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Ironman ohne Schwimm-Auftakt: Kann man das Schwimmen verlernen?

29. April 2021


IRONMAN Hamburg

Vor ein paar Tagen platzte die Nachricht bei vielen Triathleten ins Haus: Ironman räumt den angemeldeten Athleten die Möglichkeit ein, sich vom Schwimmen frei zu machen und ihren Wettkampf in einen Duathlon umzuwandeln. Nach langer Schwimmabstinenz ist das für viele Sportler:innen erstmal eine Option. Was wiederum zur Frage führt: Kann man das Schwimmen verlernen?

Wir haben lange nicht mehr im Wasser trainiert und wissen vielleicht gar nicht mehr wie das geht. Die Erinnerungen an das letzte Schwimmtraining sind verblasst und Viele sind sich unsicher, derart unvorbereitet in ein Rennen zu starten. Kann es sein, dass von der guten Schwimmform im letzten Jahr nichts mehr übrig ist? Wir wollen in diesem Beitrag kurz darüber aufklären, ob ihr das Schwimmen verlernen könnt, oder ob es, wie man es über das Radfahren sagt, nicht zu verlernen ist.

Wie so oft, ist das nicht direkt pauschal zu beantworten. Natürlich verlieren wir mit jedem Tag, an dem wir nicht im Wasser sind, unsere schwimmspezifische Fitness und unser Wassergefühl geht (teilweise) verloren. Auf der anderen Seite trainieren wir kompensatorisch mehr Athletik und/oder machen Zugseiltraining. Aber was genau verschlechtert sich tatsächlich und wie schnell ist es wieder aufzuholen?

Im wesentlichen sind es drei Dinge, die hier eine Rolle spielen:

  1. Bewegungserinnerung
  2. Herz-Kreislauf-System
  3. Muskulatur

1. Schwimmen ist wie Radfahren eine Bewegungserinnerung

Durch viele Wiederholungen lernt unser Körper möglichst akkurate Bewegungen zu vollführen. Diese Bewegungen werden nicht wie bspw. Erinnerungen an Ereignisse oder Faktenwissen, welche schnell verblassen, abgespeichert.

Erlernte Bewegungen sind sehr viel nachhaltiger und können auch noch nach Jahren reaktiviert werden. Tief in unserem Gehirn sind dabei feste Neuronenverbindungen entstanden, die sich nur durch Verletzungen wie Gehirnerschütterungen auslöschen lassen. Im Gegenteil zu Faktenwissen, welches einfach durch neues Wissen überschrieben wird.

Wichtig für die Bewegungserinnerung ist dabei die Größe der neuralen Struktur. Umso häufiger wir bestimmte Bewegungen in der Vergangenheit wiederholt haben, je größer und fester sind diese Verbindungen. An dieser Front ist also Entwarnung zu geben: Ihr habt das Schwimmen auch nach sechs Monaten nicht verlernt!

2. Regelmäßiges Training verbessert den Energietransport zu unserer Muskulatur

Unser Herz pumpt effizienter und das Blut kann mehr Energie transportieren. Es nimmt den Sauerstoff über die Lungen auf und transportiert es bis zu den Muskeln, von denen es wiederum Kohlendioxid aufnimmt, welche es an die Lungen zum ausatmen weiter gibt. Trainieren wir dieses System nicht regelmäßig, wird es ineffizienter. So nimmt die Menge unseres Blutes ab, die roten Blutkörperchen, welche den Sauerstoff transportieren werden weniger und unsere Muskulatur wird weniger stark durchblutet.

Allerdings ist dieser Abfall schnell wieder aufzuholen. Gerade auch das Training der anderen Sportarten hat diese Funktionen weiter trainiert. Es sollte daher kein Problem sein auch hier schnell wieder an die alte Form anzuknüpfen.

3. Trainierte Muskulatur weist Erinnerungsfunktion auf

Wer schon einmal richtig fit war, der kann schnell wieder spezifische Muskulatur aufbauen und zu alter Stärke zurück finden. Die durch das Training von Radfahren und Laufen verloren gegangene Armmuskulatur bildet sich damit deutlich schneller zurück, als das beim erstmaligen Muskelaufbau der Fall war. Wer dies nochmal rekapitulieren will kann dies in einem Beitrag zum Muskel Memory Effekt bei Pushing Limits nachlesen.

Summa Summarum ist es also kein Problem nach längerer Pause wieder voll einzusteigen. Was aber ist das Problem, wenn wir wieder ins Schwimmen einsteigen? Warum sind wir unfitter als vorher?

Sinnfrage: Use it or lose it

Zum einen ist die Wahrnehmung unserer Sinne nach vielen Wochen Pause nicht mehr die Gleiche wie vorher. Sofern wir nicht aktiv weiter mithilfe von Sensibilitätsübungen an unserer Propriozeption, an der Oberflächenwahrnehmung unserer Haut oder an unserem Gleichgewicht gearbeitet haben, sind diese Sinne für das Schwimmen taub geworden. Wir spüren unsere Bewegungen nicht mehr akkurat und können sie daher schlechter ansteuern. Dies wurde auch schon in (grausamen) Tierversuchen nachgewiesen. Trennte man die sensorischen Nervenfasern eines Armes von Affen ab, benutzten diese den Arm nicht mehr. Zwar lernten die Tiere mit der Zeit den Arm wieder zu nutzen, aber es kostete sie viel mehr Energie als vorher, da sie aktiv darauf schauen und achten mussten, was sie gerade tun.

Zwar durchtrennen wir nicht unsere Nervenfasern, aber mit der Zeit verschlechtert sich unsere Sinneswahrnehmung, wenn wir unsere Sinne nicht aktiv nutzen. Gertreu dem Spruch „Use it or lose it“ nehmen wir diese nicht mehr so gut war. Befinden wir uns im Wasser werden unsere Sinne permanent stimuliert und somit in Stand gehalten. Im übrigen ist dies auch der Hauptgrund, warum das Schwimmenlernen im Alter so schwer ist: Die epikritische Sensibilität, also unsere Feinwahrnehmung unserer Körperoberfläche, kann das Wasser nur unzureichend spüren, da sie nicht ausreichend trainiert worden ist. Wassergefühl ist und bleibt somit für viele ein Fremdwort.

Reflexartig langsamer

Ein weiteres Problem sind unsere Reflexe. Sind wir unter Stress, wird beispielsweise der Tauchreflex, der das Eindringen von Wasser in die Lunge verhindert, zum Problem. Wir können beim Einatmen knapp über der Wasseroberfläche diesen Reflex nicht mehr kontrollieren und geraten dadurch in eine Atemnot und noch mehr Stress. Dadurch wird wiederum der Atemreflex stimuliert, der bei hohen CO2-Werten im Blut, also durch Atemnot, getriggert wird. Wir wollen dann noch mehr atmen und können unsere Technik nicht mehr halten. Wir werden langsamer und verbrauchen gleichzeitig mehr Energie.

All das können Gründe sein, warum wir uns im Wasser unwohl fühlen und deutlich langsamer Schwimmen. Wir sind vermeintlich komplett außer Form, obwohl wir nur gestresst, weil überfordert sind.

Wenn wir also wieder einsteigen, müssen wir uns bewusst machen, dass wir uns vor allem wieder an das Wasser gewöhnen müssen, anstatt unsere Schwimmform wieder aufzubauen. Lasst euch Zeit und bleibt entspannt, denn damit lernt ihr eure Bewegungen zu kontrollieren und sauber zu Schwimmen – so wird auch eure Kraft und schwimmspezifische Ausdauer zurück kommen.

Bis es soweit ist, versucht eure Sinne nicht einstauben zu lassen und eure schwimmspezifische Muskulatur weiter zu trainieren. Wie das geht und welche Möglichkeiten es gibt, erfahrt ihr jeden Montag und Freitag um 18:30 Uhr bei unserem Zugseiltraining auf der Instagram-Seite „Schwimmcoach“.

3 Kommentare

  1. Hallo,
    Ich hatte Gelenheit denn ganzen Monat Februar zu schwimmen und kann beisteuern, dass es bei mir zwei Wochen jeden Tag eine Stunde im Wasser gedauert hat, um den Status Ende Oktober wieder her zu stellen. Am schwierigsten war die erste Huerde sich wieder daran zu gewöhnen die ganze Zeit mit dem Kopf unterwasser zu sein.
    LG aj

  2. Zunächst einmal wurde Niemand in den letzten Monaten vom Schwimmen abgehalten. Aber wer schon in sonnig-warmen Sommern übers Schwimmen jammert, sollte vlt kein Triathlon machen. Es gehört nunmal dazu. Und ja, ich bin dann auch in den See gegangen. Grundlagenausdauer und Kraft, Stabi … blablabla muss und kann man ja auch außerhalb des Wassers praktizieren. Mit Sicherheit bin ich langsamer im Wasser als vor einem Jahr. Trotzdem kann ich doch jetzt ein paar Km schwimmen im Wettkampf. Aber naß und kalt und dunkel waren auch tolle Ausreden nicht zu laufen oder zu radeln.

  3. Ich geb Karste recht. Wasser ist nunmal nass und kalt. So ist das Leben. Und Wenn man beim Schwimmen jetzt mal keine neue persönlichr Bestzeit schwimmt, sollte immer daran gedacht werden, dass es den anderen genauso gehen wird. Aber Schwimmen gehört nunmal dazu.