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Niclas-Bock-Challenge-Roth

DNF beim Challenge Roth: Zwischen Emotionen und Rationalität

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie groß meine Hoffnung und Zuversicht vor dem Challenge Roth gewesen ist, dass ich endlich mal etwas Positives zu meinem sportlichen Treiben vermelden kann. Aber wieder nix. Entsprechend groß ist die Enttäuschung und so tief sitzt auch der Frust. Ausreden gibt es keine, aber wie es mir ergangen ist und vor welchem Rätsel ich nun stehe, habe ich als Selbsttherapie im Blog aufgeschrieben.

Niclas Bock Ehrlich währt am längsten
02. Juli 2018
  • Titelbild: Tanja Lechner / Team twenty.six

Die harte Wahrheit: Es läuft einfach gar Nichts. Kein wichtiges Rennen, dass ich nach meinem Neustart in den Triathlon letztes Jahr in Angriff genommen habe, hat funktioniert. Das ist bitter, vor allem wenn man den Sport – so wie ich – unter professionellen Bedingungen und mit den entsprechenden Ambitionen betreibt. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würden nicht ins Zweifeln zu geraten.

Auch wenn ich erst letztes Jahr im Juni wieder eingestiegen bin, oder im März und April den Arm gebrochen hatte. Das lasse ich nicht gelten, weil ich es mir damit viel zu einfach machen würde und am Ende wären es nur faule Ausreden.

Challenge Roth: Der Rennverlauf

Aber nun zum Rennen und vielleicht noch ein kurzer Blick auf die Vorbereitung: Sie hätte nicht besser laufen können! Das Training war super, ich habe mich gut gefühlt, ausreichend erholt, keinen Stress in den Tagen vor dem Rennen. Alles was ich richtig machen konnte und in meiner Macht stand, konnte ich umsetzen. Logischerweise war ich heiß auf die Lang-Distanz in Roth! Ich hoffte nun endlich mal Taten folgen lassen zu können.

Und dann ging es auch gut los! Mein erstes Ziel war, dass ich in der Spitzengruppe mitschwimmen wollte und vielleicht war es auch etwas Glück, dass das Tempo an der Spitze nicht so ganz mörderisch war. Nach 47:59 Minuten kletterte ich irgendwo hinter Platz 10 gemeinsam mit einer riesen Truppe aus dem Wasser. Nach einem flotten Wechsel saß ich als Vierter auf dem Rad und so machte ich mich erstmal auf den 180 Kilometer langen Weg zu Wechselzone Zwei.

Die ersten Kilometer waren irgendwie chaotisch und es dauerte eine Weile bis sich so etwas wie eine „Ordnung“ eingestellt hatte. Aber auch die währte nicht allzu lange, da zuerst Über-Biker Cameron Wurf (Radrekord-Halter auf Hawaii), der erst letzte Woche beim IRONMAN France gestartet ist, und kurz danach Sebi Kienle in die Führung gegangen sind und das Tempo hochzogen.

Im Express Richtung Kalvarienberg

Es dauerte dann nicht mehr lange, bis sich immer wieder eine kleine Lücke zwischen dem Führungstrio Wurf-Kienle-Jesse Thomas und dem Rest der immerhin noch sieben weiteren Fahrer bildeten. An einem kleinen Hügel erkannte ich, dass aus einer kleinen Lücke dieses Mal eine große wurde und kurzerhand entschied ich mich aus der Gruppe nach vorne zu springen und die Gunst der Stunde zu nutzen.

Mir war klar, dass das die Gelegenheit war, um von der Gruppe wegzukommen – wohlwissend, dass ich das Ticket für diesen Zug nicht bis zur Endstation gezogen hatte.

Jetzt könnte man denken, dass es erstens leichtsinnig, zweiten unüberlegt und drittens über meinen Möglichkeiten war, diese Chance zu ergreifen und mich dem Wurf-Kienle-Thomas Express anzuschließen. War es aber nicht. Und ich möchte gerne erklären warum: Vor dem Rennen mache ich mir natürlich Gedanken zum Pacing und zur Strategie. Faris, als mein Coach, tut dies ebenfalls. Darüber stimmen wir uns dann ab und schmieden Pläne für den Wettkampf. Dazu gehört unter anderem die Verpflegung, aber auch welche Watt-Leistung ich fahren soll – über welche Zeiträume, im Durchschnitt, wenn Attacken gefahren werden und so weiter.

Aufgabe: Vermeidbare Fehler vermeiden

Als ich also den Weg nach vorne gesucht habe und an vierter Stelle hinter dem Spitzentrio herfuhr hatte ich genau diese Zahlen und Werte im Kopf. Und da ich in der Vergangenheit schon schmerzliche Erfahrungen gemacht habe was passiert, wenn man sich nicht an seine Vorgaben hält, war ich umso mehr bedacht dieses nun einzuhalten. Und deshalb kann ich auch feststellen, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht über meinen Möglichkeiten gefahren bin. Ich habe fleißig auf meine Ernährung geachtet und brav reingeschüttet, was ich reinschütten wollte.

Ungefähr bei Kilometer 37 stellt sich beim Challenge Roth der Kalvarienberg in den Weg. Zuerst ziemlich steil und giftig, flacht er dann schon nach ein paar hundert Metern ab. Allerdings zieht sich die Steigung nochmal knapp 2,5 Kilometer, zwar mit deutlich weniger Prozent, aber spürbar bergauf. Den Anstieg bewältigten wir noch gemeinsam, als die Jungs allerdings ab der Kuppe nicht die Füße vom Gas genommen und den Druck weiter hochgehalten haben, entschied ich mich dazu an dieser Stelle aus dem Zug zu steigen und ab hier mein eigenes Ding zu fahren.

Ich denke das war eine smarte und richtige Entscheidung. Voller Tatendrang machte ich mich auf den Weg zu den Stimmungsnestern am Kränzleinsberg und am legendären Solarer Berg.

Innerhalb meines Leistungsbereichs erklomm ich beide Anstiege und war natürlich absolut geflasht von der unbeschreiblichen Stimmung. Am Fuße des Solarer Bergs, etwa bei Kilometer 70, überholte mich Andi Dreitz und auch hier wagte ich es nicht mich zu übernehmen und hielt mich weiter an meinen Plan. Nun, dieser ging bis Kilometer 120 auch einigermaßen auf. Und dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Einbruch nach 2/3 der Radstrecke

Mehr oder weniger von jetzt auf gleich fielen meine Wattzahlen deutlich ab. Bis hierher war ich mit einer durchschnittlichen Leistung von etwas über 290 Watt unterwegs, viel mehr als 230 waren dann aber nicht mehr möglich. Ich habe mich wirklich schwer getan die Kurbel kraftvoll rumzubekommen. Und das obwohl ich ausreichend Energie zugeführt und mich zuvor nicht abgeschossen hatte.

Entschuldigt, dass ich so penetrant darauf eindresche meine Leistungsbereiche und Verpflegungsstrategie eingehalten zu haben. Ich will damit sagen: Diese beiden Faktoren sind vermutlich die aller einfachsten Erklärungen und Gründe, wenn im Rennen plötzlich nichts mehr geht. Den Fehler kann man leicht suchen und finden, nur kann ich mir das irgendwie nicht vorwerfen.

Naja, nach und nach sammelte mich ein Athlet nach dem anderen ein und ich musste es tatenlos über mich ergehen lassen. Ich konnte nicht reagieren, keinen Überholvorgang mitgehen, nichts. Ich schleppte mich in Wechselzone Zwei, wo ich nach 4:31 Stunden und mit einer durchschnittlichen Leistung von 263 Watt ankam. Das war nicht das, was ich mir vorgenommen hatte. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Auch nicht das wofür ich trainiere.

Meine persönliche Misere setzte sich auf der Laufstrecke fort. Ich lief zwar, aber das Tempo pendelte zwischen 4:30 und 5:00 Minuten pro Kilometer. Ich trotte so vor mich hin und wusste eigentlich schon, dass das alles keinen Sinn mehr hatte. Aber die Stimmung an der Strecke war einfach geil und die Anfeuerungen hörten nicht auf. Wenn es eine schöne Erkenntnis gibt, dann diese: Die ganzen geilen Leute an der Strecke interessierte es nicht die Bohne, auf welchem Platz ich oder mit welcher Zeit ich unterwegs war, sie haben mich trotzdem angefeuert als wäre ich ganz vorne mit dabei. Danke dafür, das war toll!

Fight another day

Bei Kilometer 25 stand Faris an der Strecke und die Entscheidung stand relativ schnell fest: Jetzt noch weiterzulaufen macht überhaupt keinen Sinn. Wenn es einen Gegner davon gibt, aus Rennen auszusteigen, dann ist es Faris. Aber in dieser Situation hatte er schon recht mit seinem Ratschlag, auch wenn die endgültige Entscheidung, die Flinte ins Korn zu werfen, natürlich bei mir lag. Mit einem riesengroßen Fragezeichen über den Köpfen standen wir da also am Streckenrand.

  1. Wieso läuft es im Training so gut aber im Wettkampf so schlecht?
  2. Was war das Problem, wenn ich die offensichtlichen Fehler in Sachen Pacing und Ernährung vermieden habe?
  3. Wie gehen wir der Sache nun auf den Grund?

Und an diesem Punkt stehen wir jetzt: Ursachenforschung. Denn das kann es ja noch nicht gewesen sein!

Keine Frage, das Finish sollte immer das oberste Ziel sein. Vor allem als Sportsmann und aus Respekt ist es immer eine schwierige Entscheidung, das Rennen vorzeitig zu beenden. Das ist die ehrvolle Perspektive. Aus professioneller Sicht hingegen muss man das aber vielleicht unter den gegebenen Vorzeichen anders bewerten und versuchen nüchterner zu sehen. Auch wenn es mir schwer fällt es so emotionslos zu betrachten, finde ich es dennoch auch legitim es sein zu lassen, wenn es einfach keinen Sinn mehr macht.

Natürlich hätte ich ins Ziel traben können. Aber was hätte ich am Ende davon? Als Profi trainiere ich jeden Tag wie bescheuert, um in einem wichtigen Rennen das Maximum herauszuholen. Dabei geht es mir nicht um den Sieg oder das Podium, sondern einfach um meine individuell bestmögliche Leistung. Und bei Kilometer 25 war ich davon gestern meilenweit entfernt. So gesehen war es richtig es sein zu lassen, so kann ich schnellstmöglich die Problembewältigung in Angriff nehmen, schnell wieder ins Training einsteigen und hoffentlich ziemlich bald einen neuen Anlauf im Wettkampf wagen!

In diesem Sinne bis bald, euer Bocki

4 Kommentare

  1. Ich finde es groß von dir, wenn du in solch einer emotionalen Ausnahmesituation wie der Challenge Roth, eine so konsequente Entscheidung triffst. Du hast meinen allerhöchsten Respekt.
    Du und dein Team werdet die Ursache finden und die richtigen Schlüsse ziehen. Kopf hoch, deine Fans bleiben dir treu. 💪

  2. Hallo Bocki, ich bin Hobbymountainbikerennfahrer und damit natürlich meilenweit von deiner Welt entfernt. Ich trainiere dieses Jahr seit langem mal wieder mit einer Planungsagentur und meine Erwartungen sind daher natürlich höher als sonst. Trotzdem bin ich mit meinen Ergebnissen im Rennen noch nicht wirklich zufrieden. Daher würde mich interessieren, warum bei dir Training und Wettkampf auseinander driften.Gruß Matthias

  3. Hallo,
    Wieso bringt es nix den Wettkampf zu beenden? Wäre dies nicht trotzdem eine gute Moeglichkeit gewesen, Dinge wie mentales Durchhaltevermögen und Ernährung bei voller muskulärer Ermüdung zu testen?
    Dinge, die im Training schwer zu simulieren sind?

  4. Hi Niclas,

    schade, dass das Rennen nicht nach deinen Vorstellungen gelaufen ist. Kopf hoch und weiter.
    Als Profi ist es, denke ich, legitim ein Rennen dann auch vorzeitig zu beenden, um möglichst schnell wieder in den „Job“ einsteigen zu können. Das hast du schon richtig gemacht.
    Du hast dem Rennen in 2014 deinen Respekt schon genügend gezeigt. Ich hatte am Sonntag am Ende auch einen Wandertag und auch der Gedanke an dein 2014er Rennen hat mich ins Ziel gebracht.
    War auf jeden Fall cool dich vor dem Rennen noch zu treffen und kurz abzuklatschen.

    schöne Grüsse
    Andre

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