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Verantwortung und Vorbild: Wie weit geht die Rolle des Bundestrainers?

20. April 2020


Faris Al-Sultan als Bundestrainer lächelnd in der schwarz-rot-goldenen Jacke der Deutschen Triathlon Union

Faris Al-Sultan gehört zu den schillernden Persönlichkeiten der Triathlonwelt. Als ehemaliger Hawaii-Champion, Doppel-Weltmeister-Coach von Patrick Lange und mittlerweile Bundestrainer der Deutschen Triathlon Union (DTU) hat sein Wort Gewicht. Über das Verhalten von Faris auf seinem Twitter-Account bin ich, als sein ehemaliger Schützling und Faris-Fan, jedoch erstaunt. Was darf sich ein Aushängeschild des Sports, ein Bundestrainer mit Verantwortung und Vorbildfunktion, in der Öffentlichkeit erlauben? (Titelbild: DTU)

Faris war schon immer jemand, der sein Herz auf der Zunge trägt. Er war und ist jemand, der sagt, was er denkt. Im Sport allgemein, und im Triathlon speziell, tut das mitunter richtig gut. Vor allem weiß jemand, wie er, bei Triathlonthemen Bescheid und wovon er spricht. Seine Erfahrungen, seine Erfolge und seine emotionale, wortgewandte Art sind eine seltene Mischung in der Triathlonszene. Entsprechend hoch ist das Interesse an der Person Faris Al-Sultan – in Sportlerkreisen.

DTU-Bundestrainer: Ein Amt mit Verantwortung

Das Amt als Bundestrainer der DTU, welches er seit rund anderthalb Jahren bekleidet, brachte viele Veränderungen mit sich. Der beliebte Freigeist und Querulant, der Faris einmal war, wagte den Schritt in die organisierten Strukturen eines Verbandes. War er zuvor ausschließlich für sich selbst und seine Athleten verantwortlich, so muss er seit Oktober 2018 Rücksicht auf den Dachverband des Deutschen Triathlonsports nehmen. Er muss mit Hierarchien klarkommen, sich unterordnen und eine Rolle erfüllen.

Eine Rolle, die in einer sportlichen Öffentlichkeit mit Verantwortung gegenüber dem Triathlonsport in Deutschland und den Athleten der DTU-Nationalmannschaft ausgestattet ist.

Eine Frage, die ich mir mittlerweile stelle, lautet: Wie weit geht eben diese Rolle als Bundestrainer? Hört diese Aufgabe und Verantwortung irgendwo auf? Und wenn ja, wo fängt sie dann wieder an? Meiner Meinung nach kann es diese Rollentrennung nicht geben. Faris ist Bundestrainer der DTU, deswegen – und wegen seiner prominenten Vorgeschichte als Athlet und Coach – ist er das Aushängeschild Nummer eins des Verbandes. Er trägt eine große Verantwortung als Repräsentant für den Sport und ist Vorbild für viele Triathleten in Deutschland und auf der ganzen Welt.

Und ein Bundestrainer sollte sich genau diesen Anforderungen und Ansprüchen bewusst sein. Immer.

Nun, worum geht es denn jetzt? Es geht um die Corona-Pandemie. Um was auch sonst in diesen Tagen? Und es geht um das Verhalten von Faris auf seinem Twitter-Account. Dort teilt er ungefragt und ungefiltert Statistiken, Beiträge und Statements von Dritten. Offensichtlich und augenscheinlich findet Faris diese Inhalte richtig und unterstützenswert. Und das stimmt mich nachdenklich.

Dazu gehört unter anderem ein geteiltes Facebook-Posting, in dem der Autor „den Vögeln in Berlin“ mitteilt, dass „jetzt Schluss mit lustig ist“ und er hofft, dass „das Volk langsam aufwacht und den Druck erhöht.“ In einem selbstverfassten Tweet bezeichnet Faris den Wissenschaftler und Leiter des Robert Koch-Instituts, Dr. Prof. Lothar H. Wieler, als „Mr. Imkompetenz“.

Außerdem teilt Faris ein vermeidliches Aufklärungsvideo von Dr. Bodo Schiffmann – jemandem, der bereits mit dem ehemaligen Radiomoderator Ken Jebsen in dessen Show KenFM über COVID19 diskutiert hat. Um Ken Jebsen, seine Show KenFM und dessen Gesprächspartner, wie zum Beispiel Dr. Bodo Schiffermann, besser einordnen zu können, ist folgende Recherche von Correctiv interessant:

  • „Jebsens Gesprächspartner in den oft mehrstündigen Interview-Sendungen: Verschwörungstheoretiker, neurechte Denker und all jene, die sich gegen den „Mainstream“ stellen. Willy Wimmer beispielsweise, der 33 Jahre lang für die CDU im Bundestag saß und nun der Meinung ist, dass Politiker in Europa und in den USA an der Zerstörung der europäischen Völker arbeiteten. Oder Udo Ulfkotte, ein ehemaliger Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der nun Bücher über „Gekaufte Journalisten“ und kriminelle Ausländer schreibt. Oder Gerhard Wisnewski, der unter anderem die These vertritt, dass es die RAF nie gegeben habe; Geheimdienste seien für die Morde der Linksterroristen verantwortlich.“

Hinzu kommen weitere Beiträge und Kommentare, wirre Vergleiche zwischen Bienensterben und Corona-Mortalitätsraten und von Faris formulierte Fragen, wie: „Wer steuert die WHO?“ Auf seiner Website hat Faris außerdem einen Leserbrief, den er an den SPIEGEL geschickt hat, veröffentlicht. Dort steht, so wörtlich: „Ich schäme mich für ein Volk, das nach einem verlorenen Weltkrieg unter einer imperialen Monarchie, einem noch größeren verlorenen Weltkrieg unter einer Nazidiktatur und einer sozialistischen Diktatur immer noch die Hände an die Hosennahnt legt und „Jawohl mein Führer !“, schreit statt sich zu besinnen, daß die Momente, in denen es kontroverse Diskussionen mit Entscheidungen aus einem breiten Meinungsspektrum heraus gab, sicher die besseren Momente waren.“

Und zwischen all meinem Kopfschütteln und Ungläubigkeit darüber, wie und was Faris über Twitter kommuniziert, dann dieser Tweet:

Screenshot: Tweet von Faris Al-Sultan, in dem er seine private Meinung von seinem Job als Trainer trennt

Übersetzt: „Zur Klarstellung: Ich habe ein Privatleben. Meine private Meinung hat nichts mit meinem Job zu tun. Wenn Du zu mir als Coach sprechen willst, dann habe ich eine Business-Mailadresse.“ Phew, harter Tobak.

Genau an diesem Punkt kann eine Diskussion beginnen. Nicht über Corona, nicht über Gesellschaft oder Politik. Sondern darüber, was sich ein Bundestrainer in der Öffentlichkeit erlauben und leisten kann. Welche Verantwortung geht mit der Rolle als Bundestrainer einher? Faris darf natürlich seine Meinung haben, wie er möchte.

Aber als Bundestrainer, als Aushängeschild des deutschen Triathlonsports und als Repräsentant der Deutschen Triathlon Union, als Persönlichkeit in der Öffentlichkeit, ist eine Abgrenzung zwischen „Faris Bundestrainer“ und „Faris Privatmann“ eben kaum noch möglich.

Ich habe Faris nach seinen Beweggründen gefragt und mit welchem Ziel er seine Kommunikation über Twitter von Triathlon, Nationalmannschaft und Trainingslager auf COVID19-Thematiken umgestellt hat. „Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, das schließt auch einen Bundestrainer nicht aus“, findet Faris. Außerdem frage ich ihn, warum er das Gefühl hat, seine Meinung zu dem Thema mitteilen zu wollen oder zu müssen. Die Antwort: „Wer schweigt signalisiert Zustimmung.“ Und was ist mit seiner Verantwortung als Bundestrainer? Faris: „Meine Meinung musste jetzt einfach raus, die Situation war unerträglich für mich. Das geht dann vor.“

DTU distanziert sich vom Bundestrainer

Auf Nachfrage bei der DTU, wie man dort die aktuelle Kommunikation von Faris bewertet, heißt es: „Die DTU distanziert sich von den Äußerungen von Faris Al-Sultan, die dieser auf seinem privaten Twitter-Account getätigt hat. Die DTU respektiert die Vorgaben der Bundesregierung im Umgang mit der Corona-Pandemie und handelt nach diesen. Jedoch können persönliche Äußerungen weder verboten, noch sanktioniert werden, solange dies in der Freizeit geschieht und mit dem Arbeitsverhältnis nichts zu tun hat.“

Außerdem hat die DTU bereits Gesprächsversuche unternommen: „Faris Al-Sultan hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wir haben das Gespräch mit Faris gesucht, um ihm den Standpunkt der DTU in dieser Sache zu vermitteln und ihn für seine Rolle in der Öffentlichkeit zu sensibilisieren und die Verantwortung, die diese mit sich bringt.“

Bundestrainer: Beruf oder Berufung?

Meine persönliche Meinung zu diesem Geschehen und der Kommunikation von Faris lässt sich in etwa so zusammenfassen: Schuster, bleib‘ bei Deinen Leisten. Ein Bundestrainer sollte sich stets dessen bewusst sein, wofür er und sein Amt steht und welche Gesamtverantwortung damit einher geht. Faris scheint das in Zeiten der Corona-Pandemie zu vergessen. Eine Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben mag es geben – jedoch nicht in einer solchen Position, wie der des Bundestrainers und schon gar nicht im Falle der öffentlichen Kommunikation zu gesellschaftliche oder politischen Themen.

Und wenn man als Bundestrainer – einer Position, in der man Respekt und Achtung von Athleten, Mitarbeitern, Medien und Sponsoren der eigenen Person erwartet – sich doch dazu berufen fühlen sollte, gesellschaftliche und politische Themen und Meinungen nicht nur zu verbreiten, sondern auch zu unterstützen, dann sollte das mit der nötigen Sorgfalt, Distanz und Fingerspitzengefühl passieren. Leitende Wissenschaftler oder Politiker despektierlich als „Mr. Inkompetenz“ oder „Vögel aus Berlin“ zu bezeichnen, ist der falsche Weg und dem Bundestraineramt tatsächlich nicht würdig.

Eure Meinung würde mich interessieren: Wo fängt das Amt und die Verantwortung des Bundestrainer an? Wo hört es auf? Schreibt gerne hier in die Kommentare oder steigt in die Diskussion unter dem Posting auf Facebook ein.

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