian Siedler Fotograf & Hobby-Athlet
11. August 2018 AmLimit BikeNerd Radsport

Das Team, das sind Ansgar und Jan vom Coffee and Chainrings Team und Maren. Dazu gesellt sich ein weiterer Jan, als Support. Ansgar ist der Erfahrene von uns und kennt auf der Nordschleife jede Kurven. Begriffe wie “krasse Abfahrt” und “elender Anstieg” sind in seinem Wortschatz bereits den korrekten Abschnittsbezeichnungen wie “Schwalbenschwanz” oder “Hohe 8” gewichen. Ich dagegen, ich bin ziemlich naiv. Ich habe vom Nürburgring soviel Ahnung, wie Trump von Politik. Das Einzige was meine Augenbraue in die Höhe zieht, ist die Aussage, dass man kaum einen 30er Schnitt auf dem knapp 26 KM Kurs erreicht, zumindest nicht in unserer Leistungsklasse.

Jan holt sich das letzte Quentchen Motivation während er die Tour de France live auf seinem Handy verfolgt. Ich hänge derweil über den Lüftungsschlitzen der Klimaanlage und wir machen uns auf gen Nürburgring. Wer auch immer die Klimaanlage erfunden hat, ihm gebührt nicht weniger als der Nobelpreis.

Nürburgring, here we are

Bei unserer Ankunft, am späten Freitag Nachmittag, stehen bereits viele der Fahrerlager.
Bei uns besteht dieses aus zwei Pavillons, einem VW Crafter, als Abstellraum und für mich als Schlafplatz, und einem kleinen Wohnwagen mit Miniküche und Platz für zwei müde Radfahrer. Ein kleines Zelt, als weiteres Nachtlager, stellen wir etwas abseits auf.

Aus Paletten hat Ansgar eine Kaffeebar und Sitzmöglichkeiten gebaut. Wir haben quasi eine Coffee Lounge mit Blick auf die Strecke. Mit unser Ausstattung kratzen wir gerade so am Standard, was man bei diesem Event um uns herum auffährt. Kühlschränke, LKWs, Feldküchen, Caravans für Großfamilien, manche könnten locker zwei Wochen autonom überleben.

Am ersten Abend haben wir noch Zeit zusammen zu sitzen, nur will unser kleiner Grill nicht so recht. Unsere Nachbarn verzweifeln beim Anblick unserer Versuche die Briketts zum glühen zu bringen, reißen das Projekt schlussendlich an sich und wir können unser Essen auf einem professionellen Weber Grill zubereiten. Generell herrscht ein sehr freundschaftliches Verhältnis auf dem Gelände. Nur die wenigstens sind hier, um auf Platzierung zu fahren. Für viele, wie auch für uns, geht es um das gemeinschaftliche, den Team-Spirit und das Event. Ein kleines funktionierendes Team, wo jeder für jeden fährt und man zusammen den Mythos Nordschleife 24 Stunden lang zelebriert. Wie viele Runden, wie schnell: Nebensache.

Der Morgen bringt nicht nur Vorfreude, sondern auch viele Gäste. Immer wieder stehen Leute bei uns am Stand, um einen Kaffee mit uns zu trinken und etwas zu plauschen. Einige kennt man persönlich, andere wissen über die sozialen Kanäle, dass wir hier sind.

Die gesponserte Kaffeemaschine und mehrere Sorten Bohnen bescheren uns bald sogar Stammgäste und irgendwann ist jeder von uns ein kleiner Barista.

Willkommen in der grünen Hölle

Gegen Mittag geht es endlich los. Nachdem die Jedermann Rennen auf die Strecke geschickt wurden, positioniert sich das 24 Stunden Rennen an der Startlinie. Ansgar gebührt die erste Runde und geht mit einem minutenlangen Strom aus Athleten auf die Reise. Bis die Fahrer ihre erste Runde beendet haben, ist die Strecke leer. Das letzte Mal bis Sonntag Mittag.

Ich bin Nummer 3 in der Reihenfolge. Der Staffelstab ist eine Trinkflasche in der der Transponder steckt – trinken verboten. Die ersten Kurven gehen durch das Fahrerlager. Dicht an dicht stehen die improvisierten Boxengassen und überall herrscht reges Treiben. Grillduft liegt in der Luft und der Ruf nach dem nächsten Fahrer bei Teams, die es etwas eiliger haben. “Rooobert”. Knapp zwei Kilometer sind es, bevor ich von der Grand Prix Strecke auf die Nordschleife abbiege. Welcome to the Green Hell.

Ich bin angespannt, habe mir die Runde vorher erklären lassen und nichts behalten. Ich weiß nur, dass es abwechselnd rasend schnell sein wird oder mir die Oberschenkel platzen werden. Die ersten Kilometer lassen nur erahnen, was noch kommen wird. Es dauert nämlich keine Minute, bis ich das erste Mal deutlich die 50km/h durchbreche. Lange abfallende Kurven, breite Straßen, links und rechts eingegrenzt von weiß roten Streifen. Nach kurzer Zeit kommt die berüchtigte Fuchsröhre, eine der schnellsten Passagen. Ich bin ein Schisser, wenn es um Abfahrten geht und hänge an der Bremse. Die Schwerkraft und der Schwung aus den Passagen zuvor ziehen hart am Rahmen und lassen den Versuch, das Tempo zu kontrollieren, absurd werden. Ab dem Moment, als ich die Abfahrt vollständig einsehen kann, geben meine Finger das Rad frei und ich rausche hinab, nehme genug Schwung mit um die abschließende Steigung fast ohne treten zu erklimmen. Der Blick auf das Tacho zeigt immer noch knapp 60km/h.

Der Schwung einer schnellen Abfahrt endet immer wieder in einer steilen Rampe. So schlängelt man sich weiter den Kurs hinab bis zum ersten Verpflegungsstand, dem tiefsten Punkt der Nordschleife. Ab da wird alles sehr langsam. Der Radcomputer pendelt sich bei 12km/h ein. Manchmal weniger, selten mehr und so kämpft man sich wieder nach oben. Es geht stetig berg hoch, über kurze Abschnitte, die etwas flacher sind, aber kaum Erholung bringen. Das Ziel ist die Hohe 8, das mit 17 Prozent steilste Stück der Strecke. Wie schlimm kann es schon werden, habe ich mich gefragt, als viele davon sprachen ein anderes Ritzelpaket aufzuziehen. Ach, so schlimm also! Während viele um mich herum eine Ritzel in der Größe eines Rettungsrings haben und halbwegs rotieren, fallen die Anstiege bei mir unter die Rubrik Krafttraining. Es kommt ein weiterer Bogen des Sponsors in Sichtweite und makiert das Ende des Anstieges. Um mich herum sitzt nicht mehr jeder auf dem Rad, die Ersten schieben.

Die Oberschenkel brennen und ich versuche nicht umzufallen. Geschafft, erstmal durchatmen.

Ab hier Kette rechts sagt ein Schild am Rand und es geht weiter mit dem bekannten Wechsel aus schnellen Abfahrten und Steigungen. Einiges davon meistere ich recht gut und in den nächsten Stunden immer besser, anderes ist mir auch noch am Sonntag verhasst.

Nach 56 Minuten habe ich meine erste Runde hinter mir, bin ziemlich platt und denke. “Noch fünf mal das Ganze?”

Wer hat an der Uhr gedreht?

In der Theorie habe ich nun knapp drei Stunden Pause. Die Praxis sieht so aus, dass ich mich umziehe, das Rad checke und mich mit den Anderen über ihre Erlebnisse austausche. Ich komme kurz dazu ein paar Fotos und Videos zu machen bevor sich eine innere Stimme meldet und sagt, dass ich wohl besser nochmal die Beine hochlege und mich langsam wieder fertig mache. Zack, sitze ich schon wieder auf dem Rad.

Ich habe mittlerweile begriffen, dass es manchmal besser ist, die Bremsen loszulassen und sich auf seine Reifen zu verlassen. Knie raus und sich in die Kurven legen. Der Anstieg ist immer noch genauso kräftezehrend wie in der ersten Runde und die Temperaturanzeige hat vorne eine “3”. Ich freue mich auf die Portion Nudeln, die ich mir selbst nach der zweiten Runde versprochen habe. Kurz vor der einzig langen Geraden, wo man gerne auf Windschatten zurückgreift, bekommt mein Hinterrad Ausschlag. Das Lager gibt auf und es gesellt sich ein unangenehmes, metallisches Knarzen dazu. Zu allem Überfluss löst sich der Mantel an den Rändern auf. Er zieht Fäden und bekommt Laufmaschen. Hilft alles nichts, die Carbonfelge des Triathlonrads, welche ich vorsorglich eingepackt habe, muss in der Pause rauf. Nun habe ich zwar einige Gramm mehr die Anstiege raufzuschleppen, stylisch macht die Hochprofilfelge aber einiges her.

Wieder nix mit 3 entspannten Stunden Pause.

Es weihnachtet sehr

Meine nächste Runde beginnt im Dunkeln. Es weihnachtet im Fahrerlager, sehr sogar. Lichterketten, leuchtende Weihnachtsmänner und Lichterorgeln begleiten mich, bevor nur noch meine Lampe und die Lichter der anderen Fahrer versuchen die Straße erkennbar zu halten. So hell die Lampen auch sind, es ist nicht genug, um das Ende der langen Abfahrten und Kurven zu erkennen. Die roten Rücklichter hunderte Meter vor mir und die wagen Erinnerungen der ersten zwei Runden lassen einen Rückschluss darauf zu, wie ich die nächste Kurve am Besten anfahre.

Der Beginn der Fuchsröhre: es wird schneller und der Moment, an dem ich die Bremsen los lassen werde, steht kurz bevor.

Zapp! Plötzlich es ist dunkel. Richtig dunkel. Das Frontlicht ist ausgefallen und ich kann nur schwach den Seitenstreifen auf dem Asphalt unter mir erkennen. Hinter mir rauschen andere Fahrer heran und an mir zischt erst ein weißer, dann roter Blitz vorbei. Noch einer und noch einer. Langsam habe ich soweit runtergebremst, dass ich zum stoppen komme. Das Handys spendet Licht, um die Steckverbindungen der Lampe zu checken. Viel mehr kann ich auch gar nicht prüfen, aber die Kontrolleuchte an der Rückseite des Minischeinwerfers bleibt blind.

Laut Regelwerk ist ein weiterfahren erlaubt, lediglich ein Rücklicht ist Pflicht. Beim Anblick der Fahrer, die an mir vorbei sausen und im Dunkeln verschwinden, schlage ich mir den Plan aus dem Kopf. Ich schreibe dem Team, dass ich die Runde abbreche und mich vom Servicewagen mitnehmen lasse. Während ich warte, beobachte ich die anderen Fahrer, wie einer nach dem Anderen weiter oben um die Kurve kommt, mit Lichtern so hell, dass ich oft schon ein Auto vermute. In einer abwitzigen Geschwindigkeit rasen sie ins dunkel hinab. Bei dem Anblick wird mir mulmig und ich stelle meine nächste Runde in Frage.

Der Takt in der Nacht hat gewechselt, daher nur 1 Stunde Pause, nachdem mich das Auto abgesetzt hat. Wir wechseln die defekte Lampe und ich murmel mich im Schlafsack auf den Liegestuhl. Das ungute Gefühl, gleich nochmal auf die Strecke zu gehen, ist immer noch da. In gleichem Maße wächst der Ehrgeiz, genau diesem Gefühl keinen Platz einzuräumen. Langsam fahren kann ich immer noch. Ich muss das jetzt machen. Es wird die geilste Runde.

Die roten Lichter vor mir geben mir eine Idee vom Streckenverlauf. Links und rechts ist es einfach nur dunkel. Hat man Zeit nach oben zu schauen, zeichnen sich die Baumspitzen vor dem dunkelblauen Himmel ab und lässt es der Streckenverlauf zu, kann man einen Blick über den vom Mond beleuchteten Wald werfen. Dazwischen schlängelt sich ein Regenwurm aus roten Lichtern. Die Enden der schnellsten Abfahrten sind beleuchtet. Das THW hat genug Licht ausgepackt, um ein ganzes Fussballstadion adäquat auszuleuchten. Dazwischen ist nur das Surren der Ketten zu hören. Das Atmen der anderen Fahrer an den Anstiegen wechselt sich ab mit dem Geräusch schneller werdender Reifen auf dem Asphalt. Niemand redet. Jemand hat mit Leuchtstäben “Go Otto” in einen Zaun geflochten. Die Beleuchtung des Radcomputers habe ich absichtlich abgeschaltet. Ich weiß nicht wie schnell ich bin oder wie lange ich schon durch die Nacht fahre, man ist ganz und gar bei sich. Die Anstiege sind gefühlt nur noch halb so lang und plötzlich ist die Runde schon vorbei.

Nach nur zwei Stunden Schlaf bin ich wieder wach, frage in unserer WhatsApp-Gruppe, wann ich wieder dran sei und bekomme prompt die Antwort, dass ich noch eine Stunde Zeit habe. Leider haben die Nachbarn Nana Mouskouri am Start und “Guten Morgen Sonnenschein” dringt in den Crafter und durch die Ohropax. Ich ziehe ein Gesicht als hätte jemand “Neoprenverbot!” gesagt, rolle aus dem Crafter in das letzte saubere Radtrikot und hole mir einen Kaffee.

Hohe 8 – I will rock you

Meine 5. Runde fahre ich halbwegs routiniert ab, muss mich aber selbst immer wieder zur Konzentration mahnen. Das THW baut ihre Scheinwerfer zurück und die Sonne taucht langsam wieder auf. Ich bin neidisch. Neidisch auf jeden, der die Entscheidung fällt, an der Hohen 8 abzusteigen. Ich applaudiere innerlich. Warum ich das nicht tue, bleibt mir ein Rätsel. Aus der Rückentasche einer Dame plärrt ein Handy den Song “We Will Rock You”. Zufall sagt sie, dass der Song gerade hier läuft, aber ein Guter. Das finde ich auch und Queen setzt für die letzten Meter die benötigte Kraft frei.

Die sechste Runde beginnt und ich habe die Gewissheit, dass es meine Letzte sein wird, was mich an den Anstiegen erstmals aus dem Sattel gehen lässt. Die Finger mache ich an den Abfahrten zwar immer noch krumm, lasse die Bremsen von Runde zu Runde aber immer früher los. 83km/h ist meine Höchstgeschwindigkeit, womit ich gerade so im Durchschnitt liege, was hier sonst so gefahren wird. Eine neue Bestzeit bekomme ich trotzdem nicht hin. Die Runden, so kurz sie auch erscheinen mögen, ziehen mit den ungünstig verteilten Anstiegen ganz gewaltig Kraft. Der beste Solofahrer hat die Strecke übrigens unfassbare 27 mal bewältigt.

24 Stunden und keine Minute länger

Nach mir wird nur noch Jan gemeinsam mit dem nimmersatten Ansgar auf die Strecke gehen. Bei meiner Ankunft lümmeln die zwei noch im Liegestuhl und hinter der Kaffeetheke. “Da bist du ja schon. Die nächste Runde startet aber erst in 25 Minuten.” Wir wollen das Rennen pünktlich beenden und keine Extrarunde drehen. Ich habe nichts dagegen und geselle mich dazu.

Maren und ich fahren ein letztes Mal durch das Fahrerlager. An der Stelle, an der man links auf die Nordschleife abbiegt, fahren wir diesmal rechts zum Beginn der Zielgeraden, um Jan und Ansgar abzupassen. Es ist eine Gänsehautatmosphäre. Team um Team, Supporter um Supporter haben sich hier eingefunden, stehen Spalier und halten gespannt Ausschau nach ihren Schlussfahrern, um sich für die letzten Meter auf der Strecke zusammen zu finden und gemeinsam über die Ziellinie zu fahren.

Das ist bei uns nicht anders und wir rollen gemeinsam an der karierten Zielflagge vorbei.

Erst beim schreiben wird mir bewusst, wie viele Eindrücke diese 24 Stunden hinterlassen haben. Das erste Mal auf der Nordschleife, die Nachtfahrt und das ganze drumherum mit dem Team und den anderen Fahrern. Habt ihr noch Platz auf eurer Bucketliste, dann hat Rad am Ring unbedingt einen Platz darauf verdient!

1 Kommentare

  1. Hallo Christian,
    aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass du dir nächstes Jahr auf dem Weg zur Hohen Acht wieder die Frage stellen wirst, wie soll ich das noch 5 mal schaffen und noch viel mehr wirst du dich fragen: Wie habe ich das letztes Jahr denn geschafft?

    Aber eins muss ich auch zugeben, ich bin bisher wenig Rennen gefahren, wo sofort klar war, dass mach ich nächstes Jahr wieder und Rad am Ring ist so ein Rennen.

    Gruß Carsten

    PS: Euer Kaffee war sehr lecker, danke nochmal dafür.

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