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Agegrouper-Blog zum Ironman 70.3 Dresden: Anything is possible

30.07.2022 · 6 Min. Lesezeit · von Lena

Triathlon Räder

Für 2.000 Triathleten ist es eine Race-Week ohne Race: Dreieinhalb Tage vor dem Startschuss wurde die Premiere des Ironman 70.3 Dresden abgesagt. Schockierend ist aber nicht die Absage, sondern der Umgang mit den Athleten, findet Rookie-Reporterin Lena. Sie stand selbst auf der Startliste. Ein Blog direkt aus der Agegrouper-Realität …

„Willkommen in der Rennwoche“ –  mein erster Gedanke zu dem Betreff dieser Mail, die mich als Teilnehmerin des Ironman 70.3 Dresden am Dienstag, dem 26. Juli, um genau 11:45 Uhr erreichte: „Geil, jetzt kommt Race-Feeling auf!“ Schließlich waren darin echte Gänsehaut-Sätze zu lesen. Zum Beispiel: „Wir bauen Zelte auf, pumpen Schwimmbojen auf und bereiten uns darauf vor, in Dresden den roten Teppich für dich auszurollen!“ oder „Stelle sicher, dass du wichtige Ereignisse wie das Athletenbriefing und den Bike-Check-In nicht verpasst, also schnapp dir deinen Kalender und trage sie dir ein.“ Tatsächlich kam ich also in Stimmung, was angesichts des vorangegangenen Radstrecken-Dramas Balsam für die strapazierten Athleten-Nerven war. Mit Blick auf den Verlauf der darauffolgenden 26 Stunden wirkt die Mail heute allerdings wie ein schlechter Witz – mit bitterer Pointe.

Denn am folgenden Tag um genau 14:03 Uhr trudelte schließlich eine ganz andere Mail ins Postfach. Der trügerisch-triviale Betreff: „Ironman 70.3 Dresden – Event Update“. Da war sie also, die offizielle Absage der Erstausgabe des Mitteldistanz-Rennens in Sachsen. Oder auch die Absage eines Rennens, auf das sich 2.000 Athleten mitunter akribisch monatelang vorbereitet haben. Eines Rennens, das trotz „Ich mache das aus freien Stück und weil ich Spaß daran habe!“-Status Ressourcen gekostet hat – vor allem Zeit und Geld. Und eines Rennens, das mir zwar nicht den ersehnten Finishline-Moment, aber Zweifel an der Empathiefähigkeit von Ironman gegenüber seinen Athletinnen und Athleten beschert hat.

Alles ist möglich – oder halt nicht

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dass ein Rennen abgesagt werden muss, kann passieren – das ist auch mir als Athletin klar. Wir alle haben in den letzten Jahren zwangsläufig gelernt, mit Planänderungen umzugehen. Schwierig, aber passiert.

Und, nein, ich bin auch nicht verärgert, weil ich vermeintlich „umsonst“ trainiert habe. Das Training hat mir nicht schlecht getan. Im Gegenteil: Ich bin fit und ich habe Bock, die nächste für mich vor einem Jahr noch völlig unvorstellbare Mitteldistanz ins Ziel zu bringen. Und, ja, mir ist auch bewusst, dass ich selbst dafür verantwortlich bin, mein Hotel mit einer unflexiblen Stornierungsoption und ohne Reiserücktrittsversicherung gebucht zu haben und somit nun auf rund 400 Euro Hotelkosten zu sitzen. Mein Fehler – schon klar.

Was ist Triathlon (uns) wirklich wert?

Aber was mich ärgert, ist die Respektlosigkeit, die mir als Athletin für meine Bereitschaft für all diese Investments – ob nun finanzieller, zeitlicher oder motivationaler Art – im Rahmen der Absage vermittelt wird. Respektlos, weil ich so kurz vor knapp informiert wurde, dass bei mir das Gefühl entsteht, es sei doch einerlei, ob ich nun am Wochenende Triathlon mache oder nicht. Dabei ist genau das für die meisten Agegrouper eine Riesen-Sache, ein Commitment, das einen respektvollen Umgang verdient.

Respektlos ist es aber auch, weil ich mit vagen Aussagen zu möglichen Planänderungen konfrontiert werde – und Stand heute schlichtweg nicht gesichert weiß, was mit meinem Geld passiert. Kommen zu den bereits in den Sand gesetzten Hotelkosten sowie weiteren Nebenkosten (Babysitter für lange Radausfahrten, finaler Bike-Check etc.), am Ende auch noch 388,90 Euro Startkosten hinzu (329 Startplatz, 25 Euro Tageslizenz, 34,90 Bearbeitungsgebühr)? Eventuell kann ich angebotene Optionen gar nicht wahrnehmen. Und im Interview mit „tri-mag.de“ formuliert Oliver Schiek in Bezug auf eine Rennverschiebung in den September aktuell wenig konkret: „Für manche wird das keine Option sein und für diese Athleten wird es flexible Lösungen geben, die wir uns im Einzelfall anschauen müssen.“ Huiuiui – nicht, dass am Ende „nothing“ wirklich „possible“ ist!

Sicher, zu letzterem Punkt werde ich laut Ironman am 5. August 2022 informiert. Aber es macht für mich einen Unterschied, sofort zu wissen, ob ich 500 Euro oder knapp 900 Euro verloren habe. Ist einfach so. Und wenn ich lese, „Wir werden allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bis zum 5. August ein weiteres Update geben und danken dir schon jetzt für deine Geduld in dieser schwierigen Zeit.“, dann frage ich mich schon, für wen genau diese Zeit gerade schwieriger ist. Oder um es mit den Worten von Bocki zu sagen: „Aktuell hat die ganze Nummer nur für Verlierer gesorgt: die Athleten, die nicht starten können, Ironman als Veranstalter, der nicht liefern kann, und die Stadt Dresden, die an diesem Wochenende ohne den erwarteten Triathlon-Tourismus bleibt.“

Friendly reminder: Gelebte Verantwortung heißt …

Wenn ich außerdem darüber nachdenke, dass zum Zeitpunkt der Absage bereits Leute im Flieger saßen, sogar Profis bis dahin uninformiert blieben – obwohl Triathlon für sie eben kein Spaß, sondern Existenz ist – und auch Menschen aus dem Organisationsteam schon verdammt viel Herz, Schweiß und Stress in dieses Rennen gesteckt hatten, dann läuft es mir an Respektlosigkeit kalt den Rücken herunter.

Denn ein Rennen, das dreieinhalb Tage vorher offiziell abgesagt wird, da „die erforderlichen Standards für die Strecke bis zum Renntermin an diesem Wochenende nicht umgesetzt“ werden können, das hätte womöglich auch eine Woche vorher aus diesem Grund abgesagt werden können. Also so, dass der Schaden auf Athletenseite eventuell noch etwas vermindert hätte werden können. Und wenn das nicht möglich war, möchte ich Erklärungen und maximale (!) Transparenz haben, statt dass man sich bei mir mit nett formulierter „großer Enttäuschung“ immerhin „entschuldigen“ möchte. Warum maximale Transparenz? Weil das immer noch die höchste Form des Respekts ist, die man dem Gegenüber in der Kommunikation entgegenbringen kann – und wertvoller als jedes Bedauern.

  • Randnotiz: Eine Presseanfrage mit der Bitte um einige Erklärungen nach einem Artikel auf „mdr.de“ zur bereits am Vortag (!) vermuteten Rennabsage blieb seitens Ironman übrigens unbeantwortet bis heute (Stand: 30. Juli 2022).

Weiter, immer weiter – aber anders!

Zugegeben: Das klingt mindestens so polemisch, wie es gemeint ist. Ich kann und will mich auch nicht davon freisprechen, persönlich be- und getroffen zu sein. Objektivität? Ausnahmsweise geschenkt!

Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, diese Gedanken zu teilen. Denn eine Hoffnung habe ich: dass sie selbst den mächtigsten Veranstaltern ein Anhaltspunkt zur empathischen Kommunikation mit ihren Athletinnen und Athleten sind – eben einer Kommunikation, die der Lebensrealität ihrer Basis entspricht.

Startgebühren sollten nicht nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern etwas wert sein, sondern auch dem Veranstalter. Denn auch wenn 388 Euro im Schatten einer Millionen-Veranstaltung quasi nichtig wirken, so sind sie für die Einzelnen doch vielleicht eine ganze Menge. Eine (halbe) Monatsmiete, ein Teil des Sommerurlaubs, das Ergebnis von eisernem Sparen. Und sie sind vor allem ein Zeichen des Vertrauens, dass ein Event von der Ausschreibung an im Sinne des Zahlenden organisiert, ausgerichtet oder im schlimmsten Fall eben auch abgesagt wird. Aber Mailings, die mit einer „bestätigten“ Radstrecke (Mail: 21. Juli 2022, 16:33 Uhr) noch eine Woche vorher Sicherheit suggerieren, zu langes Schweigen oder zu späte offizielle Statements zur Absage sowie offene Fragen über den Race-Day hinaus sind ganz sicher nicht im Sinne der Basis.

Ausblick mit Weitblick

Um das Ding hier lösungsorientiert zu beenden: Lebensrealitätsnahes Denken und Handeln ist das, was ein Sport wie Triathlon in der Breite benötigt, um überhaupt eine Zukunft zu haben. Und zwar mehr als jeden Boykott!

So bleibt abschließend nur zu hoffen, dass alle Beteiligten daraus gelernt haben. Ohne Reiserücktrittsversicherung buche ich jedenfalls kein Hotel mehr. Ob ein Veranstalter wie Ironman künftig empathischer kommuniziert, wird sich zeigen. Die eine oder andere Möglichkeit, sich in der Krisenkommunikation zu beweisen, kommt bestimmt …

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