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Test Ride: Eindrücke und Meinung zur neuen Cervélo P-Series

Dass Cervélo mit der P-Series eine Neuauflage der Ever Greens P2 und P3 auf den Markt gebracht hat, habe ich euch ja schon berichtet. Die Details der neuen Bikes gab es auch bereits zu sehen. Jetzt wird es also Zeit für die Eindrücke, die die P-Series bei mir hinterlassen hat. Über allem steht die Frage: Kann wenig Innovation trotzdem Fortschritt bedeuten?

Niclas Bock Ehrlich währt am längsten
17. September 2019 BikeNerd Equipment Radsport

Cervélo zwischen den Welten

Die Meinungen der Triathlon-Community gingen ganz schön auseinander, als ich vor ein paar Wochen die Details der neuen P-Series von Cervélo hier vorgestellt hatte. Viel mehr als ein Blick auf die Bikes war es damals nicht und es wurde zurecht eine persönliche Einschätzung und Fahreindrücke eingefordert.

Eine wichtige Message bereits vorab: Die P-Series ist weniger spektakulär, als man es mittlerweile von der Vorstellung neuer Bikes erwarten würde. In Zusammenhang mit der Entwicklung neuer Räder für den Triathlonmarkt, wird ein Begriff nämlich ziemlich inflationär verwendet: Innovation.

Und das kann ich sagen: Nein, eine Innovation ist Cervélos P-Series nicht.

Die innovativen Ansätze hat Cervélo sicherlich in die Produktreihe PX einfließen lassen. Einige werden die Räder, die aus einem Monocoque Rahmen ohne Sitzrohr bestehen, vor Augen haben. Ob sie einem am Ende gefallen oder nicht, ist, wie so oft im Leben, einfach Geschmacksache. Worauf ich aber hinaus möchte: Die P-Series ist die klassischere Baureihe von Cervélo, die auch augenscheinlich nicht den Anspruch verfolgt, neue Maßstäbe in Sachen Innovation zu setzen.

Sehr wohl ist die P-Series aber eine konsequente Weiterentwicklung der in die Jahre gekommenen P2 und P3 Modelle. Ich habe mal ein bisschen im Archiv gekramt und dabei dieses Bild gefunden:

Deutsche Meisterschaften über die Mitteldistanz 2011(!) in Kulmbach. Ich war bereits damals auf dem P3 unterwegs und durfte mich am Ende des Tages nicht nur über den schnellsten Bikesplit freuen, sondern auch über den 3. Platz in der Gesamtwertung. War aber auch ziemlich überschaubar besetzt. Zurück zur neuen P-Series!

Zahlen und Daten zum Test Ride der neuen Cervélo P-Series:

  • Testmodell: Cervélo P-Series, Farbvariante: White/Light Grey
  • Rahmengröße: 56
  • Ausstattung: Shimano Ultegra Di2
  • Laufräder: Vision 55TC Disc
  • Base Bar: Vision Trimax Carbon SI
  • Accessoires: Smartpak 400 (Bentobox), Aerobottle 500 (Trinkflasche im Rahmendreieck), Rear Hydration Mount (Halterung für Flaschenhalter hinter dem Sattel), Vision Metron Front-Trinksystem
  • Gewicht: ca. 8,9 Kilogramm
  • Preis: 6.499,00 Euro
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Das Bike der P-Series in der dezenteren Farbgebung „White/ Light Grey“.

Das Design der Cervélo P-Series: Einheitslook

Ich persönlich habe mich etwas satt gesehen an Bikes, die vor Understatement nur so strotzen. Vor ein paar Jahren fand ich es cool, wenn Räder dezent einfarbig waren und vielleicht sogar das Logo der Marke ganz schlicht in „schwarz-auf-schwarz“ abgebildet war. Mittlerweile hat sich das bei mir aber ein wenig geändert. Und daher muss ich sagen, dass es bei mir und der P-Series in der Farbvariante „White/Light Grey“ mit der Liebe auf den ersten Blick nicht funktioniert hat.

Links seht ihr mein Test Bike in der dezenten Farbvariante. Daneben Tamaras Cocktail-Bike.

Mir persönlich ist das Design in dieser Variante zu defensiv. Daher wanderten meine Blicke auch neidisch auf den Anstrich, den Tamaras Rad erhalten hatte, nämlich „Light Orange/Coral“. Ein bisschen erinnert mich der Farbverlauf, von rot zu orange, an einen frischgemixten Cocktail.

Müsste ich mich für eins der beiden Räder entscheiden, dann für die bunte Version.

Der erste kleine Kick, den man verspürt, wenn man irgendwas Neues an einem Rad entdeckt, ist leider ausgeblieben. Allerdings hat mich das nicht gestört, denn ich hatte diesen Aha-Effekt auch gar nicht erwartet. Ich hatte im Vorfeld ehrlich gesagt schon damit gerechnet, dass die neue P-Series eine klassische Modellreihe abbilden wird.

Warum ich damit gerechnet hatte? Weil es Sinn macht! Cervélo ist mit den Bikes der PX-Reihe bereits den, nennen wir ihn mal, „provokanten“ Weg gegangen. Jetzt war es an der Zeit, die Modelle, die eher für eine breitere Masse relevant sind, nachzuziehen und auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Und mit Blick auf den aktuellen Markt, finde ich, dass das gelungen ist.

Anpassung und Einstellung: Viele Möglichkeiten für individuelle Optimierung

In diesem Punkt hat mich Cervélo sofort überzeugt, denn das Rad stellt mich vor keinerlei Herausforderungen, wenn ich etwas an der Sitzposition verändern möchte. Sei es die Sattelposition, die Lenkerhöhe, die Extensions, die Armpads oder was auch immer.

Eigentlich alles, was ich anpassen wollen würde, könnte ich anpassen. Ganz alleine und ohne dabei komplett meine Nerven zu verlieren.

Ich begründe an dieser Stelle gerne meine überschwängliche Begeisterung: Bei Rädern von anderen Marken, wie zum Beispiel BMC, habe ich Stunden damit verbracht irgendwelche Kleinigkeiten zu verändern. Und für mich, als passionierter Hobbyschrauber mit mittelmäßigen Fähigkeiten, ist das schade. Ich will nicht für jede Kleinigkeit zum Radhändler gehen müssen.

Ich möchte, dass mir ein Rad nicht nur auf der Straße Spaß macht, sondern auch dann, wenn es im Montageständer eingespannt ist und ich daran schraube. Diesen Spaß bietet mir Cervélo mit der P-Series.

Der Vorbau und die Lenkerklemmung zeigen, dass ich ganz pragmatisch Einstellungen vornehmen kann. Insgesamt mag das etwas old-school sein, geht für mich aber vollkommen in Ordnung, da ich als Hobbyschrauber vor keine unnötigen und nervenaufreibenden Herausforderungen gestellt werde. Was ich mir allerdings wirklich gewünscht hätte: Eine saubere Integration der Di2-Verteilerstation. Die Anbringungen unterhalb des Vorbaus hinterlässt einen unaufgeräumten Eindruck.

Wie schlägt sich die P-Series auf der Straße?

Nachdem wir meine Meinung zum Design geklärt haben und ich meine Begeisterung für einfache Handhabung mit euch geteilt habe, wird es Zeit für den Test Ride! Was kann die P-Series auf der Straße? Oder besser gefragt: Wie performed das Bike auf schnellen, flachen Strecken? Was geht im Anstieg bergauf? Und wie lässt es sich durch eine Abfahrt und technische Passagen steuern?

Ich traue mir zu, dass ich bereits nach ein paar Stunden eine sehr gute Einschätzung über ein Rad abgeben kann. Seitdem ich 2006 mit Triathlon angefangen habe, bin ich nicht nur über 100.000 Kilometer geradelt, sondern saß wahrscheinlich auch auf allen relevanten Bikes, die der Markt zu bieten hat.

Und trotzdem ist eine Jungfernfahrt immer wieder etwas besonderes. Verdammt nochmal, erstmal ist jedes neue Fahrrad geil!

Nun galt es allerdings dieses Gefühl abzuschütteln und sich auf den Test Ride zu konzentrieren. Also ab in die Aeroposition und los geht’s! Das Bike verhält sich im Antritt überraschend agil und aggressiv, das bin ich von Triathlon- und Zeitfahrrädern nicht gewohnt. Vor allem von Canyon, Cube oder Scott kenne ich deutlich trägeres Verhalten, wenn es um die Beschleunigung geht.

Und ehrlich gesagt ist es genau das, was ich an dieser Stelle bei der P-Series vermisse: In Aeroposition möchte ich ein ruhiges Bike unter mir haben, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit immer stabiler verhält und bei dem gefühlt jegliche Power in Vortrieb umgewandelt wird. Bei Cervélos neuem Rad fehlt mir diese Trägheit und Laufruhe etwas. Vor allem bei Geschwindigkeiten von über 40 km/h im Flachen finde ich die P-Series zu flattrig. Das mag auch daran liegen, dass das Design der P-Series auf große Flächen (die bei anderen Marken durch flächige Rohr- und Rahmenprofile entstehen) verzichtet. Just my two cents.

Allerdings weiß ich auch, dass ich mich unter diesen Voraussetzungen auf die Passagen am Berg freuen kann.

Und meine Vorfreude soll nicht getrübt werden: Das agile Verhalten im Antritt hat mich vermuten lassen, dass sich das Rad am Berg entsprechend spielerisch fahren lässt. Und tatsächlich: Sobald das Profil anspruchsvoller wird, sich Steigungen in den Weg stellen, spielt die P-Series ihre Stärke aus. Wenn ich es einfach beschreiben sollte: Es fährt sich in diesem Terrain wie ein Rennrad. Sei es im Wiegetritt oder im Sitzen, aber am Berg habe ich das gute Gefühl, dass das Bike richtig nach vorne geht. Fahrspaßfaktor 100!

Bleibt noch die Frage, wie es bergab und in technischen Abschnitten aussieht. Ich sage: Es kommt darauf an. Die Antwort mag etwas schwammig sein, aber ich erkläre sie auch gerne: Wenn es eine wirklich anspruchsvolle Abfahrt ist (enge Kurven, schmale Straßen, wenig Platz für Fahrmanöver), dann ist das Rad eine echte Waffe. Die Agilität und das sensible Handling kommen der P-Series dann definitiv zugute. Ist es allerdings eine sanftere Abfahrt, die ich auch sicher bei hoher Geschwindigkeit und in Aeroposition fahren kann, dann fehlt mir erneut ein wenig meiner geliebten Laufruhe eines Aero-Bolidens.

Zusammengefasst: Die Bikes der P-Series fahren sich bergauf und in technischen bergab Passagen wie ein Rennrad. Im Flachen gibt es Abzüge in Sachen Laufruhe.

Fazit meines Test Rides der neuen Cervélo P-Series

Ich finde die P-Series ist eine angebrachte und zeitgemäße Weiterentwicklung von Cervélos Produktpalette. Mit der PX-Reihe hat Cervélo bereits gezeigt, dass sie dazu bereit sind neue und innovative Wege einzuschlagen. Diesen Weg verfolgt die P-Series nicht. Dafür bietet sie die Möglichkeit eines klassischen, hochwertigen und extrem qualitativen Rades. In Sachen Verarbeitung müssen wir uns bei einer Marke wie Cervélo nicht länger unterhalten, hier bleiben keine Wünsche offen.

Und Qualität hat ihren Preis: Der Einstieg ist mit rund 3.200 Euro möglich. Dafür gibt es die Bikes der P-Series mit einer Shimano 105er-Ausstattung, 30mm Felgen von Vision und einer Lenkereinheit aus dem Hause Zipp. Mein Test Bike (mit der oben beschriebenen Ausstattung: Shimano Ultegra Di2, 50mm Felgen von Vision, usw.) ist für 6.499 Euro zu haben. Für eine Ausstattung mit Srams Force eTap AXS1 legt man 7.499 Euro auf den Tresen. Das ist viel Geld, keine Frage. Für die Preisstrukturen des Triathlonmarkts allerdings keine überraschende Spanne (wenn man den Verkauf über Radhändler als Vergleich nimmt).

Empfehlen würde ich die P-Series dann, wenn ich wüsste, welche Ansprüche und Einsatzzwecke jemand damit verfolgt: Möchte jemand beim Ironman Hamburg oder auf einer topfebenen Radstrecke auf Bestzeitjagd gehen? Dann wäre ich zurückhaltend. Möchte jemand vor allem auf anspruchsvollen Strecken racen und auch im Training stets Spaß haben? Dann hätte ich keine Mühe meine Empfehlung auszusprechen. Ein Pluspunkt, den ich aber definitiv besten Gewissens nennen kann:

Die P-Series von Cervélo bietet Räder, die hochqualitativ verarbeitet sind und die jeglichen Freiraum für individuelle Anpassungen lassen.

Weiterführende Links:

Für diesen Testbericht wurde mir das Rad (welches ich nach den Testfahrten zurückgegeben habe) von Cervélo zur Verfügung gestellt.

1 Kommentare

  1. Das ist doch mal ein wirklich schön differenzierter Testbericht, vielen Dank! Als Besitzer eines älteren P3 hab ich jetzt das Gefühl, gut einschätzen zu können, inwiefern ein Neukauf Sinn ergibt.

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