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Quali-Tourismus für den Ironman Hawaii: Kona um jeden Preis?

Vor einigen Tagen flatterte eine Nachricht mit folgender Frage in unser Pushing Limits-Postfach: Was haltet ihr eigentlich davon, wenn ein Athlet um die halbe Welt fliegt, um sich bei einem Ironman 70.3-Rennen für den Ironman Hawaii zu qualifizieren? Ein Thema, bei dem sich die Geister scheiden.

Niclas Bock Ehrlich währt am längsten
27. September 2019 Kona 2019
  • Titelbild: Getty Images for Ironman

Der Ironman Hawaii ist das Elixier der World Triathlon Corporation. Eine Teilnahme bei der Ironman Weltmeisterschaft in Kailua-Kona auf Big Island ist so etwas wie der Ritterschlag für jeden Ausdauersportler, der es geschafft hat, sich durch eine besondere Leistung für dieses Rennen zu qualifizieren. Bei weltweit 41 Ironman-Wettkämpfen haben Athleten die Chance sich einen der begehrten und umkämpften Hawaii-Slots zu sichern. Mittlerweile sind es über 2.400 Athleten, die sich im Oktober jedes Jahres in der Hitze Hawaiis messen und die Weltmeister ihrer Altersklassen suchen.

Die romantische Vorstellung, dass es beim Ironman Hawaii nur um sportliche Absichten geht ist längst überholt. Auf der einen Seite geht es bei Ironman natürlich um 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen – alles zusammengefasst in qualitativ hochwertig organisierten und durchgestylten Events. Auf der anderen Seite geht es bei Ironman aber auch ums Business. Das ist natürlich in gewissen Maßen in Ordnung und nachvollziehbar.

Über die halbe Strecke zum Ironman Hawaii

Neben den 41 Qualifikations-Wettkämpfen, die alle über die volle Ironman-Distanz von 226 Kilometern ausgetragen werden, gibt es mittlerweile auch vier Ironman 70.3-Rennen, bei denen Hawaii-Slots vergeben werden. Ironman 70.3 ist quasi der kleine Bruder eines Ironmans und wird über die halbe Distanz ausgetragen (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren, 21 Kilometer Laufen).

  • Ironman 70.3 Rennen, bei denen eine Hawaii-Quali möglich ist:

  • Ironman 70.3 Hawaii: 30 Slots
  • Ironman 70.3 Shanghai: 25 Slots
  • Ironman 70.3 Xiamen: 25 Slots
  • Ironman 70.3 Liuzhou: 25 Slots

Mit Ausnahme des Ironman 70.3 Hawaiis handelt es sich also ausschließlich um Rennen, die in China stattfinden. Aber auch beim Ironman 70.3 Wiesbaden, der mittlerweile nicht mehr ausgetragen wird, wurden im Jahr 2013 Hawaii-Slots vergeben. Es ist also kein Phänomen, das gerade neu aufgeploppt ist. Wie auch immer – die Frage, die sich stellt, lautet: Muss das sein?

Quali-Tourismus: Der „einfache“ Weg nach Hawaii?

Nun, auch bei einem dieser Ironman 70.3-Events muss man sich erstmal über sportliche Leistung für einen Slot qualifizieren und den Slot in seiner Altersklasse ergattern, das ist klar. Es gibt sogar schon prominente Beispiele, die diesen Weg bereits gewählt haben: Jan Sibbersen, Sailfish-Chef und Patrick Lange-Manager, hat sich 2017 beim Ironman 70.3 Qujing einen von 30 Kona-Slots gesichert und ein Jahr später beim Ironman 70.3 in Xiamen nochmal den Weg über Asien nach Kona gewählt.

Ironman eröffnet diesen Weg, daher ist es auch nachvollziehbar, das manche Athleten ihn einschlagen.

Der asiatische Triathlonmarkt ist wichtig für das Ironman-Unternehmen und mit den ausgelobten Kona-Slots schafft man natürlich den nötigen Anreiz, um Starter auf die Rennen in China aufmerksam zu machen und sie nach Fernost zu locken. Die Reisedauer von Frankfurt nach Xiamen beispielsweise beträgt roundabout 30 Stunden. One way. Zu einem 70.3-Rennen. Als Amateur. Just sayin‘. Da muss man es schon sehr doll wollen.

Eigentlich haben die Leute, die aus Mitteleuropa solch einen Trip auf sich nehmen, per se einen Kona-Slot verdient.

Spaß beiseite. Aber wenn ein Triathlet den Traum vom Ironman Hawaii träumt, sollte der Weg dann nicht auch klassisch über die Ironman-Distanz nach Kona führen? Ich habe mir dazu noch keine ganz abschließende Meinung gemacht, daher würde mich durchaus interessieren, was ihr da draußen darüber denkt. Mein erster Gedanke ist: Wenn jemand zum Ironman Hawaii möchte, dann nicht über die Quali bei einem 70.3-Rennen. Und das sage ich, ohne damit jemandem persönlich zu nahe treten zu wollen.

Ich fände es zum Beispiel unter folgendem Aspekt sinnvoll, wenn die Kona-Quali nur über die volle Distanz möglich wäre: Der Athlet würde damit beweisen, dass er dazu in der Lage ist, einen Ironman über 226 Kilometer gesund zu absolvieren. Theoretisch ist es nämlich möglich, dass jemand, der sich irgendwo in China über die halbe Distanz qualifiziert hat, beim Ironman Hawaii seine erste Langdistanz absolviert. Finde ich nur geht-so-cool.

Ironman-Hype um jeden Preis?

Aktuell vergibt Ironman also 105 Slots für die Weltmeisterschaft auf Hawaii bei 70.3-Wettkämpfen. Komisch wird es, wenn man den Blick ein bisschen aufs Detail richtet: Beim Ironman 70.3 Liuzhou sind im April gerade einmal 707 Triathleten und Triathletinnen ins Ziel gekommen, vernichtend wenig. Beim 70.3 in Xiamen waren es immerhin 1.068 Finisher und in Shanghai erreichten auch nur 933 Sportler das Ziel. Das sind Peanuts im Vergleich zu den europäischen Rennen, bei denen die Finisherzahlen sich im Bereich um 2.000 bewegen. Bei all diesen Rennen werden jeweils 25 Slots verteilt. Ob es bei diesen Quali-Rennen in Asien also die nötige Leistungsdichte gibt, um einen Start bei der Ironman WM auf Hawaii zu rechtfertigen, wäre zu diskutieren.

Eine kleine Beispielrechnung: Beim Ironman 70.3 Liuzhou wurden alle 25 Slots auf 574 Männer verteilt (die Frauen ging leer aus). Das bedeutet 1 Slot auf 23 Athleten. Beim Ironman Hamburg wurden 31 Slots auf 1.939 Männer gegeben, heißt: 1 Slot auf 62. Diese Milchmädchenrechnung spricht zumindest mal für eine bessere Quote in Liuzhou und nicht unbedingt für Hamburg, wenn man unbedingt die Hawaii-Quali möchte.

Was ist mit folgendem Argument? „Ich habe es bei einem Ironman versucht, bin aber ganz knapp an der Quali vorbei geschlittert. Deswegen bin ich nach Asien gereist und habe es dort dann geschafft.“ Ehrlicherweise muss man sagen: Nicht jeder Sportler muss sich für den Ironman Hawaii qualifizieren. Auch wenn es ein ganz großer Traum sein mag, aber wäre es nicht dennoch zu akzeptieren, wenn man die Qualifikation bei einem vollen Ironman nicht schafft? Knapp daneben ist eben auch vorbei.

Fazit: Versteht mich nicht falsch

Versteht mich bitte nicht falsch, ich gönne jedem Sportler einen Start beim Ironman Hawaii. Und wenn er die Quali geschafft hat, egal wie und wo, dann freut es mich, dass sein Traum wahr wird. Aber dass Ironman diese Möglichkeit geschaffen hat, das finde ich bescheuert. Muss man an jedem Ort der Welt einen Triathlon veranstalten? Und muss man sein eigenes Elixier aussaugen, um die Teilnehmerfelder einigermaßen voll zu bekommen, weil man nicht weiß, wie man das Geschäft anders ans laufen bringen soll? Hach, Ironman.

7 Kommentare

  1. aus meiner Sicht zuviel „mimimi“ in dem Beitrag. Überall im Sport gibt es Willkürlichkeiten. Um sich über die Asien Gruppe für die Fußball WM zu qualifiziren, muss man sicher nicht so gut kicken können wie in Europa oder Südamerika. die viertbeste deutsche Rennrodlerin fährt locker unter die Top 10 bie einer WM, es dürfen aber nur 3 aus einem Land starten. Ähnlich ist es bei den Chinesen im Tischtennis. Es ist nun mal nicht alles völlig gerecht in der Welt. Wer clever plant und sich die richtigen IM Rennen raussucht,um den Slot zu bekommen, hat es eben auch verdient.

  2. Generell denke ich es ist jedem selbst überlassen und da Ironman den Weg ja anbietet völlig legitim. Ist eben Business und nichts anderes. Und da IRONMAN Marktführer sind, entscheiden die nunmal die Regeln. Wem das nicht passt, der kann ja boykottieren. Gibt ja auch Legacy Programm und Versteigerungen, von daher…
    Bedenklich ist das Ganze höchstens gesundheitlich, da das problemlose Absolvieren einer Mitteldistanz noch lange nicht ein verletzungsfreies Rennen in KONA bedeutet. Aber dafür unterschreiben ja alle die Waiver vor dem Rennen 😉

  3. Stimme den beiden vor mir zu. Schön ist es nicht, aber hey, im (Sport-)Leben gibts viele Ungerechtigkeiten. Warum also über etwas aufregen, das man definitiv nicht ändern kann? Die Energie investiere ich lieber in wichtigere Dinge wie Training. 😉

  4. Hmm… gute Frage… wenn es die Möglichkeit gibt, ist den Athleten nichts vorzuwerfen. Wer möchte kann das nutzen.
    Von Seiten der Verantwortlichen finde ich es nicht gut – für eine WM über die Langdistanz sollte man sich auch nur über eine Langdistanz qualifizieren können. Die Slots könnten viel besser auf die bestehenden Rennen über die volle Distanz verteilt werden.

  5. Ist es nicht bereits ein Ritterschlag, sich bei einem 226er einen Slot zu holen? Dieses Gefühl, sich klassisch für die WM qualifiziert zu haben ist doch das Eigentliche.
    70.3 Qualis sind doch nur Marketing. Schön, wenn es klappt, aber da eine 226er 4 mal so weh tut als ein 70.3, ist der Stolz ein ganz anderer. Ich bin zwar auch über Legacy spätestens 2022 dabei, aber dennoch ist das Ziel die direkte Quali bei einem der 41.

  6. Als direkt Betroffene (die es leider nicht geschafft hat) fehlen mir ehrlicherweise die Worte, wenn ich höre, dass sich in Asien 1 aus 23 über eine Mitteldistanz qualifiziert, während man in Europa als 5. schnellste Frau (gesamt ohne Pro‘s) keinen Slot bekommt…und trotzdem würde ich persönlich nicht den Weg über Asien/70.3 gehen wollen – dann habe ich es nunmal nicht verdient nach Hawaii zu kommen 🤷🏻‍♀️ aber das muss sicherlich jeder selbst entscheiden, ob das seinem Anspruch an sich selbst gerecht wird…

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