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Ironman VR1: Virtuelle Ironman-Premiere mit Stärken und Schwächen

06. April 2020


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Das VR1 von Ironman ist Geschichte. Im Zuge des neuen Ironman Virtual Clubs feierte das dazugehörige virtuelle Rennprogramm am Wochenende Premiere. Innerhalb von drei Tagen mussten 5 und 21 Kilometer gelaufen, sowie 90 Kilometer radgefahren werden. Rund 11.000 Athleten waren dabei! Die Meinungen über das neue Format gehen nach der Premiere jedoch auseinander.

Es ist beachtlich: Das VR1 wurde von Ironman nur knapp zwei Tage, bevor es losgehen sollte, vorgestellt. Quasi über Nacht waren bereits über 3.200 Athleten angemeldet und letztendlich hatten sich rund 11.000 Sportler in die Meldeliste eingetragen. Der Anmeldeprozess erfolgt wie zu einem ganz normalen Ironman oder Ironman 70.3 – allerdings kostenlos. Ob die Teilnahme an der VR-Serie auch zukünftig kostenfrei sein wird, ist noch nicht sicher, aber so wirklich daran glauben will niemand.

Ironman VR1: Das „Rennformat“

Die Aufgabe vom Wochenende lautete: Die Teilnehmer hatten von Freitag bis Sonntag Zeit, um in beliebiger Reihenfolge und auf beliebige Art 5 und 21 Kilometer zu laufen und 90 Kilometer auf dem Rad zurück zu legen. Regeln oder Vorschriften mussten dabei nicht beachtet werden. Die Leistungen mussten per GPS-Uhr und Radcomputer aufgezeichnet werden und wurden dann per Synchronisierung mit einer Trainings-App (Garmin Connect, Strava, etc.) in die virtuelle Welt von Ironman eingespeist. Diese Daten waren dann Grundlage für die Ergebnisse. Wie die Streckenprofile oder Witterungsbedingungen aussahen, wurde nicht berücksichtigt. Und logischerweise war auch keine Kontrolle möglich, ob jeder die hochgeladenen Leistungen selbst erbracht hat oder ob sonst wie geschummelt wurde.

Es fällt mir ein bisschen schwer, diese Art des Sporttreibens als Wettkampf oder Rennen zu bezeichnen. Denn das ist es eigentlich nicht, auch nicht in der virtuellen Welt. Zwar absolviert jeder Teilnehmer die einzelnen Disziplinen und Distanzen, aber die Vergleichbarkeit – die normalerweise innerhalb eines Rennens vorgegeben ist -ist bei Ironman VR schlichtweg nicht vorhanden. Und vermutlich wird sie auch nicht herzustellen zu sein.

Das VR-Format ist eine geniale Möglichkeit, um Triathleten zu motivieren und zu pushen und bei 11.000 Teilnehmern sieht man auch, dass das hervorragend funktioniert. Aber ein Wettkampf-Format ist es nicht.

Stärken und Schwächen: Austricksen leicht gemacht?

Übers Wochenende haben sich viele Triathleten gemeldet und von ihren Erfahrungen und Eindrücken erzählt. In einer Sache waren sich eigentlich alle einig: Es hat schon irgendwie Bock gemacht! Auch wenn das Feeling, das Kribbeln vor dem Start, die Stimmung am Streckenrand und der Flair eines Rennens fehlen mögen, so hatten alle ihren Spaß. Und das ist doch irgendwie nice: Bei Wettkämpfen gibt es immer jemanden der hadert, jammert oder um keine Ausrede verlegen ist. Den Eindruck habe ich nach dem Ironman VR1 nicht.

Jeder scheint zufrieden und happy. Vielleicht ist das ein Vorteil von so wenig Regeln und so viel Freiheit? Auf jeden Fall ist das eine schöne Erkenntnis!

Auch einer unserer ganz treuen Leser hat sich gemeldet. Vincent hat sich nämlich auf die Suche nach Schwachstellen begeben und wollte herausfinden, wie sich das technische System bescheißen lässt – investigative Recherche sozusagen. Jedenfalls hat er eine Menge ausfindig machen können. Auch über Instagram kam die ein oder andere Nachricht, mit einigen Hinweisen auf Schwachstellen. Eine Auswahl:

  1. Laufband-Laufen: Wenn man auf dem Laufband läuft und eine Uhr hat, die die Pace allein über die Armbewegung bestimmt (wenn man keinen Fußsensor hat), kann die Pace sehr stark von der auf dem Laufband eingestellten Geschwindigkeit abweichen. Mit meiner Polar V800 zum Beispiel landet man schonmal bei einem lockeren Einlaufen im Fitnessstudio nach 17 Minuten bei 5 Kilometer.
  2. Alte Aktivitäten einspeisen: Es reicht, dass man eine von seinen alten Aktivität aus Strava, Garmin oder Polar herunterlädt, dann das Datum auf Fr/Sa/So (also den entsprechenden VR-Eventzeitraum) ändert und wieder hochlädt. Und schon wird das Ganze als „abgeleistete“ Aktivität gezählt.
  3. Verschleierungstaktik: Man muss die Aktivitäten nur einmal kurz auf Strava hochladen, warten bis diese bei Ironman synchronisiert sind und kann die Einheit bei Strava wieder gelöscht werden, um “zu vermeiden” dass sich jemand die Einheiten genauer anschauen kann.
  4. Zeitzonen-Defizit: „Bin Freitag die 5 Kilometer eine Stunde zu frühe gelaufen, da ich die amerikanische Zeitzone nicht bedacht hatte, in der das VR1 stattfindet. Also mit ordentlich Wut im Bauch ein zweites Mal 5 Kilometer geballert – leider ungültig! Ich habe wohl zu viele Einheit hochgeladen, es sind nämlich nur vier pro Tag möglich. Mit meinen Warm-Ups und Cool-Downs war es dann zu viel. Eine Info, dass es das zu beachten gilt, stand nirgendwo.“

Es würde mich brennend interessieren, welche Erfahrungen ihr gemacht habt? Haut sie gerne hier in die Kommentare unter dem Beitrag oder via Facebook unter das Posting. 

Ach ja, Vincent hat am Wochenende eine Schwimmrunde im Freiwasser gedreht – mit GPS-Uhr und dementsprechend unzuverlässiger Distanz-Angabe. Der Ironman-App war das auch zu schnell – also offensichtlich scheint es Möglichkeiten zu geben, um erbrachte Leistungen automatisiert in Frage zu stellen und nicht anzuerkennen. Das sieht dann so aus:

Ironman VR1 Screenshot

Ein Blick in die Ergebnisliste zeigt, dass es vielleicht auch am Wochenende beim VR1 Sinn gemacht hätte, zumindest mal die ein oder andere Leistung zu überprüfen. Eine Zeit von 1:32:16 Stunden (Kyle Meyerholtz, AG 25-29) für 90 Kilometer erscheint doch irgendwie unrealistisch, aber vielleicht wollte Kyle auch nur ein paar Schwachstellen herausfinden und ist offensichtlich fündig geworden! Jedenfalls ist er die 90 Kilometer tatsächlich gebrettert. Bergab. Mit 192 Watt Durchschnitt (siehe Strava). Ebenfalls in Frage stellen könnte man die Leistung von Loic Hélin aus der Altersklasse 40-44: Er benötigte 1:45:36 Stunden für den Bikepart.

Es finden sich massenhaft Zeiten unter zwei Stunden, also mit einem Stundenmittel von über 45 km/h.

Übrigens auch bei den Frauen: Ungeschlagen Kelly Hilman, die mit 1:38:47 Stunden, also etwa 55 km/h, die 90 Kilometer radelte. Nun ja, wie dem auch sei. Es geht nicht darum hier irgendwen an den Pranger zu stellen, sondern einfach um zu zeigen, dass die erbrachten Leistungen durchaus unrealistisch sein können. Und natürlich gilt das auch nicht für alle! Aber wenn es ein Wettkampf-Format sein soll, das zukünftig vielleicht sogar Teilnahmegebühren kosten soll, dann muss irgendwas daran getan werden. Und sollten tatsächlich irgendwann mal unter diesen Umständen Slots für eine Ironman- oder Ironman 70.3-Weltmeisterschaft vergeben werden, dann wäre das zumindest fragwürdig.

Eure Meinung: Habt ihr beim VR1 mitgemacht?

Ich finde es generell spannend, was Ironman mit dem Virtual Club und diesem neuen Format auf die Beine stellt. Ja, ich finde das cool! Natürlich gibt es Kinderkrankheiten, aber es hängt ja auch noch nichts dran, ist es kostenlos und im Moment einfach ein nettes Gimmick für Triathleten.

Habt ihr vielleicht am VR1 teilgenommen? Wie hat es euch gefallen? Was war gut, was kann besser werden? Und würdet ihr in Zukunft Teilnahmegebühren bezahlen? Lasst gerne mal hören!