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Best of Bocki #59 – Sportliche Horizonterweiterung: Mein erster Ultralauf

23. August 2020



Ob ich und das Ultralaufen nochmal Freunde werden? Ich wage es ernsthaft zu bezweifeln. Dennoch war es eine Erfahrung wert. Es hat zwar bei weitem nicht gereicht, um nur annähernd die 147 Kilometer lange Strecke von Ulm bis Oberstdorf zu bewältigen, denn nach 72,7 Kilometern und 7:15 Stunden war Schicht im Schacht, geil war es trotzdem. Ein Blog über mein vielleicht krassestes sportliches Erlebnis bis heute.

Alles fing an, als ich knapp drei Tage vor dem Start realisierte, dass da ein Unterfangen auf mich wartete, bei dem ich nicht so wirklich wusste, ob ich vor knapp sechs Wochen die richtige Entscheidung getroffen hatte, es zu probieren: Ultralauf. Eine sportliche Disziplin, die ich bisher ehrlicherweise unter „das ist doch echt unnötig“ abgeheftet und eher belächelt hatte. Aber wie soll ich über etwas urteilen oder eine Meinung zu etwas haben, wenn ich es selbst noch nie ausprobiert habe? Auch deshalb war dieser Lauf mehr, als nur eine persönliche Challenge: Der Lauf sollte eine Erweiterung meines sportlichen Horizonts werden.

Ich wusste offensichtlich nicht worauf ich mich eingelassen hatte. Denn plötzlich fühlte ich mich von dem Lauf überfordert. Zwar hatte ich viele Ideen und eine grobe Planung im Kopf, aber es wollte sich einfach kein Gefühl der guten Vorbereitung einstellen. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es auch exakt daran lag und die Vorbereitung auf einen Ultralauf eben nicht nur darin besteht, ausreichend Essen und Trinken einzupacken – sondern auch darin körperlich und mental brutal fit und stark zu sein.

Außerdem hat etwas gefehlt, dem ich weder Aufmerksamkeit, noch Raum geschenkt hatte: Demut. Und damit kommen wir zum Abenteuer Ultralauf.

Noch ein Tag bis zum Start: Selbstbetrug

Ich habe den Tag vor dem Lauf genutzt, um alles so gut wie möglich vorzubereiten. Und eigentlich war das ganze Rumhantieren nichts anderes, als mir selbst etwas vorzumachen. Ich wusste ja, dass ich längst nicht genug trainiert hatte – dachte aber trotzdem, es würde schon irgendwie reichen. Wird ja kein hohes Tempo, redete ich mir ein und auch sonst alles schön, woran ich lieber hätte zweifeln sollen.

Jetzt, eine Woche später, kann ich sagen, dass diese Unehrlichkeit sich selbst gegenüber der schlechteste Berater ist, wenn es darum geht, ob ein sportliches Ziel oder ein sportliches Unterfangen sinnvoll ist. Meine Herangehensweise war definitiv blauäugig, aber es gab ja auch nichts zu verlieren.

Mit Anlauf ins Verderben sozusagen. Und der Weg dorthin ist verdammt lang, vor allem bei einem Ultralauf.

Für die Verpflegung war gesorgt: Am Tag vor dem Lauf habe ich Mini-Pizzen gebacken und wollte sie mir in den längeren Pausen schmecken lassen.
Sah gut, oder? Leider hatte ich nicht bedacht, dass Pizzen über Nach auch trocken werden können, vor allem dann, wenn man beim Belag sparsam war. Einen Tag später, in der Pause nach 50 Kilometern, sollte ich dann schlauer sein.

Ich schlug also die Zeit tot: Pizza backen, Nudeln kochen, Trinkflaschen auffüllen, Essen verpacken. Es lässt sich nicht leugnen, ich war nervös. So nervös wie lange nicht mehr, denn dieser Lauf und was mich erwarten würde, war unbekanntes Terrain für mich. Dieses bestimmte Gefühl gehört zu den ganz seltenen und besonderen Gefühlen, die wir Sportler erleben können. Vielleicht erinnert ihr euch an euren ersten Triathlon, euren ersten Marathon oder irgendetwas, bei dem ihr vorher nicht ganz genau wusstet, wie es wird, ob ihr es schafft, was euch erwartet.

Eine emotionale Gefühlsduselei, die sich so gut anfühlt, dass man sie mit Worten eigentlich nicht beschreiben kann. Wahrscheinlich wisst ihr, wovon ich spreche.

Als abends dann noch Jana und Nick auf der Matte standen und wir nochmal den Ablauf durchgingen, war ich erleichtert und noch angespannter zugleich: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es gab noch Pizza, Bier und Haribo, dann war Schlafenszeit. Nach einer gepflegten Folge GZSZ, bei der ich immer sensationell gut abschalten kann, ging es dann ins Land der Träume.

Tag der Wahrheit: Es geht los!

Montagnacht, 3:10 Uhr. Der Wecker klingelt uns aus dem Bett. Eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Toast mit Nutella später sitzen wir im Bus und machen uns auf den Weg nach Ulm. Stefan (nicht ganz unschuldig an dieser Aktion) hatte sich kurzerhand bereit erklärt den Shuttleservice zu übernehmen und Nick, Jana, die Räder und mich zum Startpunkt zu bringen. Die Fahrt war ruhig, ich brabbelte Zeug und wir tauschten Belanglosigkeiten aus – ein Ablenkungsmanöver, um nicht zu sehr an die bevorstehende Feuertaufe in Sachen Ultralauf zu denken.

Als wir um 4:45 Uhr am Ulmer Münster ankamen, hörte es pünktlich auf zu regnen. Die Stimmung war diffus. Letzte Handgriffe an den Rädern um die Taschen zu befestigen, ein bisschen Stretching, ein paar flotte Sprüche.Irgendwie war ich froh, dass es jetzt endlich losgehen sollte und als sich dann auch Alex, der erste Begleiter des Tages, zu uns gesellte, waren wir startklar.

Das GPS-Signal war da und ohne Zeit zu verschwenden machten wir uns um 5:00 Uhr mit den ersten Glockenschlägen auf den Weg. Kurz durch ein paar Gassen, hinunter an die Donau und im Dunkel der Nacht erreichten wir nach wenigen Kilometern den Iller-Radweg, den wir für den gesamten Tag nicht mehr verlassen sollten.

Nick und Jana rollten uns hinterher und leuchteten den Weg, denn es war tatsächlich finsterer als gedacht. Hätten wir das kleine Fahrradlicht nicht dabei gehabt, hätten wir an Ort und Stelle abbrechen oder zumindest Pause machen müssen. Alex hatte den Auftrag erhalten, dafür zu sorgen, dass wir keinensfalls zu schnell loslaufen. Das Tempo pendelte sich bei 5:25 bis 5:30 Minuten pro Kilometer ein und so liefen wir dem kommenden Morgen entgegen.

Und was soll ich jetzt großartig über den Lauf an sich schreiben? Es passierte ja erstmal nicht viel. Eigentlich passierte genau genommen gar nichts.

Alex verabschiedete sich nach 13 Kilometern und begleitete uns noch ein Stück mit dem Rad, bevor sich Chris bei Kilometer 18 für knapp sechs Kilometer dazu gesellte. Der Marathon rückte näher und war nach rund 3:45 Stunden eingetütet. Die 50 Kilometer-Marke war nahe und somit auch die erste größere Pause. Ich sehnte sie zwar nicht unbedingt herbei, dennoch freute ich mich darauf kurz zu verschnaufen, stehen zu bleiben und in Ruhe ein bisschen zu essen und zu trinken.

Bestens versorgt: Jana und Nick hatten alles am Start, um ausreichend Essen und Trinken verfügbar zu haben.

Das Gefühl war gut. So gut wie es eben sein kann, wenn man seit fast 4:30 Stunden laufend unterwegs ist. Ich muss irgendwo bei Kilometer 25 die Pace ein wenig angezogen haben, denn in der Pause lag die Durchschnittspace bei 5:20 Minuten pro Kilometer. Passt schon. Dachte ich. Ich verbuchte diese Erkenntnis als Randnotiz. Das Verhängnis sollte allerdings nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Während wir die Trinkflaschen auffüllten, trabte uns Stephan entgegen. Dass es uns nicht gelingen sollte gemeinsam die nächsten 50 Kilometer zu absolvieren, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Frohen Mutes machten wir uns auf den Weg gen Kempten, plauderten ein wenig über dies und jenes, bevor ich plötzlich realisierte, dass sich das gute Gefühl klammheimlich verabschiedet hatte. Hatte die 15-minütige Pause etwa meinen Rhythmus gebrochen? Ist das gerade das erste Tief, durch das ich hindurch muss?

Den Großteil der Strecke bin ich im Pegasus Trail von Nike gelaufen. Nach 50 Kilometer wechselte ich zwar noch in den Pegasus 37, aber da war die Schose eigentlich schon gelaufen…

Ich würde euch nun sehr gerne eine mentale Meisterleistung präsentieren oder eine Anleitung, wie ich mit diesem Moment der offensichtlichen Schwäche irgendwo zwischen Kilometer 61 und 62 umgegangen bin. Aber ich will ehrlich bleiben: Die einzige Erkenntnis, die ich nach einer haarscharfen Analyse der Situation getroffen habe, war, dass ich für diese Art von Sport offensichtlich nicht geschaffen bin.

Das Ultralaufen und ich: Body over mind

Ich bin einfach nicht der Typ, der im Sport über die mentale Komponente kommt und leider bin ich unglaublich schlecht darin, dem Kopf die wichtige Rolle einzuräumen, die er verdient. Ich beneide jeden darum, der es schafft sein Mind over seinen Body zu stellen und einen meditativen Zustand zu erreichen, in dem es schier immer weiter gehen zu scheint.

Für mich war die Sache allerdings klar und relativ simpel: Ich war total im Arsch, ich konnte einfach nicht mehr. Mein Kopf hätte sonstwas von mir verlangen können, aber der Gedanke „alles über 60 Kilometer ist doch auch gar nicht so schlecht“ erschien mir und meinen Beinen ziemlich plausibel. Es folgten zehn weitere Kilometer, die mit Sport im eigentlichen Sinne wirklich überhaupt nichts mehr zu tun hatten. Alles was ich da gerade tat, jeder weitere Schritt, war reine Körperverletzung und wahrlich nicht mehr das, was ich unter Laufen verstehe.

Als wir nach 72,7 Kilometern eine Bäckerei am Wegesrand entdeckten und dort schnell entschlossen eine Pause einlegten, war allen klar, dass es das gewesen war. Zwar rang ich innerlich noch mit mir, ob es nicht doch noch irgendwie möglich wäre zumindest die 100 Kilometer voll zu machen, aber spätestens als Nick hochgerechnet hatte, dass es mit dem Tempo des letzten Abschnitts noch etwas mehr als fünf Stunden dauern würde bis es so weit wäre, winkte ich mit den Worten „müssen wir nicht länger drüber reden“ ab. Mein erster Ultralauf endete also nach 7:15 Stunden Laufzeit und zusätzlich knapp 40 Minuten Pause.

Über Nacht musste ich mein Fußgelenk und die Außenbänder kühlen und mit Voltaren Schmerzgel einreiben. Dass ich es damit übertrieben hatte, merkte ich erst einen Tag später und lernte etwas neues kennen: Eine Voltaren-Vergiftung. Die Bilder davon erspare ich euch.

Fazit: Ultralauf = Ultrageil?

Die Faszination des Ultralaufens bleibt mir auch nach diesem Selbstversuch unzugänglich. Ich habe den Zugang zu dieser herausfordernden Art des Laufens (noch) nicht gefunden, wenngleich ich mir in Ansätzen vorstellen kann, was für diejenigen, die es lieben, das Besondere ist. Es mag sein, dass ich zu schwach fürs Ultralaufen und nicht der richtige Typ dafür bin. Auch das ist eine Erkenntnis, die mich persönlich irgendwie weiterbringt. Habe ich mal gemacht, brauche ich aber eigentlich nicht nochmal.

Ich weiß, dass sportliche Erlebnisse und Leistungen mich packen und berühren können. Vor allem, wenn sie für mich persönlich ungewöhnlich oder besonders sind. Diese Emotionen haben mich aber während des Laufs, am Ende und auch danach nicht erreicht. Gerade deshalb, weil mir das Ultralaufen so fremd bleibt, habe ich allerdings umso größeren Respekt vor allen, die darin ihre Leidenschaft, ihren Spaß und ihre Begeisterung gefunden haben!

Und man soll ja niemals nie sagen, vielleicht schaffe ich es ja doch noch irgendwann die 100 Kilometer am Stück zu laufen. Dann aber mit der richtigen körperlichen und mentalen Vorbereitung!

  • Ein Video vom Lauf ist in Arbeit! Nick hatte Kamera und Mikro dabei und wir haben versucht das Erlebnis Ultralauf so gut wie möglich für euch festzuhalten. Das Video sollte in den kommenden Tagen auf unserem YouTube-Channel online gehen, also gerne schonmal dort vorbeischauen und abonnieren, wenn ihr es nicht verpassen wollt!

8 Kommentare

  1. Vielleicht ein etwas kleineres Ziel setzen (60-70k) und sich besser vorbereiten, dann macht es auch sicher mehr Spaß. wenn ich aus dem Stand n ironman mache brauche ich mich auch nicht wundern dass es zäh wird, Vorbereitung ist alles 😀
    Ich habe im Juni aus dem marathontraining heraus mal einen 60er gemacht in 6er pace ohne Pause und kann gut nachempfinden wie es dir ging.
    Ultralaufen ist nix für „zwischendurch“, die Athleten trainieren jahrelang diese distanzen und steigern sich in der Länge sukzessive..
    Mega Respekt für den Versuch und die ehrliche Aufarbeitung! 72k sind auch schon eine Hausnummer.

  2. Schade das es nicht gereicht hat! Aber Hut ab vor den 72km und der Ehrlichkeit in diesem Blog.

    Ich hoffe du findest mal wieder eine Herausforderung für die du gnadenlos brennst.
    Und ich hoffe noch mehr das der Blog über deine nächste Herausforderung mit den Worten beginnt:
    Ich Habs geschafft. Was ein Tag, was ein geiles Gefühl;)

  3. Allein an der Vorbereitung hat man ja irgendwie schon gemerkt, dass du die Sache nicht wirklich so ernsthaft angegangen bist, wie man das hätte machen müssen. Habe meinen ersten und wohl weit besser vorbereiteten Ultrarun auch nur auf der letzten Rille ins Ziel gebracht. Im Langdistanz-Ausdauersport passieren halt keine Wunder.
    Du bist super im Hinblick auf Triathlon-Content, gerade was Interview-Führung angeht. Auf der anderen Seite, das zeigt sich ja auch oft in Geschichten aus der Vergangenheit mit Nils, warst du noch nie so der Typ für absolut zielgerichteten mittel- bis langfristigen Fokus. Also ein Typ, der einen Plan hat, diesen dann kontinuierlich verfolgt und trotz Widerständen nicht irgendwann das Handtuch wirft. Das aber brauchts halt beim Ultralauf oder auch beim Ironman (wenns nicht nur ums Finish geht). Du scheinst da mehr der spontane Typ zu sein, der was Neues cool findet und dann halt das macht. Eigentlich schade, weil ich glaube auf Basis deiner Erfolge, dass du rein sportlich definitiv das Potential gehabt hättest, dich auch mittel- bis langfristig zumindest mal im Bereich Mitteldistanz in der erweiterten europäischen Spitze festzusetzen.

  4. Riesigen Respekt, dass du es trotz deiner nicht optimalen Vorbereitung angegangen bist und dann auch noch so weit gekommen bist! Erkenntnisse hast du daraus für dich genug gezogen, da bin ich mir sicher. Danke fürs Mitnehmen und deine ehrliche und reflektierte Berichterstattung. Macht wirklich Spaß das zu lesen!

  5. Ich habe ca 10 Ultras inkl. einem Hunderter hinter mir und kann nur bestätigen dass es viel viel viel Vorbereitung braucht…. zum Teil bin ich in der Vorbereitung woechentlich einen Marathon gelaufen. Insofern kann ich mich meinen Vorrednern nur anschliessen: Vorbereitung ist alles und mit einer ordentlichen Vorbereitung macht es dann auch Spass! Ich habe dann vor 2 jahren zum Triathlon gewechselt und backe da auch wieder kleine Brötchen: erst ein paar Olympische, dann Mitteldistanzen und wenn es Covid erlaubt nächstes Jahr dann mal eine Langdistanz….

  6. Auch mal unvernünftige Dinge tun, die man nicht bis ins letzte Detail geplant hat, finde ich sehr erfrischend. Dass man dabei den Kopf anschlagen kann und fällt, gehört zum Spiel. Aber wie sagt man so schön; „aufstehen, Krone richten und weiter geht es.“ Toller, ehrlicher Bericht. Alle Achtung vor der sportlichen Leistung und dem Bericht!

  7. Dein Beitrag ist dir wirklich sehr gelungen und es ist interessant einen Einblick zu bekommen. Motiviert mich selbst wieder mit dem Laufen anzufangen.

  8. Pingback: Das erste Mal: Das Erlebnis Ultralauf

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